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Ai Weiwei: Der verbotene Blog Die Kunst und die Suche nach der Wahrheit

Im Jahr 2006 begann der chinesische Künstler Ai Weiwei, einen Blog im Internet zu schreiben, den Millionen lasen. Ai schrieb über seinen Alltag - und über politische Skandale. So wuchs im Netz ein Grundlagentext über das neue China. 2009 schloss das Regime den Blog. Jetzt ist er als Buch erhältlich.

© Verlag Vergrößern

Es war am 3. April, vor fast vier Monaten, als der chinesische Künstler Ai Weiwei am Flughafen festgenommen und mit unbekanntem Ziel verschleppt wurde. Danach wusste man für mehrere Wochen, genau bis zum 23. Juni, nicht, was mit ihm passiert war. Viele befürchteten das Schlimmste, denn vor zwei Jahren war Ai, kurz bevor er in München eine Ausstellung eröffnete, von chinesischen Polizisten so brutal verprügelt worden, dass er sich in einer Klinik am Kopf notoperieren lassen musste. Erst im Januar dieses Jahres ließen die Behörden sein neues Atelier in Schanghai mit Bulldozern einreißen, jetzt steht der mittlerweile immerhin wieder aus der Haft entlassene - Ai unter Hausarrest.

Da wird jemand drangsaliert und eingeschüchtert von einem Regime, dessen progressivere Vertreter vor einigen Jahren noch versucht hatten, Ais Popularität für sich zu nutzen. Aus europäischer Sicht ist es kaum erklärlich, wie man Ai noch 2008 offiziell bitten konnte, am Bau des Olympiastadions in Peking mitzuwirken. Der Umgang mit Ai verrät vor allem viel über die inneren Kämpfe, die in Chinas Machtapparat toben müssen zwischen dem Reformflügel, der auch um ein aufgeklärtes Image bemüht ist und daher in dem im Westen schon fast kultisch verehrten Ai eine willkommene Galionsfigur erkannte, und den Hardlinern unter Chinas Apparatschiks, die ein Jahr vor dem achtzehnten Parteikongress zum neunzigsten Jahrestag der Gründung ihrer Partei die bange Frage stellten, ob es noch eine Hundertjahrfeier geben werde.

Ein bizarrer Streit im Westen

Während in der chinesischen Führung offenbar zuletzt die Frage lautete, ob und in welchem Maß Regimekritik durch Künstler als Ausweis der Souveränität der chinesischen Regierung zugelassen werden kann oder als potentiell gefährliche Aufwiegelung der Massen eingedämmt werden muss (was Ais Verschleppung klar beantwortete), entbrannte in der sogenannten westlichen Welt ein bizarrer Streit. Zwar forderten alle einstimmig die Freilassung Ais, aber mit der Diskussion um seine Kunst tauchte eine Bewegung auf, die Ai - ganz im Sinne einer ultramaoistischen Kulturkritik - als reine Projektionsfigur des Westens kritisierte. Dass Ai mit einer gewissen Nostalgie Stühle und Türen aus abgerissenen Hutongs zu Kunstwerken verarbeite, müsse, so die neomaoistische Sicht der Dinge, dem antiquitätensüchtigen, verängstigt am alten Wert- und Formsystem sich festklammernden Westen natürlich gefallen; darauf spekuliere Ai. Die zynischste Unterstellung lautete, die Kunstwelt des Westens setze sich vor allem deshalb so energisch für Ai ein, weil er eine kommerziell wichtige Figur des euro-amerikanischen Kunstmarkts sei. Ein ganzer Haufen unbedeutender Vertreter der chinesischen Kunstwelt nahm den Fall zum Anlass, sich selbst mit einer als „Differenzierung“ angekündigten deftigen Ai-Beschimpfung in jenes internationale Rampenlicht zu schummeln, das bisher nur auf die raumgreifende Figur Ai Weiweis fiel.

Der Kurator Hou Hanru gab soeben in der Zeitschrift „Monopol“ zu Protokoll, Ai sei als Künstler völlig uninteressant und „Menschenrechte“ das beste Argument, um „neue Märkte zu eröffnen und Machtinteressen durchzusetzen“; er finde es fragwürdig, dass Ai „für Menschenrechte eintritt und dann eine Kamera nimmt und fotografiert, wie er von der Polizei verprügelt wird, und dieses Bild zum Hauptwerk einer Ausstellung im Westen macht“. Es bleibt Hous Geheimnis, was daran illegitim sein soll.

Das Leben als Dauerperformance

Die Debatte zeigt, wie unterschiedlich die Begriffe von Kunst und Politik und ihrer Verbindung sind, die im Streit um Ai Weiweis Aktionen aufgerufen werden. Dass gerade in der untrennbaren Einheit von Werk und Person ein Charakteristikum der Figur Ai Weiwei liegt, zeigen gleich zwei soeben erschienene Bücher: Der Kurator Hans-Ulrich Obrist hat seit Mitte der neunziger Jahre Gespräche mit Ai geführt und diese Interviews jetzt in einem lesenswerten Sammelband unter dem Titel „Ai Weiwei spricht“ herausgegeben, in dem man erstaunliche Details aus dem Leben Ais erfährt - über seine Jugend in der Wüste Gobi, in die sein Vater, der Lyriker Ai Qing, zur Strafe für seine angeblich revisionistischen Schriften mit seiner Familie verbannt worden war, aber auch über den Beginn seines Blog-Projekts, das Ai einem Millionenpublikum jenseits der Kunstwelt bekannt machen sollte.

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