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Imbolo Mbues neuer Roman : So hat Amerika die Einwanderer immer gebraucht

  • -Aktualisiert am

In „Das geträumte Land“ bricht die Autorin Imbolo Mbue mit dem Klischee des amerikanischen Traums. Nun erscheint ihr in Amerika gefeierter Debütroman auf Deutsch. Eine Begegnung.

          In der Nacht der amerikanischen Wahl saß Imbolo Mbue vor ihrem Fernseher in New York und schrie: „No! Florida! What’s wrong with you?“, „Iowa! OMG! What are you doing?“, „Michigan, please don’t!“ Sie zitterte und wütete, beschimpfte das Gerät, ging zu Bett und beschloss, erst einmal gar nicht mehr zu reden. Vielleicht weil man der Realität ihre Wirkungskraft ganz gut verweigert, solange man sie nicht benennt, vielleicht aber auch einfach weil, na ja, worüber auch? Mit welchen Worten erfasst man eine Wirklichkeit, der man bis vor kurzem keine Chance eingeräumt hat?

          Es sei ja gar nicht so, dass man es sich nicht hätte denken können, sagt sie, als wir uns zehn Tage nach der Wahl an einem regnerischen Vormittag im „Whole Foods“ des Times Warner Center in Manhattan treffen. Natürlich habe sie es irgendwie auch geahnt, so wie retrospektiv die meisten, aber man habe eben gehofft: „Wir hätten unseren Mädchen sagen können: Schau, eine Frau im Weißen Haus!“ Die Tatsache, dass das Land, in das sie all ihre Hoffnung und Liebe gesteckt hat, dieses Land, in das sie vor über zehn Jahren aus ihrem kamerunischen Heimatort Limbé gekommen ist, um ein besseres Leben zu finden, nun einen Mann wählt, der Menschen wie sie, also Frauen, Schwarze, Einwanderer, beschimpft und verachtet, sei ziemlich bitter. Die Tatsache, dass dieses Land, an das sie glaubt, offensichtlich an einen Mann wie Donald Trump glaubt und ihn zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika macht, wiederum sehr ernüchternd.

          Imbolo Mbue: „Das geträumte Land“ Roman. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 22 Euro

          Noch ein paar Wochen zuvor hatte Mbue in der „New York Times“ darüber geschrieben, wie glücklich und stolz sie sei, nach all den Jahren auf amerikanischem Boden endlich dazuzugehören, endlich Amerikanerin zu sein, endlich wählen zu können, überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben (in Kamerun zu wählen sei ziemlich witzlos). Und darüber, wie komplex es dann aber auch sei, es zu tun, die konkurrierenden Gefühle der „von woanders Gekommenen“ und der „Dazugehörenden“, den Wunsch nach Offenheit mit dem nach Schutz in Einklang zu bringen: „Während die Bürgerin in mir versteht, dass Amerika nicht jedem Einwanderer die Möglichkeiten geben kann, die er sich wünscht, und auch, dass Amerika sich erst einmal um Amerikaner kümmern muss, hofft die Einwanderin in mir auf Gesetze, die Amerika als den ,Traum, den Träumer träumten‘ erhält.“

          Über diesen Traum oder, besser gesagt, über die, wie sie meint, bis heute ungebrochene Anziehungskraft der Marke „American Dream“ hat Imbolo Mbue ein Buch, ihr erstes, geschrieben: „Behold the Dreamers“, das jetzt in Deutschland unter dem etwas uninspiriert trockenen Titel „Das geträumte Land“ erscheint. Es wurde in den Vereinigten Staaten im vergangenen Herbst als Überraschungserfolg gefeiert, „the one book Donald Trump should read right now“. Zum einen, weil Mbue für diesen Erstlingsroman einen Vorschuss von einer Million Euro bekommen hatte, was Berichterstatter fast immer begeistert, auch wenn es über den Roman nicht viel mehr sagt, als dass er einen guten Agenten hatte (in dem Fall eine gute Agentin, nämlich die von Jonathan Franzen). Zum anderen, weil sie einen Nerv der Zeit getroffen hatte - und das auf sehr kluge, differenzierte Art und Weise.

          Für kurze Zeit vereint

          Mbue erzählt in ihrem Roman die Geschichte der Jongas, die von Jende, seiner Frau Neni und ihrem Sohn Liomi, einer Einwandererfamilie aus Limbé, Kamerun, die in New York im Jahr 2008 ihr Glück und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung suchen. Jende arbeitet als Chauffeur für den Lehmann-Brothers-Top-Manager, Clark Edwards, Neni studiert in der Hoffnung, irgendwann Apothekerin zu werden, arbeitet nebenbei als Putzfrau und einen idyllischen Sommer lang als Haushälterin im Wochenend-Hamptons-Haus der Edwards. Sie sind arm, sie haben es nicht leicht, aber sie sind gewillt, hart zu arbeiten und alles zu tun für ihren Traum: Einem Leben in Amerika, dem „greatest country on earth“, wie Jende Jonga, im Einklang mit Barack Obamas letztem Video, seinem Chef auf langen Autofahrten durch Manhattan immer wieder mit glänzenden Augen erklärt.

          Fast zwei Jahre lang scheint es, als würde alles gut ausgehen. Die Jongas und die Edwards brauchen sich, so wie Amerika seine Einwanderer immer brauchte. Das jeweilige Glück der Familien hängt, wenn auch in sehr unterschiedlicher existentieller Gewichtung, voneinander ab. In dieser Zeit wird auch noch Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, nichts kann mehr schiefgehen, denken die Jongas und träumen natürlich noch mehr, hören gar nicht mehr hin, wenn der Cousin erklärt, in Amerika sei die Polizei nur für weiße Mitbürger da, nicht für die schwarzen, wenn einer ganz visionär erzählt, irgendwann würde es eine Mauer geben und die Mexikaner stünden dann nur noch dumpf dreinschauend davor. Jende und Neni ignorieren diese Warnungen und denken bei aller Vorsicht schon fast, sie gehörten wirklich dazu. Zumindest kurz. Denn dann kommt der Wall-Street-Crash, und die Verzahnung der Leben dieser beiden so gegensätzlichen Familien zerbricht.

          Märchen versus Realität

          So zusammengefasst erzählt, mag das Ganze wie eine unerträgliche Anhäufung von Klischees klingen. Wie das Märchen vom guten Wilden und dem herzlosen Kapitalisten. Man könnte versucht sein, Imbolo Mbues Roman für eine Anklageschrift gegen die Amerikaner zu halten, die den Fremden akzeptieren, solange er ihnen nützt, und ihn wegschmeißen, sobald er lästig wird. Nur umgeht die Autorin diese Falle mühelos. Denn auch wenn sie kaum verbergen kann (oder will), dass ihr Herz für die Jongas schlägt, die aus ihrer Heimatstadt kommen, wie sie sprechen, wie sie essen und erleben, was sie erlebt hat, sind die Figuren, die sie sehr liebevoll, niemals grob, niemals urteilend zeichnet, allesamt weder gut noch böse, sondern beides zugleich. Alle versuchen das Richtige zu tun, aber verzweifeln an diesem amerikanischen Traum, der „größer als das Leben“ ist, der alles verspricht und es nur für wenige hält.

          Manche Leser hätten ihr das vorgeworfen, sagt Mbue, sie wollten lieber das Klischee. Sie hätten zum Beispiel nicht akzeptiert, dass Jende, dem man zuerst als gutherzigem Vater und Ehemann begegnet, irgendwann gewalttätig wird, weil er sich schämt, seiner Familie nicht mehr bieten zu können, weil die Ungerechtigkeit der Realität ihn bricht. Sie sage dann nur: „Männer aus meiner Stadt sind eben leider so.“ Nur geht es am Ende vielleicht weniger darum, wie Männer aus ihrem Dorf sind oder nicht sind, als darum, was bestimmte soziale und geschichtliche Situationen mit Menschen machen. Mit allen. Das wirklich Gute an Mbues Roman, der sich ein bisschen wie ein Traum artikuliert, in dem sich anfangs alles weich und beschützt anfühlt und die Geräusche der Außenwelt immer mehr stören, bis man schließlich aufwacht, liegt im Realismus, mit dem sie dieser Frage begegnet.

          Ihre Figuren, die man übrigens alle sehr mag, zeigen sich anfangs kämpferisch und guten Willens, hoffnungsvoll und gerecht, können sich vor den Ängsten, die sie heimsuchen, aber nicht schützen. Da ist zum Beispiel Cindy Edwards, die hinter ihrer perfekten Fifth-Avenue-Society-Lady-Fassade noch immer darunter leidet, aus einem armen, gewalttätigen Elternhaus zu kommen, und die den Absturz so sehr fürchtet, dass sie ihre Gutherzigkeit dabei vergisst. Oder Fatou, Nenis Freundin, die zwar in New York bleiben darf, sich aber irgendwann fragt, ob ihre Kinder, die Amerikaner sind, sich vielleicht insgeheim schämen, weil sie Afrikanerin ist, und sich deshalb stärker an ihre Herkunftskultur klammert.

          Statt sich ausufernd darauf zu konzentrieren, was den Einwanderer und den vermeintlichen „Native“ unterscheidet, findet Imbolo Mbue ihre Gemeinsamkeiten, nämlich ihre Träume. Und entschuldigt damit auch vieles. Überhaupt scheint sie, die nach dem Börsencrash ihren Job verlor und damals, als sie schon fast daran dachte, nach Kamerun zurückzukehren, begann, an ihrem Roman zu schreiben, weniger kämpferisch als verständnisvoll. Sie findet es zum Beispiel nicht mehr schlimm, wenn irgendwelche Damen kreischen: „Wie toll! Die Tochter einer Freundin war letztens in Südafrika!“, wenn sie sagt, sie komme aus Kamerun. Ja, das sei, als würde man einem Franzosen sagen: „Wie schön! Ich war mal in Polen!“ Aber was soll’s.

          Vertrauen in Amerika

          Sie findet es auch nicht schlimm, zu wissen, dass sie immer, auch wenn sie mittlerweile einen amerikanischen Pass besitzt, Schriftstellerin ist, ein gutes, integriertes Leben führt, in erster Linie eine Einwanderin bleiben wird: „Es ist ganz egal, wie lange ich hier bleibe, ob ich meinen Akzent verliere, ich werde immer von woanders gekommen sein. Und wenn ich es mal vergesse, weiß ich es spätestens wieder, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt.“ Viel wichtiger sei doch, dass sie Vertrauen in Amerika und seine „greatness“ hat. Auch jetzt noch, auch wenn sie damit etwas ganz anderes meint als Donald Trump.

          Natürlich sei sie besorgt, nur hätten sich Sorgen und Ängste in der Geschichte noch nie als besonders gute Ratgeber erwiesen. Es sei an der Zeit, sich zu fragen, was sich die Menschen erhoffen, und zu verstehen, wie weit entfernt die Realisierung ihrer Wünsche scheinen muss, um so einen Wahlausgang möglich zu machen: „Wir mögen zwar nicht mit ihnen einverstanden sein, aber wir sollten ihre Träume ernst nehmen.“

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