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Freitag, 10. Februar 2012
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Per Olov Enquist: Ein anderes Leben Innenansichten der Hölle

04.04.2009 ·  Der Autor: Einer der bekanntesten Schriftsteller Europas. Das Drama: Sein Leben. Das Problem: Davon hat er im Mantel der Fiktion schon oft erzählt. Doch dann geschieht ein Wunder. Per Olov Enquists neues Buch „Ein anderes Leben“.

Von Heinrich Detering
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Einer der großen europäischen Romanciers erzählt sein Leben. Die Nachricht weckt Neugier – aber auch die skeptische Nachfrage, ob er das nicht schon öfter und eigentlich unüberbietbar getan hat, im Fiktionsspiel von Romanen wie „Auszug der Musikanten“ oder „Kapitän Nemos Bibliothek“. Die Sorge ist groß, dass er nun womöglich bloß eine schwächere, autobiographisch vereindeutigende Wiederholung von Geschichten bietet, die wir schöner und reicher schon kennen. Und wenn ein Schriftsteller seinen Weg von der pietistischen Freikirche in die staatstragende Sozialdemokratie schildert, vom Fehlschlag des ersten Buches bis zu den gemeinsamen politischen Aktionen mit Enzensberger und Grass in Berlin und zum literarischen Welterfolg – warum dann der Aufwand, statt „ich“ immer nur „er“ zu sagen? Auch andere stilistische Kunstgriffe klingen auf den ersten Seiten wie Reprisen, und manche Wendungen erweisen sich bei näherem Hinsehen überhaupt als wörtliche Selbstzitate, angefangen mit jenen drei Sätzen, die auf dem Umschlag gleich unter dem Buchtitel zu lesen sind und aus dem Nemo-Roman stammen: „Man hofft ja immer auf ein Wunder. Wenn man nicht hofft, ist man wohl kein Mensch. Und eine Art Mensch ist man wohl trotzdem.“ Wie liest sich das, wenn dieses „man“ einfach ein prominenter Romancier und Dramatiker zu sein scheint und eine öffentliche Figur mit zeitweise beträchtlichem politischen Einfluss?

Ein Drama, das sich zur Tragödie steigert

Dass diese Frage nicht bloß rhetorisch ist, sondern sehr ernsthaft bedrängend wird: Das ist die Überraschung dieser Geschichte, und es ist ihr Ziel. Denn die drei Teile, aus denen sie sich zusammensetzt, erweisen sich als Akte eines Dramas, das sich im rasanten Crescendo zur Tragödie steigert. Hier wird, so stellt sich bald heraus, nicht nur sehr viel mehr erzählt als der Aufstieg eines begabten Jungen aus der provinziellen Enge, hier geht es um eine ganz andere Geschichte. Und von deren Ende her, diesem ungeheuren Schlussteil, erklärt und rechtfertigt sich im Nachhinein dieser Anfang so restlos, dass man ihn nicht ohne Erschütterung von neu-em lesen kann.

Im schwedischen Norrland also beginnt es auch hier wieder, tausend Kilometer nördlich von Stockholm, in der dörflichen, pietistisch geprägten Kindheit. Von den Katastrophen der Familiengeschichte ist die Rede, dem bei der Geburt gestorbenen Bruder, der unheimlichen Kindsverwechslung in der Verwandtschaft, vom Fehlen des Vaters und der Liebe zur Pflegeschwester, die hier wie in den Romanen wieder Eeva-Lisa heißt. Schon von diesem Anfang an gehen Aufstieg und Abfall eigentümlich ineinander über, so dass das eine vom anderen nicht leicht zu unterscheiden ist. Die Emanzipation des Heranwachsenden von der sozialen und geistigen Welt seiner Herkunft, seine abgebrochene Karriere als Sportler, seine rasante Laufbahn als Schriftsteller und politische Figur, schließlich der Weltruhm – dies alles führt auf rätselhaften Wegen in ebenjenen Selbstverlust, der im Alkoholismus, den Depressionen, den gescheiterten Klinikaufenthalten und Selbstmordversuchungen des letzten Teils seinen tiefsten Punkt erreicht. „Ohne Verwunderung stellte er fest“, so notiert der Erzähler, „dass er jetzt in der Hölle war.“ Die intime Innenansicht einer Weltverlassenheit, die auch für den Leser bis an die Schmerzgrenze geht, bleibt gebrochen durch die Distanz der dritten Person: Herr Enquist geht sterben.

Lebenswille und Selbstzerstörung

Nicht umsonst hat dieser Schriftsteller sich seinen Ruhm mit Romanen, Dramen und Filmskripten erschrieben, die zeitgeschichtlich symptomatische Lebensläufe großer Künstler behandeln – von den Psychodramen um Brecht und Ruth Berlau, Strindberg und Hamsun bis zur Lebenstragödie Selma Lagerlöfs, hinter deren nobelpreisgekrönter Erzählkunst Enquist das verzweifelte Bemühen sichtbar macht, die Trunksucht des Vaters umzudichten ins Familienidyll. In seiner Autobiographie nun beobachtet er mit derselben Schärfe die Lebenstraumata und den Kunstwillen eines Schriftstellers, der den Namen P. O. Enquist trägt. Er erzählt von Aufstieg und Fall, von Lebenswillen und Selbstzerstörung eines Mannes, der sich so gut zu kennen glaubt und der erleben muss, wie ihm ebendie Fähigkeit zur Selbstanalyse und die Begabung, deren Ergebnis wortgewandt zu formulieren, am Ende nur zu neuen Vorwänden für das Weitermachen werden, für das Weitertrinken, für das Sterben. Die tiefe Skepsis gegenüber der Reichweite einer doch als unumgänglich begriffenen Aufklärung, dieses Lebensthema Enquists: hier richtet sie sich auf die Selbstaufklärung, auf das Bekenntnis aus dem Geist protestantischer Wahrheitsliebe. So sind Enquists Confessiones getragen von Diskretion und zugleich, so sonderbar das klingt, Empathie für eine Figur, die Ich heißen könnte und doch konsequent nur „Enquist“ heißt. Allein im Zitat aus einem der während des Abstiegs zur Hölle geschriebenen Texte erscheint dann beiläufig die erste Person Singular.

Dank dieser Balance ist das Buch Bericht und Roman zugleich und eine radikale Beichte, die alles sagen kann und doch niemanden verrät. Bemerkenswert ist dabei die Diskretion, mit der von Familienangehörigen erzählt wird. Auch Freunde und Mitstreiter werden nur so weit porträtiert, wie sie selbst es mit Vergnügen lesen dürften, der Dichter Lars Gustafsson zum Beispiel, über dessen eigenwillige Selbstinszenierungen in seinen Anfängen man hier Erheiterndes erfährt („er behauptet, mindestens ein, vielleicht mehrere Streichquartette komponiert zu haben“) – wie es überhaupt einige komische Passagen sind, die dieser Tragödie überraschende Glanzlichter aufsetzen.

Die Welt, wie ein Alkoholiker sie sieht

An jeder Stelle ist diese Lebensgeschichte geöffnet für die Epoche, in der sie sich abspielt. Nicht nur Nordschweden, Kopenhagen und Stockholm, sondern auch Berlin und Paris, New York und Moskau gehören zu den Schauplätzen. Und wie die großen zeitgeschichtlichen Ereignisse, die sich mit Jahreszahlen wie 1968 oder 1989 verbinden, bleiben sie nie bloße Kulisse. Nur sieht das Zeitgeschehen, sehen Akteure wie Olof Palme oder Ulrike Meinhof aus der Perspektive dieses scharfsichtigen und zugleich dem Leben doch unwiderstehlich entgleitenden Helden manchmal sehr anders aus, als wir sie zu kennen glaubten.

Denn Enquist wäre nicht der Meister der Rollen- und Wahrheitsspiele, der er ist, wenn diese gänzlich uneitle Selbsterforschung nicht auch ein Kunststück von größter erzählerischer Raffinesse ergäbe. Seine überlegene Spannungsregie, seine Phrasierungen und Tempowechsel, Vor- und Rückblenden und das Netz der Leitmotive geben der Erzählung eine Sicherheit, die selbst über die erzählten Abgründe hinwegträgt. Unter den Urteilen und Fehlurteilen des Helden über sich selbst findet sich einmal die Vermutung, er besitze „das absolute Gehör für Prosa“. Selten dürfte er so recht gehabt haben. Was immer Enquists Leser an seinen Romanen bewundert haben und was sich in seinen letzten Büchern manchmal in Redundanzen verlor – hier hat es von neuem die Dichte und Anschaulichkeit seiner besten Arbeiten erlangt. Und ihre Spannung auch.

Bekehrung ist auch keine Lösung

Am Ende wird der Held gerettet – nicht mehr durch die religiösen Glaubenssätze der Kindheit, sondern durch die Literatur, die nun aber ihrerseits in einem eigenartig religiösen Zwielicht erscheint. Mit der eruptiven Niederschrift des Romans vom Kapitän Nemo, die seine Rettung bewirkt und begleitet, überwindet der Schriftsteller hier ja nicht lediglich eine Schreibkrise. Mit ihr resümiert er das Leben, das ihn hierher geführt hat, bringt es auf Distanz – und schließt es ab, mit dem lapidaren und erlösenden Satz: „So war es, so ging es zu, dies ist die ganze Geschichte.“ Wenn er damit zurückkehrt in jenes Leben, das ihm in allen quälenden Therapien unwiderruflich verloren schien, und die Erzählung wieder einmünden lässt in ihren Anfang, der ebendeshalb mit dem überraschenden Wort „(coda)“ überschrieben war, dann ergibt das doch weder eine Bekehrungs- noch eine success story. Enquist erzählt eine Wundergeschichte, nicht weniger. Sie handelt ausdrücklich „von der Wiederauferstehung“ eines Mannes, der hinabgestiegen war in das Reich des Todes. Mit einem ganz unironischen Staunen sieht der Erzähler seinen von allen verlassenen Helden, der aus der Tiefe geschrien hat, heimkehren ins Land der Lebenden. Der Sterbenslauf des P. O. Enquist ist in der Hölle zu Ende gegangen. Was dann noch folgt, geschieht nach dem Ende; es ist buchstäblich „Ein anderes Leben“.

Man hoffe ja immer auf ein Wunder, hatte es zu Beginn geheißen, mit einem Zitat aus dem rettenden Roman. Jetzt, da mit dessen Vollendung zugleich diese Lebens-Geschichte ans Ende gelangt ist, hat sich das Wunder ereignet. Es ist auch eines der Literatur.

Per Olov Enquist: „Ein anderes Leben“. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, München 2009. 542 S, geb., 24,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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