29.04.2011 · Glukose muss sein, aber manchmal geraten die Steuermechanismen durcheinander: Achim Peters traut seiner Theorie vom „egoistischen Gehirn“ als Ursprung des Übergewichts etwas viel Erklärungskraft zu.
Von Martina Lenzen-SchulteSeit letzter Woche gibt es einen Blutzuckerrechner als App für Diabetiker. Damit soll die Blutzuckereinstellung noch weiter perfektioniert werden. Was als fortschrittliche Indienstnahme neuester Technik daherkommt, erweist sich als unsinnig, wenn man es im Lichte der Erkenntnisse betrachtet, die Achim Peters über unser egoistisches Gehirn zusammengetragen hat. Seine Kernbotschaft: Nicht der Blutzucker, sondern der Gehirnzucker bestimmt, wie viel wir essen, ob wir dick und Diabetiker werden.
Das Gehirn bedient sich im Zweifelsfalle stets als Erstes. So werden unter extremen Hungerbedingungen die inneren Organe um bis zu 40 Prozent leichter. Das Gehirn zehrt indes nicht aus - es verliert allenfalls bis zu zwei Prozent Gewicht. Schon das Ungeborene im Mutterleib braucht die Hälfte aller Energie für sein Gehirn. Ein Erwachsener muss seiner Nervensteuerzentrale pro Tag eine Tasse Zucker zubilligen, von durchschnittlich 200 Gramm Glukose beansprucht das Gehirn allein für sich selbst täglich 130 Gramm.
Der Beginn übermäßigen Essens
Glukose ist die einzige Energiewährung, die es akzeptiert - von Ketonkörpern bei Hunger einmal abgesehen. Aber das Gehirn kann diesen Zucker nicht selbst herstellen, ist mithin darauf angewiesen, dass er vom Blut durch die Bluthirnschranke ins Gehirnwasser und zu den Nervenzellen gelangt.
Um das zu gewährleisten, gibt es den Brain-pull, das Gehirn zieht Glukose aus dem Blut. Der ist bedeutsam, denn bei Unterzuckerung, wenn Glukose im Gehirn knapp wird, drohen Ohnmacht und Koma. Bei all dem ist der Umstand entscheidend, dass das blutzuckersenkende Hormon Insulin nötig ist, um Zucker aus dem Blut in andere Organe zu transportieren.
Das Gehirn nimmt indes insulinunabhängig Zucker auf. Dies erlaubt ihm, von hohem Blutzucker zu profitieren. Es ist, was das angeht, zudem mit einer Machtfülle ausgestattet, die dem übrigen Körper nicht immer guttut: Denn wenn der Brain-pull nicht richtig arbeitet, im Gehirn nicht genug Glukose ankommt, kann dieses selbstherrlich über eine ausgeklügelte Hormon-Botenstoff-Befehlskaskade den Blutzucker erhöhen. Notfalls wird dann eben der Body-pull aktiviert, der Organismus führt Nahrung zu, oder schließlich der Such-pull, er geht auf Nahrungssuche, heutzutage ist das Einkaufen. In jedem Fall, so Peters, beginne das übermäßige Essen mit einem gestörten Body-pull. Wenn der richtig funktioniere, esse niemand zu viel, egal welches Nahrungsangebot zur Verfügung stehe.
Ein unerbittlicher Gegner
Das Konzept hat an den Punkten viel für sich, wo es die Widersprüche herkömmlicher Hypothesen offenlegt. So lässt sich kaum verstehen, warum Übergewichtige ständig immer mehr essen, wo sie doch sogar einen überhöhten Blutzucker aufweisen und überdies ihre Fettdepots übervoll sind - was den Appetit eigentlich im Zaum halten müsste. Das versteht man viel besser, wenn man erkennt, dass an der entscheidenden Stellschraube, nämlich im Gehirn, zu wenig vom Überangebot ankommt.
Peters weist mit Recht auf das entscheidende Dilemma der modernen Insulintherapie mit dem Ziel „normaler“ Blutzuckerwerte hin. Insulin schaufelt die Glukose in die Organe und sorgt für ständig anwachsende Energiedepots, aber im Gehirn kommt nicht genug an. Dieses spürt Mangel, kann es doch bei defektem Brain-pull nur mit überhöhten Blutzuckerwerten froh werden. Der Diabetiker isst umso mehr. Die Insulintherapie zwingt ihn gleichsam, noch mehr zuzunehmen. Das ist ein klinischer Befund, den Diabetesfachärzte nur zu gut kennen. Unmittelbar leuchtet so dem übergewichtigen Laien auch ein, dass er mit jedweder Diät einen Krieg beginnt, in dem er allenfalls einzelne Schlachten gewinnen kann. Das Gehirn ist auf Dauer ein unerbittlicher Gegner, es kann die Ressource Glukose nicht versiegen lassen.
Stress als Ursache
Insofern lässt sich aus diesem Buch viel lernen, gerade weil deutlich wird, dass die Deutungshoheit über die Entstehung von Übergewicht und Diabetes von verschiedenen Schulen beansprucht wird. Der Leser sollte dafür auch so manch bemüht klingende Metapher, die nicht wirklich stimmig ist, in Kauf nehmen, ebenso die zum Teil wenig erhellenden Verweise auf schöngeistige Literatur.
Ein echter Nachteil ist indes der Versuch, mit Brain-, Body- und Such-pull letztlich alles erklären zu wollen. Neue Hypothesen wirken euphorisierend - sie sind gleichwohl ebenfalls nur Konstrukte, die so manches, aber eben nicht alles besser erklären. So gibt es beispielsweise Kinder, die mit einem angeborenen Mangel eines Glukosetransportergens geboren werden, so dass ständig zu wenig Glukose in ihr Gehirn gelangt. Sie essen keineswegs ungezügelt und sind auch nicht übergewichtig, die Krankheit zeigt sich ganz anders.
Auch kann das Konzept nicht wirklich erklären, warum wir seit den letzten Jahrzehnten eine Fettleibigkeitsepidemie nie gekannten Ausmaßes beobachten. Es müsste also Umstände geben, die heute den Brain-pull um ein Vielfaches häufiger stören als je in der Geschichte der Menschheit zuvor. Als Ursache eines gestörten Brain-pulls nennt Peters zum Beispiel seltene Hirnkrankheiten, Tumore oder Schlaganfälle. Das allein reicht jedoch nicht, das grassierende Übergewicht zu erklären. Daher soll es der Stress sein, der das flächendeckende Versagen des Brain-pull beim modernen Menschen erklärt, und hier überzeugt das Buch am allerwenigsten. Denn unsere Vorfahren hatten auch Stress und wurden überwiegend nicht dick.
Eine denkbar ungünstige Konstellation
Da reicht es auch nicht, wenn sich der Autor als vergleichender Paläoanthropologe versucht: Den Steinzeitstress mit dem Säbelzahntiger habe man durch Flucht oder Kampf abbauen können, bei Mobbing im Büro und künstlichem Stress durch Computerspiele sei das eben schwieriger. Außerdem listet der Autor selbst Stressursachen wie Krieg, Verlust von nahen Angehörigen, ungewisse Zeitläufte, Angst um den Broterwerb, beengte Wohnverhältnisse auf, die man sicher auch in anderen Zeitaltern ausmachen kann.
Man darf eben den Umstand nicht übersehen, dass heutzutage anders als jemals zuvor allenthalben billige Süßwaren und rasch anflutende Kohlenhydrate für jeden erreichbar sind und ständig zur Verfügung stehen. In Kombination mit einem egoistischen Gehirn ist das womöglich eine denkbar ungünstige Konstellation.