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Oliver Sacks’ Autobiographie : Ein besonders rasantes Leben

  • -Aktualisiert am

Der junge aufstrebende Neurologe Oliver Sacks 1961 in Greenwich Village auf seiner geliebten BMW R60 Bild: Douglas White

Gewichtheber, Neurologe und ein Wolf auf dem Motorrad: Oliver Sacks hat viele Talente. Für seine Patienten ist er ein guter Arzt, für seine Leser ein Bestseller-Autor. Sacks’ neue Autobiographie gewährt Einblick in ein besonderes Leben.

          Manche Leben scheinen intensiver gelebt zu werden als andere. Vielleicht trügt das, und ein hauptsächlich im Sitzen zugebrachtes Dasein mit hier und da einer aufreibenden Partie Schach oder Online-Scrabble hat ähnlich viel an Höhen und Tiefen zu bieten. Aber das Leben von Oliver Sacks scheint doch irgendwie besonders voll gewesen zu sein.

          Noch heute, mit fast 82 Jahren, schwimmt er täglich eine Meile. Er arbeitet an mehreren Büchern gleichzeitig. Er reist, gerade erst nach England zum Beispiel, wo er sich in Dorset in einem Tierheim für gerettete Affen mit einem jungen Orang-Utan fotografieren ließ. Er schreibt für den „New Yorker“ und die „New York Review of Books“. Doch die Zeit, die ihm noch bleibt, ist angezählt: Im Februar teilte Sacks in einem Artikel in der „New York Times“ mit, dass er nur noch Monate zu leben habe. Ein Drittel seiner Leber sei von Krebs befallen, ein weiteres Fortschreiten könne nur verlangsamt, nicht verhindert werden.

          Mehr als nur eine Realität

          Oliver Sacks ist, je nach Betrachtungsweise, ein praktizierender Neurologe, der sehr gut schreiben kann, oder ein Bestseller-Autor, der auch als Neurologe arbeitet. Sein bekanntestes Buch - „Awakenings - Zeit des Erwachens“ (1989) - erzählt die von ihm selbst erlebte Geschichte einer Gruppe von Patienten, die durch die Gabe eines bestimmten Medikaments aus einer Art Wachkoma wieder auftauchten; es wurde mit Robert de Niro und Robin Williams in den Hauptrollen verfilmt. Berühmt ist auch Sacks’ Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, auch dies erzählt wahre Geschichten aus seinem Leben als Arzt.

          Sacks’ große Gabe ist es, Patienten nicht als krank anzusehen, sondern als einzigartige Persönlichkeiten, deren Symptome faszinierende Abweichungen von der sogenannten Norm darstellen. Und er schildert die einzelnen Fälle so unvoreingenommen, liebevoll und mitreißend, dass man es als Leser schließlich auch nicht weiter verwunderlich findet, von einem Mann zu hören, der glaubte, neben ihm im Bett läge ein fremdes Bein und, als er dieses vom Bett hinunterschubste, extrem überrascht war, hinterherzufallen - eine Angelegenheit, die sich mehrfach wiederholte. Es gibt eben, lernt man bei Sacks, mehr als nur die Realität, in der man selber lebt. Im Zusammenhang mit Krankheit hat das viel mit Würde zu tun.

          Gewichtheber und Amphetamin-Junkie

          Jetzt hat er seine Autobiographie geschrieben: „On the Move“. Und obwohl er in den letzten Jahren schon mehrere autobiographische Bücher veröffentlicht hat, ist doch noch mal Neues über ihn zu erfahren - und einiges Überraschende.

          Auch das Gewichtheben ist eines von Oliver Sacks’ Talenten. In den Sechzigern hielt er mit 300 Kilogramm den kalifornischen Rekord im Gewichtheben.
          Auch das Gewichtheben ist eines von Oliver Sacks’ Talenten. In den Sechzigern hielt er mit 300 Kilogramm den kalifornischen Rekord im Gewichtheben. : Bild: Wonge Bergmann

          Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Oliver Sacks in den frühen sechziger Jahren mal den kalifornischen Rekord im Gewichtheben hielt. Dreihundert Kilogramm konnte er hochwuchten (Man nannte ihn „Dr. Squat“ - Dr. Kniebeuge) (Er mochte das). Er hatte damals keinen Bart, dunkle Haare, und, wie man sich denken kann, extrem aufgepumpte Muskeln. Es war dies dieselbe Zeit, in der er ausschweifend Drogen zu nehmen begann. Darüber hat er zwar schon in seinem letzten Buch „Hallucinations“ (auf Deutsch, warum auch immer, „Drachen, Doppelgänger und Dämonen: Über Menschen mit Halluzinationen“, 2014) geschrieben, aber es liest sich doch immer wieder überraschend, von diesem respektablen älteren Herrn über dessen jahrelange Amphetamin-Sucht zu hören, die zuletzt so massiv war, dass er innerhalb von drei Monaten vierzig Kilo verlor. Erst mithilfe seines Analytikers gelang es ihm, von den Drogen wegzukommen. Er geht immer noch zu ihm. Zweimal die Woche, seit nunmehr über fünfzig Jahren.

          Geboren wurde Oliver Sacks 1933 in London in ein jüdischorthodoxes, gebildetes Elternhaus hinein. Beide Eltern waren Ärzte - seine Mutter war eine der ersten weiblichen Chirurgen Englands, sein Vater Allgemeinmediziner, weitere Verwandte waren ebenfalls Ärzte. Dass auch Oliver Arzt werden würde, galt relativ früh als ausgemacht.

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