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Ulli Lust und Reinhard Kleist : Zwei deutsche Comics machen Sensation

Clubszene aus Ulli Lusts autobiographischem Comic Bild: Ulli Lust, Suhrkamp Verlag

Bilderwundertäter aus Berlin: Ulli Lust erzählt in „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ ihr Leben weiter – und Reinhard Kleist widmet sich Nick Cave.

          Es ist ein Ereignis: Nahezu gleichzeitig haben jetzt zwei der bedeutendsten und international erfolgreichsten deutschsprachigen Comiczeichner neue Hauptwerke veröffentlicht. Sie stammen von einer Frau und einem Mann, beide etwa gleich alt (geboren 1967 beziehungsweise 1970), sie in Wien, er in der Nähe von Köln, heute leben beide in Berlin, aber nur einer ihrer Bände hat zentral etwas mit dieser Stadt zu tun. Es handelt sich dabei um eine Musikerbiographie, der andere Band ist autobiographisch. Beide Bücher sind mit mehr als dreihundert Seiten von gewaltigem Umfang, setzen aber nicht nur damit die Entwicklung in Deutschland zu komplexen Comicpublikationen entscheidend fort: Beide loten, obwohl einmal streng schwarzweiß und das andere Mal nur mit einer Zusatzfarbe (Rosa) gedruckt, auch graphisch konsequent aus, was diese Erzählform hergibt. Und es sind beides ganz gegenwärtige Stoffe, wenn auch das Geschehen im autobiographischen Comic zu Beginn der neunziger Jahre angesiedelt ist und die Musikerbiographie ein mittlerweile sechzigjähriges Leben umfasst. Die Rede ist von Ulli Lusts „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ und von Reinhard Kleists „Nick Cave – Mercy on me“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auf beide Comics haben wir sehnlich gewartet, weil sie thematisch an die berühmtesten Werk dieser beiden Autoren anknüpfen. Kleist ist einer der produktivsten deutschen Zeichner, aber seinen großen Durchbruch hatte er 2006 mit einer anderen Musikerbiographie, „Cash – I see a darkness“ über den Country-Star Johnny Cash, damals sein Debüt bei Carlsen, dem traditionsreichsten Comicverlag hierzulande. Ihm blieb Kleist bis heute treu, obwohl er zwei seiner erfolgreichsten Comics, die vielfach preisgekrönten Geschichten „Der Boxer“ und „Der Traum von Olympia“, in dieser Zeitung erstveröffentlichte, bevor sie dann auch als Bücher erschienen. Nebenher zeichnete Kleist journalistisch und als Illustrator, doch weltweit zum Maßstab geworden ist er seit „Cash“ im biographischen Genre; auch Fidel Castro hat er einen umfangreichen Band gewidmet. Von seinem Nick-Cave-Projekt erzählte er erstmals vor drei Jahren; da hatte ihm der australische Musiker gerade seine Zustimmung erteilt.

          Seite aus Reinhard Kleists expressiver Bildinterpretation des Nick-Cave-Songs „The Mercy Seat“
          Seite aus Reinhard Kleists expressiver Bildinterpretation des Nick-Cave-Songs „The Mercy Seat“ : Bild: Reinhard Kleist, Carlsen Verlag

          Ulli Lust macht sich als Zeichnerin dagegen sehr rar. Wahrgenommen wurde sie außerhalb der Berliner Szene erst 2009, dann aber gewaltig: „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ erschien im hochambitionierten, aber kleinen Avant Verlag und erzählt schonungslos über Ulli Lusts Jugend als Punkerin und Ausreißerin nach Italien. Danach brauchte es vier Jahre für die gefeierte Romanadaption von Marcel Beyers „Flughunde“, die bei Suhrkamp herauskam – als zweiter Comic des wichtigsten deutschen Literaturverlags nach dem Sensationserfolg von Nikolas Mahlers „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard. Und nun hat Suhrkamp auch wieder den Zuschlag erhalten für das dritte große Lust-Werk, „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“, das graphisch wie inhaltlich „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ fortsetzt. Wenn man darauf wartet, dass endlich einmal ein bedeutender deutscher Literaturpreis an einen Comic geht, dann hat man mit Kleists und Lusts neuen Büchern heiße Kandidaten.

          Was macht ihre Bedeutung aus? Die Intensität des Erzählens bei Ulli Lust, die Originalität des Zeichnens bei Reinhard Kleist. In „Nick Cave“ wird das Prinzip der Seitenarchitektur als feste Verfugung der Bilder auf einer Seite einem anderen Verfahren geopfert: der Verschmelzung von Panels, die ineinandergreifen und zu ganzseitigen Arrangements werden, die gerade nicht mehr Stabilität, sondern Spontaneität und Transgression vermitteln wollen – ihrem Thema adäquat, der Rockmusik und speziell dem Schaffen von Nick Cave. In Chaos und Wildwuchs der Karriere dieses exzentrischen Künstlers, der nach Drogenexzessen und musikalischem Scheitern schließlich im West-Berlin der achtziger Jahre zu sich und seinem Stil fand, hat Kleist den geeigneten Stoff für eine graphische Tour de Force gefunden. Und für eine inhaltliche.

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