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Adam Hochschild: Der Große Krieg : Die tödliche Arroganz der Kavallerie

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Bild: Verlag

Der Niedergang Europas aus Sicht des British Empire: Adam Hochschild hat versucht, eine Gegengeschichte des Ersten Weltkriegs zu schreiben. Herausgekommen ist eine Art historischer Roman - kein schlechter.

          Adam Hochschild ist ein amerikanischer Journalist und Historiker, der in Deutschland vor allem durch seine Bücher über die Ausrottungspolitik im belgischen Kongo sowie über den Kampf um die Abschaffung der Sklaverei bekannt und geachtet ist. Nun erscheint pünktlich zum Jahrhundertereignis seine Geschichte des Ersten Weltkrieges, deren Originalversion 2011 unter dem Titel „To End all Wars. A Story of Loyalty and Rebellion 1914-1918“ erschienen ist. Der deutsche Titel stellt eine Irreführung des Lesers dar, denn dieser muss ja glauben, eine Überblicksgeschichte des Ersten Weltkrieges zu erhalten.

          Selbstverständlich erfährt man auch hier in oft äußerst detaillierter Form vieles aus den Schlachten und politischen Ereignissen des Krieges, aber „Der Untergang des alten Europa“ ist in dieser Form wirklich nicht erkennbar. Dazu ist das Buch für den unvorbereiteten Leser zu sehr aus britischer Perspektive geschrieben. Die Geschichte des Empire, seiner Entwicklung und seines Niedergangs, spielt eine dominierende Rolle. Hinzu kommt noch ein „typisch britisches“ Strukturelement, nämlich die Verzahnung von individuellen Schicksalen, sozialen Gruppen und Klassen mit der politischen und militärischen Geschichte.

          Griff nach zuverlässigen Quellen

          Wir kennen in Deutschland diesen Stil der Geschichtsschreibung nicht, weil sich für uns der Bogen nicht mehr so spannt zwischen der Geschichte des erlebten Krieges, des erinnerten Krieges und des auch für die heutige Identität jedes Einzelnen noch irgendwie gestaltenden Krieges. Das war der Erste Weltkrieg für Briten, Franzosen, Amerikaner, aber nicht mehr für diejenigen, die ihn verloren haben und deren Imperien verschwunden sind. Eine sehr „britische“ Geschichte also, die den deutschen Leser vor einige Herausforderungen stellt. Die anspruchslose und leider holprige Übersetzung erleichtert die Lektüre nicht gerade.

          Die Quellen von Hochschilds Erzählung sind zumeist zuverlässige und international akzeptierte Autoren, wie etwa Barbara Tuchman, deren Buch „August 1914“ eine sichere Leitschnur ist. Auch „Facing Armageddon“ von Hugh Cecil und Peter Liddle sowie David Fromkins in Deutschland ebenfalls beachtetes „Europas letzter Sommer“ werden immer wieder als Quelle genannt. Die Erzählung basiert dazu auf einer Reihe von Personalquellen in verschiedenen Nachlässen, etwa dem Nachlass von Charlotte Despard.

          Auf den Spuren eines Arbeiterhelden

          Charlotte Despard? Das ist eine in England und Irland sehr bekannte Frau aus einfachen Verhältnissen, die durch Heirat in ein wohlhabendes bürgerliches Milieu gelangte und sich gleichwohl mit größter Energie um das Schicksal der ärmsten Ausgebeuteten vor allem irischer Herkunft in Battersea, dem Londoner Ruhrgebiet, kümmerte. Nicht weniger als vier Seiten werden ihr im ersten Kapitel gewidmet, ihre gesellschafts- und kriegskritischen Aktivitäten während des Krieges sind ein roter Faden der Erzählung.

          Oder Keir Hardie, der große Führer der britischen Arbeiter, einem Bebel oder Jaurès vergleichbar, dessen erbittertem und verzweifeltem Kampf gegen den Krieg vor und nach 1914 in allen Einzelheiten nachgegangen wird. Ein ganzes Kapitel wird allein dieser Persönlichkeit gewidmet, deren Engagement so detailliert und liebevoll beschrieben wird, dass dahinter schließlich der gesamte Kampf der Zweiten Internationale gegen den Krieg geradezu ins Dunkel gerät. Pars pro toto? Daran mag man bei einer solchen Ungleichgewichtigkeit zweifeln. Aber es lohnt sich, den Schicksalen dieser britischen Helden des Klassenkampfes und der Antikriegsbewegung nachzugehen.

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