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Ulli Lust und Reinhard Kleist : Zwei deutsche Comics machen Sensation

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Denn hier wird nicht chronologisch erzählt, ja nicht einmal realistisch. Der Comic vermischt Lebensstationen mit Liedtexten, ohne dass er eine einzige Jahreszahl nennen würde. Cave trifft immer wieder auf diverse Alter Egos: jüngere, ältere, Figuren aus seinen Liedern und aus seinem Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Wiederkehrendes Motiv ist das religiös grundierte Erlösungsstreben, doch das wird kontrastiert mit einem ebenso unsentimentalen wie rücksichtslosen Umgang mit seinen Mitstreitern. Im Zentrum steht immer Nick Cave; nur nebenbei wird im Comic zum Beispiel erwähnt, dass sein Freund und Gitarrist Blixa Bargeld die Band verlassen hat und ein gewisser Warren Ellis eingetreten ist. Wer nicht schon einiges über Nick Cave (und damit über Blixa Bargeld und Warren Ellis) weiß, der darf nicht erwarten, von Kleist Erläuterungen zu bekommen. Er arrangiert Begebenheiten, kommentiert sie aber nicht.

Damit gehorcht sein Comic dem Prinzip eines Pop-Albums, und er bietet denn auch immer wieder graphisch interpretierte Liedtexte, die sich stilistisch deutlich vom Rest der Geschichte unterscheiden. Wobei Kleist für die immer wieder ins Phantastische spielende Cave-Biographie zu den eigenen Anfängen zurückgekehrt ist, zu Bravourstücken wie seinem Band „Amerika“ von 1998 oder der Heftserie „Fucked“ von 2000 – beides Arbeiten, auf die Kleist sich jahrelang nicht gerne ansprechen ließ. Nun aber erweisen sich deren Stimmungen als genau passend zum rauen Stil von Caves erster Band, The Birthday Party, und dem der späteren Bad Seeds.

Auch Ulli Lust greift graphisch über den Vorgängerband „Flughunde“ zurück, wobei das der Kontinuität zu ihrer ersten autobiographischen Erzählung geschuldet ist: Der Drastik bei der Schilderung sexueller Affären und der Ich-Fixiertheit der Protagonistin Ulli entspricht die bewusst kleinteilige Seitenarchitektur und bisweilen krude Gestaltung der Figuren. Thema ist das Liebesleben einer jungen Frau in Wien, die ihre erste große Leidenschaft platonisch werden lässt, um mit anderen Partnern ihre erotischen Träume auszuleben. Geschickt blendet Ulli Lust an Schlüsselstellen ruhiggestellte ganzseitige Bilder ein, dann wieder lässt sie den sexuellen Exzess auch graphisch regieren, wobei sie manchmal Bildideen ihrer belgischen Kollegen Judith Vanistendael variiert. Doch für die schockierende Intensität dieses scheinbar unbedeutenden individuellen Schicksals gibt es in Europa kaum Vorbilder; man muss bis nach Amerika zu Chester Brown oder Jason Lutes sehen, um annähernd Vergleichbares zu finden. Ulli Lust zählt mit ihrem neuen Band endgültig zur internationale Spitze der Comic-Autobiographen.

Sie kennt keine Skrupel, pfeift auf politische Korrektheit, hier ist alles radikal subjektiv und expressiv, ein Selbstporträt mit bedingungslosem Mut zur Entblößung. Das ist ein ganz anderer Ton als bei Reinhard Kleist, der bislang noch nie dezidiert autobiographisch erzählt hat (mit Ausnahme der journalistischen Comics natürlich). Doch seinem „Nick Cave“ merkt man die persönliche Anteilnahme an. Die masochistische Rücksichtslosigkeit des Erzählens ist hier nur besser kaschiert als bei Ulli Lust. Was mag Nick Cave, der dem Comic nach Fertigstellung seinen Segen gegeben hat, etwa bei einer Szene gleich zu Beginn empfunden haben, in der ein Junge in einen Abgrund stürzt? Wem bekannt ist, dass Cave erst vor wenigen Jahren einen seiner Söhne durch einen tödlichen Klippensturz verloren hat, der mag eine Vorstellung davon haben, was auch Reinhard Kleist hier riskiert hat. Ohne Caves Billigung wäre dieser Band nicht erschienen. Aber wie hätte ein großer Künstler ein großes Kunstwerk verkennen können? Hier wird ohne Sicherheitsnetz erzählt. Aber mit doppeltem Boden.

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