http://www.faz.net/-gr3-ompu

: Ampelmännchen im Gleichschritt

  • Aktualisiert am

Keine Frage: Ein Hauptmerkmal der "Moderne", die zum Neujahrstag 1887 von einigen progressiven Berliner Jungliteraten auf diesen Namen getauft worden war, ist der technisch forcierte Verkehr. 1825 war in England die erste Dampflokomotive auf Eisenschienen gesetzt worden; 1885 baute Carl Benz den ersten ...

          Keine Frage: Ein Hauptmerkmal der "Moderne", die zum Neujahrstag 1887 von einigen progressiven Berliner Jungliteraten auf diesen Namen getauft worden war, ist der technisch forcierte Verkehr. 1825 war in England die erste Dampflokomotive auf Eisenschienen gesetzt worden; 1885 baute Carl Benz den ersten Motorwagen und Gottlieb Daimler das erste Motorrad; 1891 fuhr in Berlin die erste elektrische Straßenbahn. Dank der technischen Perfektionierung dieser Vehikel, dank des zügigen Ausbaus der Schienennetze und dank der Asphaltierung der Straßen entstand in Berlin wie in den anderen Metropolen der moderne, also rasante, turbulente, lärmende und stinkende Verkehr, der das Leben in den großen Städten prägte, die Menschen in Bewegung brachte, manche geradezu in einen Taumel versetzte und bald erschreckend viele Opfer forderte.

          Die Literatur der Moderne hat dies selbstverständlich nicht übersehen, sondern vielfach reflektiert: Wichtige Romane der Moderne - "Ulysses" (1922), "Manhattan Transfer" (1925), "Berlin Alexanderplatz" (1929) - können geradezu als "Verkehrsromane" bezeichnet werden, wie dies Johannes Roskothen in seiner Düsseldorfer Habilitationsschrift tut. Und nicht nur dies: Mit dem Futurismus war bereits 1909 eine Ästhetik proklamiert worden, die der apparativen Beschleunigung der menschlichen Bewegungs- und Kommunikationsfähigkeit durch eine entsprechende Modifikation des künstlerischen Ausdrucks gerecht zu werden suchte: durch die Befreiung der Wörter aus dem homerisch alten Satzgefüge und durch die Entwicklung eines raketisierenden Explosivstils - "Parole in libertà!"

          Diesen Phänomenen, dem modernen Verkehr und seiner literarischen Reflexion, gilt das Interesse Roskothens. Das Ziel seiner Studie, einen Beitrag "zu einer poetischen Theorie der Moderne" zu liefern, liegt jenseits der Literaturwissenschaft im traditionellen Sinn, ist durch ein "kulturwissenschaftliches" und näherhin "kulturanthropologisches" Erkenntnisinteresse bestimmt. Es geht darum, den Verkehr der sich herausbildenden Moderne, also im Kern der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, in seiner epochalen Bedeutung wahrzunehmen und zu verstehen: "Die Konfigurationen alltäglicher ,moderner' Wirklichkeit" - oder anders gesagt: die "transitorischen Ornamente" des Verkehrs - "werden zu materialen Hieroglyphen, deren entziffernde Lektüre den mentalen Gehalt einer Epoche freisetzt".

          Was zeigt nun die Lektüre des Verkehrs oder, wie man eigentlich sagen muß: der vielen Bücher aller Art, in denen der Verkehr der beginnenden Moderne vergegenwärtigt wird? Fürs erste das, was er - Roskothen zufolge - in Irmgard Keuns collageartigem Roman "Das kunstseidene Mädchen" (1932) "metonymisiert": "eine allumfassende mentale, soziale und topographische Delokalisierung", eine "wurzellose Transitorik", in der sich der "universale Verlust von ,festen' Denksystemen, Normen und einer ortsstabilen Lebensführung verdichten". Moderner Verkehr bedeutet rasante und immer weiter ausgreifende Zirkulation, zu deren Gunsten feste Bindungen oder tiefe Verwurzelungen aufgelöst werden müssen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Chinas Einfluss : Die Schlinge in Hongkong zieht sich zu

          Lange haben sich die Bewohner Hongkongs gegen den Einfluss Chinas gewehrt. Selbst bei Regen gingen sie auf die Straße, um demokratische Rechte einzufordern. Nun erhöht China den Druck.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.