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Achtung Fremdkörper!

Philipp Sarasin findet die Basis für Bushs Kriegsrhetorik

Sherlock Holmes könnte als bekennender Imperialist gelten: Sein "Kombiniere!" war darauf ausgerichtet, die krankhaften Elemente der Gesellschaft zu identifizieren und unschädlich zu machen. Was für den Detektiv Holmes die Schurken, waren für seinen Schöpfer, den Arzt Arthur Conan Doyle, die Mikroben. In den Holmes-Romanen schuf er Bedrohungsszenarien, die das britische Imperium als ansteckungsgefährdeten Körper zeichneten: Infektiöse Fremdkörper und Fremd-Körper stellten eine tödliche Gefahr dar.

Aus Schurken wurden Schurkenstaaten: Der zeitgenössische Conan Doyle, folgt man der Argumentation des Schweizer Publizisten und Historikers Philipp Sarasin, ist George W. Bush. In seinem Buch "Anthrax" beleuchtet Sarasin die Zeit nach dem 11. September als Rückfall in jene Denkmuster, die nicht erst seit der Kolonialzeit dazu dienen, Grenzen zwischen den ansteckenden, unreinen Fremdkörpern und "uns" zu ziehen. Nur mittels dieses arbiträren Akts der Abschottung, so die dahinter verborgene Logik, kann eine unverseuchte, kollektive Identität gestiftet und aufrecht erhalten werden.

Als Ausgangspunkt dient Sarasin die Hysterie um jene Anthrax-Briefe, die kurz nach dem Attentat auf das World Trade Center hier und da auftauchten. Indem er das Phänomen Anthrax als Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation gewählt hat, hat sich Sarasin die ideale Basis für eine ebenso originelle wie komplexe Analyse geschaffen. Sein grundlegender Kniff ist, Anthrax von "Anthrax" zu unterscheiden: Anthrax ist die tödliche Krankheit, die vom weiß-pulvrigen bacillus anthracis übertragen wird, und "Anthrax" ist eine mediale Konstruktion: "Während Anthrax fünf Menschen tötete, vergiftete ,Anthrax' das Imaginäre von Millionen", schreibt Sarasin. Mittels einer metaphorischen Verschiebung sei "Anthrax" zu einem Zeichen geworden, das alle diffusen Ängste vor infizierten Fremdkörpern in sich vereinigt. Somit kann all das Babypuder, Mehl und Kokain, das als sogenanntes hoax anthrax kursierte, als manifest gewordenes "Anthrax" gelten, als die materialisierte Fiktion.

Diese Metamorphose dient Sarasin auch als Grundlage für Bushs argumentative Verknüpfung des 11. September mit Saddam Hussein. Scharfsinnig zeichnet er diese Koppelung von Signifikanten nach und beruft sich dabei neben zahlreichen Internetquellen vor allem auf offizielle Äußerungen der amerikanischen Regierung zwischen den Terrorangriffen im September 2001 und dem Beginn des Irak-Kriegs im März 2003. Die Art und Weise, wie sich Bush, laut Sarasin, von Manhattan nach Bagdad argumentiert hat, gleicht einer metonymischen Kettenreaktion. Sie wird ausgelöst von der Verwandtschaft zwischen Flugzeugen und Anthrax: Beide greifen aus der Luft an. Diese Assoziation soll am 11. September 2001 sowohl der Grund gewesen sein, daß die Flugzeuge nicht rechtzeitig abgeschossen wurden, als auch dafür, daß unmittelbar nach dem Absturz in New York Biowaffenexperten im Einsatz waren, die die Luft auf verdächtige Spuren untersuchten. Dazu kamen die Anthraxbriefe, und die metonymische Verschiebung im Sinne Sarasins nahm ihren Lauf. Er belegt mit Textauszügen, wie in Bushs Reden aus Terror Bioterror wurde, der amerikanische Präsident mit einer weiteren kleinen Akzentverschiebung bei den Massenvernichtungswaffen landete und schließlich beim Angriff auf den Irak.

Wie klar Sarasin "Anthrax" als zeitgenössische Ausformung kolonialer Logik durchschaut hat, die ihre Politik in erster Linie auf Fiktionen und Metaphern aufbaut, bezeugt das Kapitel über "Fremdkörper". Drohkulisse, Fiktion, Szenario: was Sarasin beschreibt, ist nichts anders als das Funktionieren von Propaganda, allerdings benennt er sie nicht als solche. Wie gefährlich schmal ebenjener Grad zwischen reiner Fiktion und Szenarien als Form politischer Instrumente ist, macht Sarasin deutlich, indem er eine ganze Batterie an Kinofilmen, Romanen und Videospielen auffährt, die alle erstaunliche Parallelen zu den Ereignissen nach den realen Terroranschlägen aufweisen. Leider krankt das durchweg überzeugende Buch an einigen ärgerlich nachlässig lektorierten Passagen - seien es die ungelenken Übersetzungen aus dem Englischen oder die vielen Rechtschreibfehler.

Conan Doyle wußte, wer seine Schurken waren, er hatte sie schließlich eigenhändig erschaffen. Aber ob sich George W. Bush des Eigenlebens seiner Fiktionen bewußt ist, ist fraglich. Eine Krankheit, bei der man aus lauter Angst vor ansteckenden Fremdkörpern Gefährliches und Harmloses nicht mehr unterscheiden kann, kann leicht zur ausgewachsenen Autoimmunkrankheit werden. In diesem Sinne passen die Ereignisse nach Erscheinen des Anthrax-Bandes gut in Sarasins Gesundheits-Konzept: Die Anschläge auf Madrid signalisierten lediglich die weitere Verbreitung des Virus im West-Körper. Mit ihrem prompten Rückzug aus dem Irak setzten die Spanier die Krankheitsfiktion in die Realität um. Eine Reaktion, die eindeutige Parallelen zu einstiger imperialer Immunologie aufweist: Finger weg von fremden Körpern, Vorsicht Ansteckungsgefahr!

ANNE HAEMING

Philipp Sarasin: "Anthrax". Bioterror als Phantasma. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 196 S., br., 9,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2004, Nr. 151 / Seite 41

 
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