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Alex Stock: Lateinische Hymnen : Nicht nur die Romantiker waren betört

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Bild: Verlag

Dieser Gesang hebt zur Morgenstunde an: Der Kölner Theologe Alex Stock hat eine Auswahl lateinischer Hymnen vorgelegt - Gebrauchslyrik, die nach Höchstem strebt.

          Das Missliche sogar an trefflichen Buchbesprechungen betrifft das sie betreffende Misstrauen: Wie nah, wie fern ist die Sicht des Buchbesprechers dem Buche, dem möglichen Leser des Buches, beiden? Textproben können das Problem entschärfen, den Vermittler umgehen; allein, die Proben hätte wiederum er ausgewählt. Auch einen Herausgeber können ähnliche Zweifel an Auslese und gegebenenfalls Ausdeutung belasten. Nun, die Last ist oftmals schon bedacht, und wir können und müssen damit leben - und lesen.

          Was nun sagt das Buch, das seinen Rezensenten tagelang betörte ob seiner poetischen Schwebkraft und seines gelehrten Rahmens? (In der Hoffnung, dass man ihm hierin wird folgen können.) „Lateinische Hymnen“, ausgewählt und herausgegeben von Alex Stock, ist ein Buch das singt und lehrt: „Hymnos ist in der griechischen Antike ein Lied, das man zum Preis von Göttern und Heroen anstimmt.

          Die lateinische Sprache hat den Begriff als Lehnwort übernommen, die christliche Religion die Sache in den Haushalt ihrer Frömmigkeit.“ Der Sang hebt zur Matutin, zur Morgenstunde, so an: „Aeterne rerum conditor / noctem diemque qui regis / et temporum das tempora / ut alleves fastidium.“ - „Der Dinge ewiger Grund / der den Tag du lenkst und die Nacht, / den Zeiten die Zeiten setzt / dass nicht Überdruss uns befällt.“

          Meistgebrauchte Lyrik der Weltgeschichte

          Augustinus berichtet in den „Confessiones“, wie ihn die beispiellosen Hymnen des Ambrosius, des Bischofs von Mailand, dort, im Jahre seiner Bekehrung 386, frommsinnig überwallten und zu Tränen rührten. Diese aufbauenden Gesänge, von der Gemeinde nach Art der Ostkirche mit einer Stimme gesungen, halfen der Kirchengemeinde, Belagerungen und Bedrängnissen zu widerstehen, und wurden ihrer liturgischen wie erbaulichen Kraft wegen beibehalten und fortan vervielfacht. „Die Macht der Süßigkeit des Gesanges“ bekehrte Augustinus - darin gründet der Ruhm des „Hymnus ambrosianus“, der die Christenheit, die Gemeinden, Klöster und Kleriker fürderhin mehr als tausend Jahre lang, Tag um Tag im Gotteslob mit Gesang (“cum cantico“ - das ist wichtig: mit Gesang!) vereinen und stärken sollte.

          Vermutlich gehören die lateinischen Hymen zur umfangreichsten und meistgebrauchten Lyrik der Weltgeschichte. Seit jener Zeit des Ambrosius wurden bis dato 35 000 solche Loblieder gezählt, und bisweilen gibt es noch heute Kleriker und Lateiner, die etwelche dichten. Im fünfundfünfzig Bände (plus drei Registerbände) umfassenden Werk „Analecta Hymnica Medii Aevi“ (1886 bis 1908) sind dreißigtausend Hymnen, Tropen, Offizien und Psalterien aus der Zeit vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert zusammengetragen. 1885 beauftragte die Ordensprovinz den Jesuiten Guido Maria Dreves mit der Sammlung und Sichtung lateinischer Hymnendichtung; bis zu seinem Tode arbeitete er ein Vierteljahrhundert an Bestand und Grundlage aller folgenden Ausführungen zur lateinischen Hymnodie. Seit zehn Jahren sind die „Analecta Hymnica“ auch digital verfügbar.

          Hymnologische Blüthensträuße

          Zur Zeit, da die Kirche sich entschied, das Latein als verbindliche Liturgiesprache aufzugeben, zerstob mählich nebenan die lateinisch unterlegte humanistische Bildung, büßte ihren Vorrang und ihre Wertschätzung ein. Das lateinische Gotteslob ist daran freilich nicht zugrunde gegangen. Der Kreis der Verehrer lateinischer Hymnik unter den Dichtern, Musikern und Theologen ist seit jeher groß, und so hat es zuzeiten immer auch Nachdichtungen, Vertonungen und Verdeutschungen gegeben. Unter den Übersetzern finden wir Luther, Thomas Müntzer, Lobwasser und Spangenberg; durch Quirinus Kuhlmann, Angelus Silesius und Gryphius kamen Übertragungen auf uns; Paul Gerhardt dichtete aus dem „Salve, caput cruentatum“ das allbekannte „O Haupt voll Blut und Wunden“.

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