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1966: Aus Pop wurde Rock : Als wir Zeugen eines Wunders wurden

Es war einmal das Jahr 1966, irgendwo zwischen Weltraum und Drogen: Jon Savage und Frank Schäfer blicken fünfzig Jahre zurück, als sich der Pop-Schlager in Rock-Kunst zu verwandeln begann.

          Auch wir blickten damals für einen Moment in das Botinnen-Auge der Zukunft. Rätselhafte Evidenz einiger Sekunden! Später fragte man sich gelegentlich zweifelnd, ob alles Projektion war, aber noch später, heute nämlich, weiß man: Dieses Botinnen-Auge gehörte zur objektiven Physiognomie des Jahres 1966. So jedenfalls stellen es Frank Schäfer und Jon Savage dar: Es war das „Jahr, in dem die Welt ihr Bewusstsein erweiterte“ (so Schäfer), oder in der Formulierung von Savage: „The year the decade exploded“, das Jahr, in dem das Jahrzehnt explodierte. Immer noch mag ein leichter Verdacht bleiben, es handle sich um eine Strategie der Marketingabteilungen zur Nutzung einer Konjunktur der Gedenkjahre.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber ein Blick nach Frankreich genügt, um auch dieser entzaubernden Vermutung zu begegnen. Im Januar 2011 begann der Literaturwissenschaftler Antoine Compagnon seine Vorlesungsreihe zu dem Thema „1966: Annus mirabilis“ (also zu dem „Wunderjahr“) mit der These, es handle sich um ein „magisches“ Jahr, eines, das man bewundern müsse. Compagnon begann mit Überlegungen zur Demographie. Träger und Zeugen des Wunders waren die geburtenstarken Jahrgänge, die in den letzten Kriegsjahren oder der ersten Nachkriegszeit zur Welt gekommen waren. Nun begannen sie, in die Universitäten zu strömen. Und sie spürten - allein durch ihre schiere Masse - eine Macht in sich, die keiner der späteren Generationen mehr vergönnt war. Bald kam der Pillenknick.

          Chanson statt Rock

          Die Physiognomie eines Jahres zu schildern ist in der akademischen Historiographie nicht mehr verpönt. Man denke an Hans Ulrich Gumbrechts Buch „1926 - Ein Jahr am Rand der Zeit“ (2001), auf das sich auch Antoine Compagnon beruft. Wie der alte Historismus des neunzehnten Jahrhunderts (und mit ihm der historische Roman) sich liebevoll in die kleinsten Faltungen der Vergangenheit versenken, so ist es auch jetzt - nur dass noch etwas hinzukommt: Eine Jahreszahl an sich gibt der Darstellung noch keine Ordnung und keine eindeutigen Inhalte vor. Was in einem bestimmten Jahr geschah, gleicht einer Zufallsanordnung. Und gerade dieses Lesen im Zufälligen, in der puren „Konstellation“, ist heute von großem kulturwissenschaftlichen Reiz.

          Schnell wird aber auch der Unterschied zwischen Compagnon einerseits, Schäfer und Savage andererseits deutlich. Die beiden Letzteren gehen von der Musikrevolution aus, Compagnon eher vom intellektuellen Leben Frankreichs. Warum? Frankreich hatte eine Tradition des Chansons, die sich selbst in der Ära des Rock gegen angelsächsische Einflüsse behauptete. International hat Frankreich dagegen zur Revolution der Musik und zur Art ihrer Darbietung fast nichts beigetragen. Man halte dagegen die Liste der Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt, die Compagnon für das Jahr 1966 eröffnet: Von Louis Althusser erschienen „Für Marx“ und „Das ,Kapital‘ lesen“, von Émile Beveniste „Problèmes de linguistique générale“, von Michel Foucault „Die Ordnung der Dinge“, die „Écrits“ von Jacques Lacan, „Figures“ von Gérard Genette und „Kritik und Wahrheit“ von Roland Barthes.

          Die Kommunisten und der Folk

          Merkwürdig an diesem Wunderjahr ist die Mischung von divergierenden Tendenzen, die man damals für eine hielt. Jon Savage beginnt sein Buch mit den britischen Ostermärschen der CND, der „Campaign for Nuclear Disarmament“. Wenn diese pazifistische Richtung einen Verbündeten in der Musik hatte, dann zunächst im Folk und dem vage daran anschließenden „Protestsong“, wie man’s damals nannte. Aber das kommerziell erfolgreichste Lied dieses Bekenntnisses, „Eve of Destruction“, von Barry McGuire schon 1965 veröffentlicht, war auch das flachste, plakativste und führte musikalisch nicht weiter. Eigentlich versetzte dieses Lied der Form des Protestsongs den Todesstoß; ein liebenswürdiges Talent wie Donovan und ein Genius wie Bob Dylan mussten nach anderen Wegen suchen.

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