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: Am Donnerstag war wieder einmal Pfingsten im Seminar gewesen

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Woran sich gute Lehre und gute Forschung zeigen, darüber stellen Wissenschaftsverwalter seit Jahren Überlegungen an. Hochschulinstitute erstellen Ranglisten von Schulen und Universitäten, indem sie Umfragen machen, Zitierhäufigkeiten ermitteln oder die Summe der eingeworbenen Mittel, Betreuungsquotienten und die Öffnungsdauer der Bibliothek messen.

          Woran sich gute Lehre und gute Forschung zeigen, darüber stellen Wissenschaftsverwalter seit Jahren Überlegungen an. Hochschulinstitute erstellen Ranglisten von Schulen und Universitäten, indem sie Umfragen machen, Zitierhäufigkeiten ermitteln oder die Summe der eingeworbenen Mittel, Betreuungsquotienten und die Öffnungsdauer der Bibliothek messen. Für den einzelnen Lehrer und Forscher sind solche Gesichtspunkte nur bedingt instruktiv, hat er doch die meisten Stellgrößen nicht in der Hand. Allenfalls kann er, was die Häufigkeit des Zitiertwerdens anlangt, versuchen, sich an die herrschende Mode seines Faches zu halten und durch unablässiges Publizieren sowie das Stellen von Förderanträgen, also das Ausdenken solcher Projekte, gegen die seine Kollegen nichts haben, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, im Strom mitzuschwimmen.

          Ob davon die Studenten etwas haben, hängt vom Glauben an die Einheit von Forschung und Lehre ab. Wer diesem Glauben nicht anhängt, kann es mit Didaktik probieren. Sie ist das zur administrativen Betrachtung höherer Bildung komplementäre Verfahren. Aus prinzipiellen Erwägungen dessen, was Lehren heißt, werden durchschnittlich erfolgreiche Techniken abgeleitet und Haltungen empfohlen. Schaut man sich jedoch den im Durchschnitt vorherrschenden Unterrichtsstil an, dann wird er kaum von didaktischen Überlegungen bestimmt, sondern auch  an Hochschulen von persönlichen Gewohnheiten, den Unterrichtsmaterialien und den klassischen Mitteilungsformen wie dem Referat, der Vorlesung, die meist eine Ablesung ist, oder der Seminarfrage "Fällt dazu einem etwas ein?"

          Der Gedanke, der George Steiners Buch über Meister und ihre Schüler zugrunde liegt, ist bezwingend. Würde es nicht zum Verständnis guter Lehre genügen, sich anzuschauen, was diejenigen taten, die als Lehrer Geschichte machten? Ähnlich könnte nach den Bedingungen guter Forschung gesucht werden, indem man fragte, welche Umstände die Werke, sagen wir von David Hilbert, Hans Blumenberg oder Gaston Bachelard ermöglicht haben. Oder nach den Faktoren von Gruppenleistungen wie denen aus der Bell-Laboratorien, des Warburg-Instituts, von "Poetik und Hermeneutik". Täte es nicht forschungspolitisch not, sich über historische Fälle von Exzellenz zu informieren, um eine Ahnung davon zu gewinnen, wovon gute Forschung abhängt, anstatt anschauungslos den Formeln von "Interdisziplinarität", "Evaluation" und "Netzwerk" zu folgen? George Steiner versucht für die Lehre eben dies: eine Anschauung und einen Begriff meisterhaften Unterrichts zu erlangen. Dabei begrenzt er die Suche nach "echter Lehre" nicht auf die Universität. Auch Sokrates und Christus, die gewiß keine Forscher waren, lehrten. Intellektuelle Zirkel wie der pythagoräische, der neuplatonische oder der von Stefan George folgten ebenfalls der Unterscheidung von Meister und Schülern. Selbst in Werken wie die "Göttliche Komödie" oder Marlowes "Faust", der nun gerade kein Lehrer war, sieht Steiner Fragen der Unterweisung und Schülerschaft aufgeworfen. Doch sollte, wer so heterogene Stoffe wie die Vorsokratiker und das französische Gymnasium um 1900 unter einem Gesichtspunkt verarbeiten will, über eine klare Vorstellung verfügen, worauf er hinauswill. Das weiß George Steiner offenbar nicht. Genauer: Er will auf etwas hinaus, aber dieses Etwas ist nichts Klares.

          Um Äquivokationen unbekümmert, bilden ihm religiöse und ästhetische, wissenschaftliche und universitäre Lehre einen unauflösbaren Zusammenhang. In jedem Professor steckt für Steiner, sofern es ein "echter Lehrer" ist, ein Charismatiker, ein Erotiker, ein Weiser, ein Handwerksmeister und ein Vater. "Sokrates und Heilige lehren durch ihre Existenz." Ach, das geht also auch? Sogar die Frage, ob man  für "Offenbarung" ein Gehalt aussetzen sollte, beschäftigt den Autor.  "Warum bin ich", schließt er an, nicht ohne damit das eigene Wirken in Offenbarungskontexte zu rücken,  "entlohnt worden, habe Geld erhalten für das, was für mich Sauerstoff und raison d' ètre ist?" Die eigenen Donnerstagsseminare seien Pfingsten nahegekommen. Man muß sich Professor Steiner als einen von Rollenerwartungen ziemlich belasteten  - um nicht zu sagen: von ihnen ziemlich berauschten - Menschen vorstellen.

          Dazu paßt der unkonzentrierte, in eigene Assoziationen verliebte Stil. Am liebsten schwärmt George Steiner, er schwärmt für große Lehrer, vor allem für Heidegger und die chassidischen Rabbiner, für Nietzsche, der zwar nur drei, vier Studenten hatte, aber viel über Bildung und Schopenhauer als Erzieher nachdachte, und für Henry Adams, der auf seinem Bildungsweg nur einen Meister fand, den Paläontologen Louis Agassiz. Doch wie seltsam, auch das Schwärmen und selbst das höchste Lob reißt nicht mit. Oft liegt das am hohen Ton, den Steiner sich zumutet: "Große Lehre ist Schlaflosigkeit" oder "Ein richtiger Meister sollte zum Schluß allein sein" oder "Was wir auswendig wissen, wird in uns reifen und sich entfalten" - mitunter auch nicht, möchte man sagen. Ähnlich mitreißend wirken  die vielen onkelhaften Randurteile. Donne im Vergleich zu Marlowe: "von trockenerer Machart". Henry James: "Sein Vitalismus grenzt an den von Nietzsche". Kants Prosa: "verdienstvoll, aber staubtrocken". Flaubert ist tot, die Angst davor, in einem "Sottisier", dem Wörterbuch der Universalphrasen zu landen, hat offenbar abgenommen.

          Dabei sind viele der pädagogischen Situationen, die Steiner aufruft, für eine Theorie des Unterrichts von äußerstem sachlichem Interesse. Wieviel ließe sich nicht aus der Frage machen, was Maupassant von Flaubert gelernt hat?  Die acht Seiten über Emile-Auguste Chartier, den großen Gymnasiallehrer  am Lycée Henri-IV., der unter dem Namen "Alain" publizierte, bergen Material für ein ganzes Kapitel. Die unmittelbare Evidenz der Schüler Heideggers, in seinen Vorlesungen einem bedeutenden Lehrer zu begegnen, könnte eine hilfreiche Analyse dieser Vorlesungen anleiten. Das chassidische Schrifttum enthält die Aufforderung, sich über die Bedeutung von Humor, Rätsel und paradoxer Mitteilung in der Entstehung von Traditionen klar zu werden. Und auch so dankenswerte Hinweise wie denjenigen Steiners, daß es im Football, im Go und im Schach große Lehrer gibt, deren Praxis etwas über guten Unterricht sagen könnte, sind festzuhalten.

          Aber Steiner selbst nimmt sich keine Zeit, um dem allem nachzugehen, behandelt sein Material mehr als Zeugnis der eigenen Belesenheit und des Reichtums der kulturellen Tradition denn als Quelle der Pflicht, sich begrifflich und philologisch anzustrengen. So kann er über Augustinus sprechen, ohne sich die Frage zu stellen, welcher Art die Lehre in den spätantiken Rhetorenschulen war, über die Henri Marrou so erhellend geschrieben hat. So spielt nur Dante, aber weder das Kloster noch die Universität eine Rolle für sein Bild mittelalterlicher Lehrideen. So ist es ihm auch für die Lehrsituation einerlei, ob Schüler in Schulen unterrichtet werden, wo sie nicht leicht weglaufen können, oder ob es sich um akademische Lehre handelt, in die man sich freiwillig begibt. "Schlechte Lehre ist nahezu buchstäblich mörderisch und in übertragenem Sinn eine Sünde." Das ist nicht nur unbeholfen formuliert - wie kann etwas mörderisch sein und doch nur im übertragenen Sinn eine Sünde? -, das stimmt auch für alle Fälle nicht, in denen den Schülern die Möglichkeit offen steht, den Kurs zu wechseln.

          Ähnlich wenig kümmert sich Steiner um andere pädagogische Grundunterscheidungen. Lehre durchs Beispiel ist etwas anderes als Lehre durchs Unterrichtsgespräch, Studieren etwas anderes als Trainieren, die Mitteilung von Wissen etwas anderes als die Anregung zum Denken. Und gewiß ist jenes Können, das in Werkstätten oder Ballettsälen vermittelt wird, anderen Bedingungen unterworfen als das Studium von Texten, das auf ihr Verstehen, aber nicht auf die Fähigkeit des Schülers zielt, selber Stücke dieser Art herzustellen. Steiner weiß, daß es solche Unterschiede gibt, aber er streift sie allenfalls im Vorübergehen, ohne aus ihnen viel zu machen.

          Woran liegt das? Wie kommt es, daß eine so gute Buchidee von einem klugen Autor hier so sehr unterhalb ihrer und wohl auch seiner Möglichkeiten vorgetragen wird? Die Antwort gibt der seltsamste Befund, der sich an diesem Buch machen läßt: George Steiner erzählt zweihundert Seiten lang Geschichten über eindrucksvolle Lehrer, ohne offenbar selbst einen gehabt zu haben. Die Begeisterung ist angelesen. Dagegen ist nichts zu sagen: Man kann nicht alles selber erfahren haben. Aber Steiner wendet zu wenig Gedanken an diesen Tatbestand selber. Er ist auf der Suche nach Größe und Autorität, welche Lehre immer durch sie vermittelt wurde. Er strebt nach dem Gefühl, das diejenigen gehabt haben müssen, die einem großen Lehrer begegnet sind und dem Schauer des Jüngers gegenüber dem Meister.

          Es ist diese sentimentale Absicht, die Steiners Buch so kraftlos macht, weil sie seine Bewunderung sich so wahllos auf alles erstrecken läßt. Selbst die zweifelhaftesten Momente an erzieherischer Autorität ästhetisiert er zum erschreckend-erotischen Faszinosum des Lehrers, der "mit radikal ,totalitärem', psychosomatischem Griff Hand an den lebendigen Geist seiner Studenten oder Jünger" legt - und entscheidet sich fürs Anziehende dieser Vorstellung. Lehre sei Verführung, Überzeugenwollen, Werben um Aufmerksamkeit. Alle sachlichen Unterscheidungen am Lehren läßt Steiner in der persönlichen Attraktion des Lehrers verschwinden. Mithin sucht er im Bild des Lehrers das Einmalige, aus dem sich gerade nichts lernen läßt, anstatt das, was jede Generation um der Tradition und der Einübung Jüngerer ins Denken willen zu leisten hat.

          Steiner "würde unser gegenwärtiges Zeitalter als das der Respektlosigkeit bezeichnen". Mag sein, daß er recht hat, aber der Respekt, den er gegen die Vermassung und den Rummel um Sportstars, Popleute und Gangster als Ikonen für die Tradition einfordert, wird nur über die Sachen zu gewinnen sein, die Platon, Freud oder Alain bewegten - nicht über die Beschwörung eines demütigen Habitus. "Wo sich Männer und Frauen barfuß hinschleppen, um sich einen Meister zu suchen", behauptet Steiner, "ist die Lebenskraft des Geistes sichergestellt." Leider nicht, sondern nur Folgebereitschaft, die auch anderem gelten kann als dem Geist. Steiners Buch muß um seiner Idee willen noch einmal geschrieben werden. Zu seinem Lob ist zu sagen, daß es, aufgrund dieser guten Idee, auch noch einmal geschrieben werden kann.

          George Steiner: "Der Meister und sein Schüler". (Lessons of the Masters). Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. Carl Hanser Verlag, München 2004. 221 S., geb., 21,50 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004, Nr. 233 / Seite L40

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