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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Kritik der Linken Der Mann, den sie die rote Ratte nannten

11.05.2009 ·  Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nimmt sogar in Kauf, ein paar Freunde zu verlieren: Mit Witz wollte der Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer gegen die kulturelle Dominanz der Linken schreiberisch ankämpfen. Er landete im „juste milieu“ und seinen Lebenslangweiligkeiten.

Von Julia Encke
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Es hat sich viel angestaut im Leben des „Spiegel“-Redakteurs Jan Fleischhauer. In seiner Kindheit, in seiner Jugend, in seiner Zeit beim „Spiegel“: Immerzu musste er leiden wie ein Hund. Und ganz offensichtlich musste das jetzt alles mal raus, in einer Abrechnung, einer Polemik gegen all das, was ihn wider Willen so furchtbar geprägt hat. Jan Fleischhauer nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nimmt sogar in Kauf, ein paar Freunde zu verlieren.

Sein Mut ist unerhört. Denn endlich bekennt er sich dazu, „aus Versehen“ ein Konservativer geworden zu sein. Und nicht nur das. Er hat sogar gelernt, mit seinem Konservativsein „offensiv umzugehen“, traut sich, „Vorurteile direkt anzusprechen“. Zum Beispiel, wenn bei ihm zu Hause ein Ehepaar zu Gast ist, das den Filmemacher Michael Moore verteidigt: „Ich glaube nicht, dass die CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steht, und ja, wir haben gerne in Amerika gelebt“, wagt er da zu sagen und ist „erschrocken“, aber auch ein klein wenig „stolz“ auf sich, als das Paar bald darauf geht.

Jan Fleischhauer, Jahrgang 1962, wuchs in einer Familie des linken Hamburger Bürgertums auf. Das ist sein Schicksal. Es ist sehr langweilig, die Verletzungen, die er davongetragen hat, sitzen deshalb aber nicht weniger tief: Schlimm war, dass es bei den Fleischhauers Biohaferflocken statt Industriemüsli gab, Coca-Cola nur bei Erbrechen, niemals McDonald's. Schlimm war der „Tag der Befreiung“ seiner Mutter, der „auf den 33. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie“ fiel und den fünfzehnjährigen Jan „als eine Art Kollateralschaden“ erwischte: Gerade aus der Schule gekommen, hielt seine Mutter ihm seine dreckige Wäsche entgegen, die er ab heute doch bitte selber waschen solle. Als die Mutter später begann, „Emma“ zu lesen, hatte der Sohn gar nichts mehr zu lachen.

Konservativ wird man vielleicht aus versehen, komisch eher nicht

Und man selber lacht leider auch nicht. Nicht ein einziges Mal. Das ist die wahrscheinlich traurigste Nachricht über das Buch „Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“, dass der Autor sich die ganze Zeit so sehr bemüht, komisch zu sein, es aber überhaupt nicht funktioniert. Da hilft auch der Vorschusslorbeer des „Weltwoche“-Chefredakteurs Roger Köppel nichts, der ihm auf dem Buchumschlag „so viel Witz“ attestiert. Fleischhauers Witze sind meistens durch Statistiken abgesichert und klingen so: „Nach der Sterbetafel von 1974 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Deutschland bei 74,5 Jahren, sie leben damit sechs Jahre länger als ihre Unterdrücker, nicht gerade ein Hinweis auf ein entbehrungsreiches Sklavendasein.“ Bedenkt man, dass eine der Hauptbeschwerden, mit denen der Autor gegen die Linken zu Felde zieht, darin besteht, dass sie keinen Humor haben und dass er für die Erörterung eben dieser Frage mit Martin Mosebach, dem „para-katholischen Eleganzphänomen“, wie Sloterdijk ihn gerade so schön beschrieben hat, extra essen geht, kann man nur hoffen, dass er noch zu üben bereit ist. Konservativ wird man vielleicht aus Versehen, komisch eher nicht.

Fleischhauers Grundvorwurf an die Linken ist das, was er die „Erfindung des Opfers“ nennt. Das Opfer, sagt er, stehe am Anfang aller linken Politik, als dessen Anwalt diese sich aufspiele. Da es heute so viele Möglichkeiten gebe, zum Opfer der Gesellschaft zu werden; da es reiche, eine Frau, alleinerziehend oder „im falschen Teil Deutschlands“ geboren zu sein, um als Diskriminierungsfall zu gelten, spalte sich die Gesellschaft immer weiter in konkurrierende Opferclans auf, die sich alle Gehör verschaffen wollen: politisch, privat, in Talkshows oder - jetzt kommt's! - in „semi-privaten Aufbereitungen des eigenen Schicksals in Buchform“.

Wer aber sind diese „Linken“?

Man muss dazu sagen, dass Jan Fleischhauer zwischendurch gerne mal den von Jacques Derrida abgewandten Literaturwissenschaftler raushängen lässt, der er ist. Dass er in einer mise en abîme sein eigenes Vorgehen mit so bemerkenswerter Präzision beschreibt, scheint ihm allerdings zu entgehen. Denn als nichts anderes stilisiert er sich ja die ganze Zeit: als Opfer jener linken Sozialisation, die ihn zu dem machte („Jan ist eine rote Ratte“), was er heute nicht mehr sein will. Als konvertierte Minderheit, die im angeblich komplett linken Umfeld nun nicht mehr zu den „Coolen“ gehört: „Jedes Opfer“, schreibt er, „hat eine Geschichte, die es loswerden will, eine Kränkung, von der es nicht freikommt und die seinem Leben eine Wende gegeben hat. Umstehenden mag das auslösende Ereignis auf den ersten Blick banal vorkommen, das Opfer erlebt die Situation gleichwohl als so gravierend, dass es nun entsprechende Beachtung und Hilfe erwartet.“ Der Autor kommt von den Linken einfach nicht los.

Wer aber sind diese „Linken“ eigentlich? Fleischhauers Buch beruht auf einer „begrifflichen Fiktion“. Das stellt er am Anfang sicherheitshalber selbst fest und gibt auch zu, dass so ein „Gattungsbegriff“ Nachteile hat, weil er Differenzen einebne. Doch nimmt er das gerne in Kauf. Schließlich verliere, wer jeder Verästelung nachspüre, das Allgemeine aus dem Blick. Ein Biologe fasse Schnecken, Muscheln und Kopffüßler ja auch unter dem Stamm der Mollusken zusammen - was wahrscheinlich wieder ein Witz sein soll.

Träumen von Meinungsführerschaft

Also fasst er unter „Linken“ alles zusammen, was ihm im Leben und in den Büchern über den Weg gelaufen ist: Das ist an erster Stelle der „frühgrüne Fundamentalist, Sozialtheoretiker, dilettierende Theaterautor“ Jean-Jacques Rousseau. Es sind natürlich und immer wieder die 68er, es sei denn, sie sind zu Renegaten geworden. Es ist das Feuilleton, die „Taz“, die „Zeit“, das Links-Bürgertum, Psychologen, Esoteriker, Enthusiasten, „Die Linke“, Frank-Walter Steinmeier, Karl Marx, Hausbesetzer, Sozialarbeiter, messianische Klimaeiferer, Israel-Kritiker, die RAF oder Attac-Leute. Überall sieht Jan Fleischhauer rot. Und weil er tatsächlich der Meinung ist, dass „die Linke gesiegt hat, auf ganzer Linie“, weil sie „zum Juste Milieu derer geworden ist, die über unsere Kultur bestimmen“, „outet“ er sich, um endlich selbst den Ton anzugeben, in einem doch „erstaunlich konservativen Land“. Jan Fleischhauer träumt von Meinungsführerschaft.

Nur hat er leider nicht gerade das Buch der Stunde, sondern ein Achtziger-Jahre-Buch geschrieben. Die Welt, in der er lebt, sorgfältig eingeteilt in links und rechts, ist so sehr eine Welt von gestern, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Generationen, die postideologisch aufgewachsen sind, kommen überhaupt nicht vor. Die Herausforderung, sich politischen Fragen jenseits von Parteipolitik zu nähern, wird im anti-intellektuellen Affekt plattgemacht. Für den Autor gibt es nur das Entweder-oder, weshalb er ja auch Derrida nicht mag.

Den Preis zahlt der Leser

Dass die alten Kategorien nichts mehr taugten, die politischen Vorgänge komplex geworden seien, das hätten auch seine Kollegen vom „Spiegel“ gesagt. Aber wieso, fragt er, um endlich zur Finanzkrise zu kommen, spreche man dann vom „Linksruck“? Und überhaupt, sei die Finanzkrise nicht ein Grund, erst recht konservativ zu werden? Die Suche nach der „Abzweigung zum schnellen Reichtum“ mache doch den „Charme des kapitalistischen Systems“ aus! „Der Mensch will betrogen werden, weil er in die Idee verliebt ist, dass es auch ohne Mühe und Plackerei gehen könnte - manchmal gilt das für ganze Volkswirtschaften.“ Schöne zynische Welt.

Jan Fleischhauer hat neue Freunde gefunden. Er mag jetzt Friedrich Merz, Götz Aly, Necla Kelek, Martin Mosebach und Arnulf Baring, der ihn in der „Welt“ vorgestern auch gleich zurückliebte. Er hat endlich ein neues juste milieu gefunden und steht nicht mehr so furchtbar allein da. Das ist schön für ihn. Den Preis zahlt der Leser. Er langweilt sich zu Tode.

Jan Fleischhauer: „Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“. Rowohlt-Verlag, 351 Seiten, 16,90 Euro

Quelle: F.A.S.
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