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Zeitgenössische Architektur im Bilderbuch Das Teehaus in der Krone

17.03.2010 ·  Auffallen um jeden Preis? In ihrem Bilderbuch „Treppe, Fenster, Klo“ zeigen Aleksandra Machowiak und Daniel Mizielinskit, was moderne biomorphe Architektur vermag - und wo sie versagt.

Von Dieter Bartetzko
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Liebenswerte Träumer. Das fällt einem heute ein, wenn man die skurrilen Zeichnungen Hermann Finsterlins sieht, auf denen er in den zwanziger Jahren Sonnentaugewächse, Algen oder Pilze zu Bauwerken umformte. Oder die Fotografien Karl Blossfeldts, der alle Welt, vor allem aber Architekten mit extremen Nahsichten auf Farne, Disteln oder Mohnkapseln faszinierte, die plötzlich wie wagehalsige Konstruktionen erschienen. Auch den davon inspirierten Bauten bescheinigen wir gern Träumerisches: Hans Poelzigs Berliner Großem Schauspielhaus von 1919 mit wie aus Farnwedeln gebauten Foyers oder dem Kugelhaus von Peter Birkenholz, das im Großen Garten in Dresden ab 1928 wie eine metallene Samenkapsel glitzerte, ehe die Nationalsozialisten es als „entartet“ abrissen.

Letzteres ist 2005 wiedererstanden – als Werbegag eines banalen glaskastenen Geschäftshauses. In diese Sackgasse droht zu münden, was seit einem Jahrzehnt als „biomorphe“ Architektur Furore macht. Beginnend mit Berlins wie ein Gürteltier geformter neuer Börse, breitete sich diese Stilrichtung rasch aus: Peter Cook schenkte Graz zur Kulturhauptstadtwürde eine quallenartige Kunsthalle, das Duo Herzog & de Meuron baute in ähnlicher Gestalt Münchens neues Fußballstadion, gern auch „Bloob“ genannt, und Pekings Olympiastadion heißt sichtlich nicht grundlos „Vogelnest“.

Nichts, was Architekten sich derzeit ausdenken, fehlt

Das ist der Hintergrund, vor dem Aleksandra Machowiak und Daniel Mizielinski das Material für ihr Kinderbuch gesammelt haben. Doch sie sind weiter gegangen. Denn bei ihnen sind nahezu sämtliche Versuche versammelt, die ungewöhnlichsten Häuser der Welt zu schaffen. Zum Beispiel die putzige quietschblaue Minigruppe dreier Häuschen, die das niederländische Architekturbüro MVRDV, halb Hollands Häuschenmentalität ironisierend, halb um Lösung des Wohnungsproblems in Metropolen bemüht, auf das Flachdach eines Großbaus in der City von Rotterdam setzte. Oder das Teehaus des japanischen Architekten Terunobu Fujimori, das er in der Bergstadt Chino in die Krone einer sechs Meter hohen Kastanie gesetzt hat.

Schmetterlings-, Birnen- und Segelhaus, Häuser aus Röhren und Würfeln, aus Glas oder Stroh, das Ufo und das aufblasbare Haus und selbstverständlich auch das Kugelhaus – nichts, was Architekten sich derzeit ausdenken, fehlt, und alles ist anschaulich gezeichnet, inhaltsreich und dennoch knapp und oft sogar humorig kommentiert. So erlernen Kinder eine unbefangene und zugleich anspruchsvolle Haltung gegenüber Architektur, eine, die sich nicht vorschnell mit Normiertem zufriedengeben dürfte. Die Kehrseite: Sie könnten sich an jenes Auffallen um jeden Preis gewöhnen, das der Markt Architekten aufzwingt – und das unsere ohnehin zerfledderten Städte noch wirrer erscheinen lässt.

Aleksandra Machowiak, Daniel Mizielinski: „Treppe, Fenster, Klo“. Aus dem Polnischen von Dorota Stroinska. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2010. 155 S., geb., 18,- €. Ab 7 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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