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A. Kraus und B. Kohtz (Hrsg.): Geschichte als Passion : Gedankenblitze aus der Zettelwirtschaft

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Bild: Verlag

Zu viel Disziplin ist gar nicht gut: Alexander Kraus und Birte Kohtz sprachen mit zehn Historikern über deren Arbeitsweise. Der daraus entstandene Interviewband führt vor Augen, dass kreative Unordnung vor der Einsicht kommt.

          Wissenschaftliche Arbeit ist ein kooperatives Konkurrenzunternehmen. Wer sich mit Kollegen nicht austauschen mag, fällt leicht dem Irrtum anheim. Wer sich von Kollegen nicht abheben kann, verschwindet langsam in der Versenkung. Um diese Spannung auszuhalten und auszunutzen, bedarf es einer Gratwanderung; um in ihr Freundschaften aufzubauen und aufrechtzuerhalten, eines Drahtseilakts.

          Von einem, der spektakulär abgestürzt ist, erzählt der Historiker Valentin Groebner in einem großartigen Interviewband von Alexander Kraus und Birte Kohtz. Im Florentiner Staatsarchiv habe ein bekannter italienischer Historiker eines Tages aufgehört, in den Kaffeepausen mit den Kollegen über die eigene Arbeit zu sprechen. Wenn sich jemand seinem Arbeitsplatz näherte, habe er schnell die Signaturen der von ihm bearbeiteten Archivalien zugedeckt. Monate später veröffentlichte er ein Buch über die bis dahin kaum bekannte Jugend Machiavellis. Es wartete mit der Neuigkeit auf, der junge Machiavelli habe, als die Borgia die Kurie beherrschten, in einer römischen Bank gearbeitet. Damit erschienen seine späteren Schriften in einem ganz neuen Licht. Der Triumph war groß - und kurz. Zwei Jahre später erschien das Buch eines italienischen Archivkollegen mit dem Titel: „Der andere Niccolò di Bernardo Machiavelli“. Der geheimniskrämerische Historiker hatte seinen berühmten Helden mit einem entfernten Verwandten verwechselt.

          Keine demaskierenden Schreibtischstudien

          Es ist nicht die einzige schöne Anekdote in diesem Interview, und es ist nicht das einzige gelungene Interview in diesem Band. Die Herausgeber haben ihr Talent als Interviewer von Berufskollegen bereits in der Online-Zeitschrift „Zeitenblicke“ unter Beweis gestellt. In „Geschichte als Passion“ nun praktizieren sie, nicht zuletzt dank einer hervorragenden Vorbereitung auf die einzelnen Gespräche, das wissenschaftliche Fragenstellen an Wissenschaftler mit verblüffender Souveränität.

          Kraus und Kohtz lehnen sich dabei an ein Analyseverfahren des naturwissenschaftlichen Arbeitens an: Bruno Latours ethnologisch inspirierte Laborstudien. Ihre Überlegung ist, dass die präzise Befragung von Historikern - analog zu Latours Feldstudien bei den Biochemikern - mehr Aufschluss über die Produktion und Präsentation historiographischer Erkenntnisse erlaube als ihre „unzuverlässigen, ja halbseidenen“ Bemerkungen in den eigenen wissenschaftlichen Publikationen.

          Der von Latour inspirierte Erkenntnisanspruch erweist sich für den Band als fruchtbar, obwohl - oder gerade weil - Kraus und Kohtz in den Gesprächen etwas ganz anderes tun als Latour im Labor. Hätten sie die Interviewten zu Objekten von demaskierenden „Schreibtischstudien“ machen wollen, wäre ihnen wohl kaum so viel an aufschlussreicher Selbstreflexion zu entlocken gewesen. Abgesehen davon hätten die beiden Nachwuchshistoriker mit einem Latourschen Zugriff auf die eigene Disziplin ihre akademische Zukunft aufs Spiel gesetzt.

          Wissenschaftsgeschichte im Mittelpunkt

          Ihre Befragungstechnik hat mit den derzeit angesagten Analyseinstrumenten der Wissenschaftssoziologie wenig gemein, umso mehr aber mit der „Versuchsanordnung“ einer Disziplin, die heute kaum noch Kredit genießt: der Psychoanalyse. Die Interviews entsprechen dabei einer systematisch betriebenen Spezialform der psychoanalytischen Praxis, der „meta-analytischen“ Befragung von Berufskollegen. Von diesem Modell aus lassen sich das fundamentale Einverständnis zwischen Fragenden und Befragten, die entspannte Intensität der Interviews und die letztlich erbauliche Aussage des Bandes über die Geschichtswissenschaft besser verstehen.

          Bei der Auswahl ihrer Gesprächspartner wurde eine gelungene Mischung gefunden. Das Spektrum reicht von der Postdoktorandin Ulrike Klöppel bis zum emeritierten Ordinarius Carsten Goehrke, von der Kunsthistorikerin und Kunstredakteurin dieser Zeitung Julia Voss bis zur Museumsdirektorin Simone Eick, vom Mediävisten Valentin Groebner bis zum Zeithistoriker Christof Mauch. Auffallend ist die Dominanz der Wissenschaftsgeschichte mit Anke te Heesen, Lorraine Daston, Hans-Jörg Rheinberger und - als einzigem, der bereits in den „Zeitenblicken“ zu Wort gekommen ist - Philipp Sarasin. Kraus und Kohtz haben für diese Schwerpunktsetzung ein gutes Argument: Das Interesse von Wissenschaftshistorikern für die „Konstitution bestimmter Wissensbestände“ schärfe die Beobachtung der eigenen Arbeitsweise. Was den Interviews nicht minder zugutekommt, ist der Umstand, dass mit der Wissenschaftsgeschichte ein Fach im Mittelpunkt steht, das in den letzten Jahrzehnten einige originelle Köpfe hervorgebracht hat.

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