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Alpenverein und Bergsteigen 1918 bis 1945: Berg Heil Als die Bergvagabunden herrschten

 ·  Darf man heute noch „Berg Heil!“ sagen? Drei Alpenvereine untersuchen ihre Geschichte in den Jahren 1918 bis 1945. Herausgekommen ist ein Buch, das in keiner Hüttenbibliothek fehlten darf.

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© Verlag Hier übte er noch für den „Schicksalsberg der Deutschen“, den Nanga Parbat: Karl Wien 1931 am Schneefirst der 7275 Meter hohen Kangchendzönga

Im Gipfelbuch der Schesaplana, des mit 2965 Meter höchsten Gipfels des Rätikon, finden sich im Mai 1934 auf einer Seite direkt untereinander folgende Eintragungen: „Wir grüßen Deutschland, indem wir den größten Deutschen grüßen: Heil Hitler. Ein Deutscher.“ - „Sau Hitler“ - „Heil Hitler“ - „Politik gehört nicht in die Berge!!“ - „Bravo, unterstützt.“ Jemand hat noch ein Hakenkreuz in das Buch gemalt und ein anderer das nationalsozialistische Symbolzeichen und die Einträge wütend mit Bleistift durchgestrichen.

Diese heftige Auseinandersetzung einiger namenloser Bergsteiger kann als symptomatisch gelten: Die zwanziger und dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stehen im Zeichen einer beispiellosen Politisierung des Alpinismus. Die Alpen als geographischer Raum - Südtirol wurde am Ende des Ersten Weltkriegs von Italien besetzt -, vor allem aber die scheinbar so unpolitische Praxis der Bergsteiger, vom Vereinsleben der Alpenvereinssektionen bis zum Extremalpinismus und den ersten Auslandsbergfahrten, wurden von der Ideologisierung aller sozialen Lebensbereiche erfasst. Und so fand sich der Alpinismus, der seit dem neunzehnten Jahrhundert auch eine Fluchtbewegung aus industrialisierter Moderne und politischem Parteienstreit gewesen war, selbst auf dem Gipfel der Schesaplana in einen politischen Kampf verstrickt, der alles Gerede von Bergkameradschaft übertönte.

Für den Rucksack zu schwer

Auffällig ist hier aber nicht nur die Anhänger- oder drastische Gegnerschaft zu Hitler, sondern die Meinung, dass Politik „nicht in die Berge“ gehöre. So sahen es nicht wenige Bergwanderer und Kletterer, und zwar auch nach 1945. Daher dauerte es lange und bedurfte heftiger Anstöße von außen, bis sich die alpinen Vereine in größerem Maße der eigenen ideologischen Verstrickung zuwandten. In einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten geschah das seit den neunziger Jahren; jetzt widmet sich im Münchner Alpinen Museum ein Ausstellungsprojekt des Deutschen, Österreichischen und Südtiroler Alpenvereins den Jahren der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus. Vor allem aber untersucht das Begleitbuch mit dem Titel „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 bis 1945“ erstmals umfassend die alpine Vereins- und Kulturgeschichte jener Jahre.

Der umfangreiche und hervorragend bebilderte Band, in dem sich auch ein Faksimile der oben geschilderte Gipfelbuchseite findet, spannt dabei den Bogen vom Alltag bis zur deutschnationalen Politisierung der Vereinsfunktionäre in den zwanziger Jahren und zum Antisemitismus; die Rolle des deutsch-österreichischen Vereins in den dreißiger Jahren und die hochumstrittene Südtirol-Frage sind ebenso Thema wie der Expeditionsalpinismus sowie wissenschaftliche Projekte und Publikationen des Vereins. Die durchwegs auf Archivarbeiten basierenden Beiträge sind zwar nicht immer leicht zu lesen, und der Band ist vielleicht etwas schwer für den Rucksack, doch gehört er in jede Hüttenbibliothek.

Am nächsten bei traditionellen alpinen Heldengeschichten bleibt der Abschnitt zum „Spitzenbergsport“, in dem Kletteravantgarden, Gipfelsiege und tödliche Abstürze verhandelt werden. Sichtbar wird aber auch hier eine Ideologie alpiner „Taten“, die Verklärung von Stählung und Kampf, Schicksalsergebenheit und Todesverachtung: „Dort, wo die Felsadler hausen, herrscht einsam der Bergvagabund.“ Dass sich der alpine Eskapismus bestens politisch instrumentalisieren ließ, zeigte sich spätestens 1938, als die Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand zur pressewirksamen Gratulation in die Berliner Reichskanzlei bestellt wurden. Ebenso selbstverständlich waren bei den deutschen Himalaja-Expeditionen der dreißiger Jahre Hakenkreuzfahnen für das Gipfelfoto im Gepäck; nur endeten die Versuche, die „Berge der Welt“ für Deutschland zu erobern, durchwegs in Katastrophen.

In der alpinen Vereinsgeschichte entscheidend ist in den zwanziger Jahren die Frage des Antisemitismus, der teilweise schon vor dem Ersten Weltkrieg aufgekommen war. Hatten bereits 1919 einzelne Sektionen den „Arierparagraphen“ eingeführt, wurde die daraufhin gegründete Sektion Donauland, in der sich zahlreiche jüdische Bergsteiger zusammengefunden hatten, schon 1924 gleich komplett vom Alpenverein ausgeschlossen. Der Protest des damals fünfundachtzigjährigen Johann Stüdl, der 1869 zu den Gründungsmitgliedern des Alpenvereins gehörte, verhallte. Er beklagte das „himmelschreiende Unrecht“ und warnte vor dem „Fluch der bösen Tat“. Man mag es als finstere historische Gerechtigkeit empfinden, dass die Alpenvereine sich in den dreißiger Jahren ebenso vehement wie letztlich ergebnislos der völligen „Gleichschaltung“ im NS-Staat zu widersetzen versuchten.

Während diese Zusammenhänge, die der Band in (gelegentlich etwas verwirrender) Detailliertheit anhand der Akten erzählt, in Grundzügen als bekannt gelten können, ist die Bedeutung der „Südtirolfrage“ in dieser Form noch nicht untersucht worden. Aufschlussreich sind dabei nicht nur die Versuche, die verlorenen Berge und Schutzhütten doch noch als eigene zu reklamieren, sondern auch wissenschaftliche Projekte wie die alpine Kartographie und „Volkstumsforschung“. Schon die allererste Kartenpublikation des Alpenvereins nach dem Ersten Weltkrieg befasste sich 1920 mit dem Brenner-Gebiet, dreizehn Karten der Folgejahre galten Tirol. Und die Vortragstitel des Innsbrucker Historikers Otto Stolz sprechen Bände: „Alpinismus und Alpenverein in ihrer völkischen Bedeutung“ (1921), „Tirol als deutsche Südmark“ (1925), „Der deutschvölkische Gedanke und das Turnwesen in Tirol“ (1933).

Die Stärke des Bandes, solche politischen Codierungen des alpinen Raums und der alpinistischen Praxis archivalisch nachzeichnen zu können, bedingt freilich eine gewisse Begrenztheit des Blickwinkels. So werden die auch im Bergsteigen sichtbaren Züge der gesellschaftlichen Modernisierung, beispielsweise die verstärkte Akzeptanz kletternder Frauen, der Boom des Skisports und die Eroberung des Alpenbilds durch den Bergfilm, zwar gestreift, doch sie treten deutlich hinter vereinsgeschichtlichen Fragen zurück. Auch für weiter gehende Fragen nach der Imaginationsgeschichte der Alpen und ihren politischen Dimensionen bietet „Berg Heil!“ eine unverzichtbare Grundlage. Im Alpenverein ist nach der Ankündigung der Ausstellung im Winter eine heftige Diskussion entbrannt, wie man sich zum traditionellen, schon lange vor dem Nationalsozialismus üblichen Bergsteigergruß „Berg Heil!“ verhält. Der Band belegt eindringlich, dass die Idee, Politik gehöre nicht in die Berge, politisch eher blind ist: Sie hat sich ihrer, ob man will oder nicht, längst bemächtigt.

„Berg Heil!“ Alpenverein und Bergsteigen 1918 bis 1945.

Hrsg. vom Deutschen Alpenverein, Österreichischen Alpenverein und Alpenverein Südtirol. Böhlau Verlag, Wien 2011. 638 S., Abb., geb., 43,50 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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