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Neue Hör-Edition Thomas Mann : Denn er war ja auch ein Aff’

Thomas Mann mit seiner Tochter Monika Mann, um 1940. Foto von Ernest E. Gottlieb. Bild: akg-images

Zweiundzwanzig Stunden im Kreis des Zauberers: Eine neue Edition des Hörverlags versammelt Ton- und Filmdokumente von Thomas Mann und erstmals auch von der ganzen Familie.

          Es ist eine geradezu surreal anmutende Szenerie: Ein großer Pulk von Journalisten aus England, Frankreich und den Vereinigten Staaten wartet an einem sonnigen Frühlingstag auf den Beginn der Pressekonferenz mit dem weltberühmten Mann. Die Reporter sind uniformiert. Einer von ihnen ist Klaus Mann. Er trägt eine Sonnenbrille, raucht, macht sich Notizen. Der Ort: der Garten einer Villa am Stadtrand von Augsburg. Die Zeit: 11. Mai 1945. Der berühmte Mann, auf den alle warten: Hermann Göring.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Klaus Mann, 1906 in München geboren und 1934 von den Nazis ausgebürgert wie vor ihm sein Onkel Heinrich und nach ihm die Eltern Katia und Thomas sowie die Geschwister Erika, Golo, Monika, Elisabeth und Michael Mann, hatte sich im Dezember 1941 freiwillig zur U.S. Army gemeldet, wo er Texte für Flugblätter und Grabenlautsprecher verfasste und an Feldzügen in Nordafrika und Italien teilnahm. Am 11. Mai 1945 ist er unter den Teilnehmern der gespenstischen Pressekonferenz mit dem ehemaligen Reichsmarschall. Die Journalisten dürfen Fragen stellen: „Die Konzentrationslager? Er hatte nie geahnt, was dort vor sich ging... Der Reichstagsbrand? Hier wurde er fast schelmisch. ,Ich hatte nichts damit zu tun.‘ Dazu ein Grinsen...,Ist Hitler tot?‘ Ich war es, der diese Frage stellte, auf deutsch natürlich, was ihn etwas zusammenfahren ließ. Indessen kam die Antwort mit größter Promptheit und besonderem Nachdruck: ,Ja! Hitler ist tot! Unbedingt! Kein Zweifel!‘“

          Zugewinn an überlieferten Orginialtönen

          Klaus Mann hat die Szene in seinem 1952 postum erschienenen „Lebensbericht“ mit dem Titel „Der Wendepunkt“ beschrieben. Jetzt kann man sich die Begegnung auf DVD ansehen: zweieinhalb Minten lang, leider ohne Ton. Es sind Bilder, die den Betrachter seltsam berühren: der alles andere als verzweifelt auftretende Kriegsverbrecher, der im Oktober 1946 Zyankali-Kapseln schluckte, und der schmale, zart wirkende Schriftsteller, der sich drei Jahre später als Göring das Leben nahm. Der eine hat seine Epoche besudelt, vergiftet und millionenfach mit Blut getränkt, der andere wurde, wie Heinrich Mann schrieb, „von dieser Epoche getötet“.

          Hörprobe : Erika Mann über den Tagesablauf ihres Vaters

          „Was für eine sonderbare Familie sind wir! Man wird später Bücher über uns – nicht nur über einzelne von uns – schreiben“, ahnte Klaus Mann schon 1936. Jetzt liegt im Hörverlag eine Kassette mit siebzehn CDs und einer DVD vor, die erstmals die ganze Familie Mann dokumentarisch zu erfassen versucht. „Thomas Mann. Die große Originalton-Edition“ ist vor zwei Jahren erschienen, musste sich begründete editorische Kritik gefallen lassen (F.A.Z. vom 26. Mai 2015) und darf als Vorläuferprojekt gelten, das eine Vielzahl der erhaltenen Tondokumente versammelte. Die Gesamtlaufzeit betrug 1030 Minuten.

          Doch manch editorische Kritik bleibt

          Jetzt lautet der Titel der Sammlung im stabilen Schuber „Der Kreis des Zauberers. Thomas Mann und Familie“, die Laufzeit beläuft sich auf fast 22 Stunden, und der Zugewinn gegenüber dem Vorläufer ist immens. Doch manches Ärgernis bleibt: Warum schreibt der Verlag, die Edition versammle Dokumente „aus den Jahren 1932 bis 2000“, wenn das erste Tondokument, Thomas Manns in pathetischem Singsang vorgetragener „Neujahrswunsch an die Menschheit“, von 1929 stammt, wir Heinrich Mann 1926 im Atelier Max Oppenheimers sehen, wo wir verfolgen können, wie Oppenheimers bekanntes Porträt des Schriftstellers entsteht, und die frühesten Filmaufnahmen aus der Münchner Familienvilla laut Booklet zwischen 1910 und 1926 entstanden sind? Auch die Angabe, 86 Prozent der Tondokumente seien „bisher unveröffentlicht“, ist irritierend. Vielleicht doch eher vierzehn Prozent? Auch das wäre noch beträchtlich.

          „Der Kreis des Zauberers.“ Thomas Mann und Familie, Hrsg. Robert Galitz, Kurt Kreiler. Der Hörverlag, München 2017
          „Der Kreis des Zauberers.“ Thomas Mann und Familie, Hrsg. Robert Galitz, Kurt Kreiler. Der Hörverlag, München 2017 : Bild: Verlag

          Das Booklet, das auch ein Vorwort von Frido Mann, dem Enkel Thomas Manns, enthält, verzeichnet zahlreiche Reden und Interviews, aber auch journalistische Arbeiten und Familiäres, darunter Golo Manns „Heitere Erinnerungen an Thomas Mann“, eine knapp einstündige, im Wortlaut bislang ungedruckt gebliebene Sendung des Westdeutschen Rundfunks vom 6. Februar 1962, oder eine Reportage Erika Manns über die Nürnberger Prozesse, die der WDR im Dezember 1945 ausstrahlte. Bei dem ungenannt bleibenden Interviewpartner Erika Manns handelte es sich, wie Frido Mann den Herausgebern bestätigt hat, um Bruder Golo, der 36 Jahre später im Gespräch mit Henning Röhl seinen geistigen Werdegang beschreibt und daran erinnert, wie wenig willkommen Emigranten in der ersten Nachkriegszeit oft waren: „...ich habe damals den ersten bayerischen Ministerpräsidenten Schäffer, den ersten von den Amerikanern ernannten bayerischen Ministerpräsidenten, besucht und nach ihm den Doktor Hoegner. Wenn mir einer von denen gesagt hätte: ,Wir brauchen Sie, bleiben Sie hier‘, ist es möglich, dass ich geblieben wäre. Aber keiner kam auf den Gedanken.“ Golo Mann blieb in Kalifornien und kehrte erst 1958 dauerhaft nach Deutschland zurück.

          Die Jahre des Exils nehmen verständlicherweise viel Raum ein. Im Gespräch mit Fritz J. Raddatz beschreibt Erika Mann, wie sie dem Vater bei der Vorbereitung seiner politischen Vorträge in den Vereinigten Staaten assistierte. Er schrieb auf Deutsch, sie ließ den Text übersetzen, überarbeitete ihn, bis er „mundgerecht“ war, dann wurden Aussprache und Betonung geübt, zum Teil mit Hilfe von Tonbandaufnahmen. Das Manuskript versah Thomas Mann mit phonetischen Zeichen und legte es möglichst unauffällig aufs Vortragspult, um den Eindruck zu erwecken, er würde frei sprechen. „Denn“, so Tochter Erika liebevoll-beiläufig im Jahr 1968, „er war ja auch ein Aff’“.

          „Der Kreis des Zauberers.“ Thomas Mann und Familie, Hrsg. Robert Galitz, Kurt Kreiler. Der Hörverlag, München 2017. 17 CDs, 1 DVD, 1316 Min., 99,-€.

          Quelle: F.A.Z.

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