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Veröffentlicht: 25.03.2016, 10:28 Uhr

Depression Das Biest erziehen

Es gibt nichts deprimierenderes als deprimierende Bücher über Depressionen. Alexander Wendt beschreibt seine Krankheit mal lakonisch, mal ironisch. Das erleichtert den Zugang zum Thema ungemein.

von Alexander Grau
© dpa Was um Himmels Willen ist mit mir los? Den meisten fällt es schon nicht leicht, sich einzugestehen, dass sie Hilfe benötigen.

In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 4,9 Millionen Menschen an Depressionen. Jeder fünfte Deutsche wird einmal in seinem Leben von ihnen heimgesucht. Jährlich begehen etwa 7000 Betroffene hierzulande Suizid. Wer einmal einen Kranken erlebt hat, weiß, wie niederschmetternd der Verlauf einer Depression sein kann. Es ist der Februar 2014, als Alexander Wendt seine Tasche packt und sich in die stationäre Behandlung einer psychiatrischen Klinik begibt. Es ist nicht seine erste depressive Phase. Die hatte er 1999, da war Wendt Anfang dreißig. Wie die meisten Betroffenen gestand Wendt sich über Jahre nicht ein, depressiv zu sein, und bekämpfte die ersten Schübe mit Sport, Arbeit und Alkohol. Doch irgendwann half das nicht mehr.

Wendt suchte professionelle Unterstützung, zunächst ambulant mit Psychopharmaka. Anfang 2014 reichte auch das nicht mehr. Es war der Tag sechzehn einer Depressionsphase, als er sich auf den Weg in die Notaufnahme der Psychiatrie der Universitätsklinik München machte. Diagnose: bipolare affektive Störung, gemäß dem aktuellen Diagnoseklassifikationssystem ICD-10: F 31.4.

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Der Autor ist Wissenschaftsjournalist. Also beschließt er, seine Erfahrungen mit der Krankheit, seine Erlebnisse auf der Krankenstation, seine Stimmungsschwankungen, seine Kämpfe aufzuschreiben. Zugleich möchte er informieren, über die Ursachen der Krankheit, ihre Geschichte, über Therapien. Vor allem aber möchte Wendt aufklären darüber, wie man sie bekämpft – und wie besser nicht. Dabei pflegt er einen mal lakonischen, mal ironischen, mal witzigen Ton jenseits von Larmoyanz. Das erleichtert den Zugang zum Thema ungemein. Denn nichts ist deprimierender als deprimierende Bücher über Depressionen.

Die grassierende Pharmaphobie hilft niemandem

Halb Reportage, halb Sachbuch: Den Rahmen bildet dabei sein Klinikaufenthalt. Den nutzt er jedoch nicht nur zu launigen Schilderungen mal abstruser, mal anrührender Art, sondern vor allem zu einem Protokoll seiner Gefühle und Gedanken. Depressionen sind zunächst ein „banales hirnchemisches Schicksal“. Das gilt es für Wendt zu verstehen. Es ist der erste Schritt, um mit dieser Krankheit umzugehen, sie zu versachlichen. Psychologische Nabelschau suggeriert, der Betroffene oder sein Umfeld seien mitverantwortlich, also irgendwie schuldig. Das hilft niemandem, im Gegenteil. Entsprechend ist Wendts Buch eine Streitschrift wider die grassierende Pharmaphobie („wer sich vor einer Tablette mehr fürchtet als vor seinen Zuständen, dem wünsche ich an dieser Stelle viel Glück“) und ein Plädoyer für einen sachlichen Umgang mit Psychopharmaka.

Dazu gehört der Hinweis, dass Antidepressiva häufig die einzige Lösung sind und dabei nicht abhängig machen – anders übrigens als die ungleich gefährlicheren, massenweise verschriebenen Schlaftabletten oder Stimmungsaufheller. Wendts Buch macht Betroffenen und Angehörigen Mut. Und das nicht nur, weil es die Geschichte einer Genesung erzählt. Wendt gibt auch praktische Tipps und Tricks. Die wichtigsten: Ehrlichkeit, die Einsicht, professionelle psychiatrische Hilfe zu benötigen, und das Eingeständnis, an einer Krankheit zu leiden, die einen ein Leben lang begleiten wird.

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