02.03.2009 · Der Schriftsteller Nicholson Baker hat aus historischen Quellen ein Buch über den Beginn des Zweiten Weltkriegs zusammengestellt. Seine These: Der Mord an den Juden hätte verhindert werden können, wenn Amerikaner und Briten es gewollt hätten. Aber sie wollten vor allem den Krieg.
Von Volker WeidermannEin Buch kann ein Beweisstück sein. Als der Sonderermittler Kenneth Starr immer verbissener nach Belegen für eine sexuelle Beziehung zwischen der Praktikantin Monica Lewinksy und dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton suchte, bemühte er sich, eine Verfügung gegen zwei Buchhandlungen zu erwirken. In einer dieser Buchhandlungen sollte Lewinsky angeblich dieses Buch gekauft haben, dass sie dem Präsidenten geschenkt haben sollte. „Dieses Buch“ war Nicholson Bakers erster Roman „Vox“, ein Buch, in dem zwei einander völlig Fremde am Telefon über Sex reden und schließlich auch Sex haben. Das Buch, das von der Kritik bei seinem Erscheinen 1992 als ebenso poetisch wie realistisch gefeiert wurde, fand nun also, sieben Jahre später, auch Amerikas Chefermittler so realistisch und vor allem so erotisch, dass es ihm als wichtiger Beweis dienen sollte, um den Präsidenten seines Landes der Liebe und der Lüge zu überführen und ihn aus dem Amt zu treiben. Baker protestierte scharf gegen diesen Missbrauch seines Buchs als Beweisstück in einem absurden Prozess.
Die Geschichte mit Baker, dem amerikanischen Präsidenten und den Buchbeweisen fand Jahre später eine sonderbare Fortsetzung. Längst war in Gestalt von George W. Bush ein anderer Präsident im Amt, Nicholson Baker war mit dessen Politik nicht einverstanden, vor allem der Irakkrieg erfüllte ihn mit Zorn und Hass, und er schrieb einen Roman über einen, der so voller Zorn und Hass ist, dass er den Entschluss fasst, den Präsidenten zu ermorden. Und als Baker auch noch öffentlich zugab, dass die Gefühle seines fiktiven Präsidentenmörders im Grunde seine eigenen seien, da gab es nicht mehr viele, die ihn verteidigten, dafür aber sehr viele, die den Roman „Checkpoint“ einen direkten Aufruf zum Mord nannten und für ein Verbot des Buches plädierten.
Was für ein erstaunliches Selbstbewusstsein!
Es muss ein sonderbares Gefühl für einen Schriftsteller sein, wenn er feststellt, dass seinen Büchern der Sturz und sogar die Ermordung von amerikanischen Präsidenten zugetraut wird. Das große Gefühl, dass man als Schriftsteller in die Geschichte eingreifen kann - eine Ahnung von Macht. Und vielleicht war das der Zeitpunkt, an dem der amerikanische Schriftsteller Nicholson Baker beschloss, einmal wirklich in die Geschichte einzugreifen und Geschichte, scheinbar für alle Zeiten felsenfest gefügte Geschichte, neu zu schreiben, anders zu schreiben. Ohne etwas neu zu finden oder gar hinzuzuerfinden. Einfach indem man sich die Quellen noch einmal ansieht, sie neu gewichtet, neu erzählt und neu gruppiert. Und Nicholson Baker beschloss nicht weniger, als die Geschichte des Beginns des Zweiten Weltkriegs neu zu schreiben. Auch hierfür war der erste Impuls seine Wut über den Irakkrieg; und dass auch für diesen, wie für alle anderen Kriege seit 1945, der Zweite Weltkrieg als Rechtfertigung herhalten musste. Der „gute Krieg“ gegen Deutschland und Japan. Nicholson Baker bewegte die Frage: „Wie gut war dieser Krieg eigentlich?“ und „Musste er wirklich geführt werden?“
Am Anfang las er Zeitungen. Baker ist ein manischer Zeitungssammler, er sammelt Zeitungen des 19. und 20. Jahrhunderts in gigantischen Mengen, rettet sie aus Archiven und Bibliotheken vor dem Vergehen, konserviert sie, ruft immer wieder, zuletzt in einem 500-Seiten-Buch, zu ihrer Rettung und Bewahrung auf. „Ich habe dabei gelernt, wie man Zeitungen liest“, hat er in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, und „dass sich die Wahrheit im Offensichtlichen verbirgt.“ Es sei nicht wahr, „dass nur die Teilnehmer oder Opfer wissen, was wirklich geschah. Es war überraschend zu sehen, dass das nicht stimmt“. Was für ein erstaunliches Selbstbewusstsein! „Die Wahrheit“ und „Was wirklich geschah“. Nicholson Baker geht es wirklich um alles.
Gongschlag der Geschichte
Das Buch heißt „Menschenrauch - Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete“, und es beginnt eher suchend, es beginnt mit einem Gespräch zwischen dem Sprengstoff-Fabrikanten Alfred Nobel und der Friedensaktivistin Bertha von Suttner. Sie kommt von einem Friedenskongress, er belehrt sie: „Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg noch früher ein Ende machen als Ihre Kongresse“, sagt er. „An dem Tag, da zwei Armeekorps sich gegenseitig in einer Sekunde werden vernichten können, werden wohl alle zivilisierten Nationen zurückschaudern und ihre Truppen verabschieden.“ Zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem unbedingten Pazifismus Bertha von Suttners und den Friedensbombenträumen Alfred Nobels bewegt sich das Buch. Zwischen der Logik des Krieges und der Logik der Friedfertigkeit. Nicholson Baker arrangiert die von ihm ausgewählten Quellen, er erzählt selbst, führt die handelnden Personen kurz ein und lässt sie dann oft in langen Zitaten selber sprechen. Es kommen Soldaten vor, Schriftsteller, Generäle, einfache Tagebuchschreiber, vor allem aber Hitler, Roosevelt, Churchill und - als Gegenspieler aus der Ferne - Mahatma Gandhi.
Im ersten Moment erinnert das Verfahren an Walter Kempowskis vieltausendseitiges „Echolot“-Projekt über den Zweiten Weltkrieg. Doch schon auf den zweiten Blick sieht man: es ist ein Unterschied ums Ganze. Während Kempowski niemals selbst erzählend eingreift, immer nur die Quellen sprechen und oft gerade auch das Abseitige, Zufällige, Botschaftslose stehen lässt, ist bei Baker von der ersten Seite an klar, dass hier ein Arrangeur mit Wirkungswillen angetreten ist. Und einer, der sein Handwerk ungeheuer gut beherrscht. Bakers Buch wirbelt einen in die Geschichte hinein, auf Nobel folgen Stefan Zweig und sein Staunen, als im Frühjahr 1914 in einem französischen Kino bei den „Neuigkeiten aus aller Welt“ plötzlich der deutsche Kaiser auf der Leinwand erscheint und „die gutmütigen Leute von Tours“ schreien, pfeifen und ganz außer sich geraten vor Empörung gegenüber dem feindlichen Monarchen auf der Leinwand. Und Zweig schaudernd erkennt, wie leicht es sein wird, die beiden Völker für einen neuen Krieg gegeneinander zu begeistern. Dann folgt eine Churchill-Passage, in der er das Ziel der Seeblockade gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg erläutert; sie habe eindeutig darauf abgezielt, „die gesamte Bevölkerung durch Aushungern zur Unterwerfung zu zwingen“. In jeder dieser historischen Vignetten lässt Baker eine Zeitansage, eine Art Gongschlag der Geschichte ertönen: „Es war das Jahr 1914“, schreibt er. Und als es kurz darauf schon zum 14. Januar 1918 schlägt, erfahren wir von der späteren Präsidentengattin Eleanor Roosevelt, warum sie eine Party-Einladung gerne ablehnen würde: „Ich muss auf diese Party bei den Harris' gehen, obwohl ich lieber am Galgen baumeln würde, als mich dort blickenzulassen. Fast alles Juden.“
Churchill ist nur brutal
Vom Antisemitismus Eleanor Roosevelts geht es locker weiter zu einem Zitat Winston Churchills, in dem er den Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte im Irak auffordert, „unbedingt mit den Gasbomben-Versuchen fortzufahren, vor allem mit Senfgas, um aufsässige Einheimische bestrafen zu können“. Es sind sehr eindrucksvolle Zitate, die Baker da versammelt, der Antisemitismus Churchills und Roosevelts, der Hass und die Sehnsucht nach dem endgültigen, vernichtenden Schlag gegen Deutschland, die Churchill schon lange vor Hitlers Machtergreifung bewegten. Vor allem Churchill wird dem Leser als lachendes, trinkfreudiges, kriegslüsternes Monster vorgestellt, als Mann, der vor keinem Kriegsverbrechen zurückschreckt, sich geradezu nach Tod und Leid der deutschen Zivilbevölkerung sehnt, und dem nichts ferner liegen könnte, als die Rettung der europäischen Juden. Nicht ein einziges lauteres Motiv wird dem britischen Premier in dem Buch zugestanden. Von Hitler erfährt man dagegen zunächst eher wenig. Der Erzähler Baker schätzt eher Göring mit seinen Pelzchen und bunten Uniformen. Die Deutschen, auch Hitler sind brutal und verrückt. Churchill ist nur brutal.
Sehr beeindruckend ist es, all die Weigerungen der amerikanischen und englischen Regierungen nach Erhöhung der Einwanderquote zu lesen. „Wir haben unsere Quotenregelung“, erklärte Roosevelt nach dem 9. November 1938. Und Churchill betonte: „England ist kein Einwanderungsland.“ Baker setzt diese Zitate wirkungsvoll ein, um einem Krieg, der im Nachhinein vor allem mit der Rettung der europäischen Juden begründet wurde, in Zweifel zu ziehen. Die Juden hätte man leichter und unendlich weniger verlustreich retten können, so Bakers These.
„Genau deshalb halte ich ja den Mund“
„Menschenrauch“ soll ein Friedensbuch sein. Es soll ein Buch sein, das der fatalen Logik der Geschichte, die im Blick zurück als die einzig mögliche erscheint, widerspricht. Bakers Mann des Widerspruchs ist vor allem Mahatma Gandhi. Er wird immer wieder zitiert und in seinem gewaltfreien Kampf beschrieben. Und die Maßnahmen der britischen Regierung gegen alle Formen des gewaltfreien Widerstands in Indien lesen sich ungeheuerlich. Aber viele Worte Gandhis, die er zur deutschen Lage sagt, wirken zynisch angesichts der späteren Geschichte, wenn er etwa den deutschen Juden zum gewaltlosen Widerstand rät. Und schließlich sagt auch ausgerechnet Gandhi jenen einen Satz, den man als Leser schon die ganze Zeit dem Autor als Intention unterstellt, weil er es geradezu darauf anzulegen scheint: „Hitlerismus und Churchillismus sind im Grunde dasselbe; sie unterscheiden sich nur graduell.“
In der Mitte des Buches lässt Nicholson Baker zwei Pazifisten aufeinandertreffen. Die Schriftsteller Christopher Isherwood und Klaus Mann. Mann hat seinen Pazifismus angesichts des Weltgeschehens abgelegt; er wird in die amerikanische Armee als Soldat eintreten. Isherwood bleibt bei seinen Überzeugungen und schweigt. Mann ist empört und erklärt, Isherwoods Bekenntnis zum Pazifismus könne nur den Nazis und der Fünften Kolonne nützen. „Genau deshalb halte ich ja den Mund“, entgegnet Isherwood.
Sind das die beiden Möglichkeiten? Den Pazifismus, angesichts einer Weltkatastrophe, entweder zu überwinden oder aber zu schweigen, um sich nicht auf der falschen Seite wiederzufinden? Pazifismus ist keine Ideologie, mittels der man die Welt der Vergangenheit neu erzählen kann. Es zu versuchen, ist heldenhaft; es muss bei einem Gegner wie Hitler wohl vergeblich bleiben.
Nicholson Baker hat versucht, die Geschichte umzudeuten und sein Buch selbst als Beweisstück einzusetzen. Es ist ihm nicht gelungen.
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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