15.07.2010 · Wer auf dem Müllberg landet, ist schon so gut wie tot: Will Gattis Krimi „Diebe!“ erzählt von südamerikanischen Straßenkindern - hart, ohne Pathos, aber voller Mitgefühl.
Von Eva-Maria MagelIn den siebziger, achtziger Jahren konnte man als Kind kaum den einigermaßen spannenden Romanen über den Alltag südamerikanischer Straßenkinder, afghanischer Flüchtlingskinder oder indischer Waisenkinder entgehen. Die Bücher stapelten sich damals auf Geburtstagstischen und unter Weihnachtsbäumen, irgendwie hat sich das heute gelegt - und langsam wird es Zeit, das zu bedauern.
Denn abgesehen davon, dass es langweilig wird, immerzu mit Zeitreisen, Zauberlehrlingen und Zwischenreichen zu tun zu haben, hat es noch nie geschadet, sich auch mal mit echten Vampiren zu beschäftigen. Die können einem nämlich wirklich begegnen. Als Erwachsenem. Und, wenn es schlecht läuft, auch schon in sehr, sehr jungem Alter. In „Diebe!“, Will Gattis südamerikanischem Kriminalroman, gibt es eine Menge Blutsauger. Vor allem solche, die man nicht dafür halten würde - die Polizei etwa ist Gattis Kindern weder Freund noch Helfer.
Polizeichef Dolucca ist korrupt und gewalttätig, sein Sohn Eduardo geht über Leichen und wird zum neuen Herrn der ungenannten südamerikanischen Großstadt. Das klingt nach Klischee. Aber der Brite Gatti, Jahrgang 1949 und weitgereist, beschreibt alltägliche Kriminalität, Armut, Korruption und Abstumpfung in einem Entwicklungsland ohne Pathos. In der Mitte stehen zwei Kinder, die mit wachem Verstand, Witz und dem Instinkt, auch ihre Ängste ernst zu nehmen, Haken schlagen, um eine wilde Verfolgungsjagd zu überleben.
Nichts für schwache Nerven
Baz und Demi haben schon nicht mehr viele Illusionen, als ihr Abenteuer beginnt - ihr Alltag ist schließlich abenteuerlich genug. Die zwölf Jahre alte Baz wurde von Demi, der ein paar Jahre älter ist, auf der Straße gefunden. Seither sind sie wie Bruder und Schwester und ein unschlagbares Team bei ihren täglichen Touren. Baz und Demi geht es den Umständen entsprechend gut: Sie wohnen im Barrio, einem finsteren Slum, wo der Mafioso Moro Schutzgeld schon von den Jüngsten erpresst. Aber sie haben ein Dach über dem Kopf und bekommen zu essen: von Fay, einer alkoholkranken Frau mit tragischer Vergangenheit, die wie Dickens' Fagin Straßenkinder aufliest und sie zu Dieben macht. Wer nicht gehorcht, wird Moros Häschern übergeben und landet auf dem Müllberg außerhalb der Stadt - einem Ort, den auch der kleine Raoul nicht überlebt. „Willste mein Leben haben?“, fragt eine der Eingekerkerten dort am Zaun Baz - eine der schrecklichsten Szenen des Romans. Das Verhängnis beginnt mit dem Ring, den Demi ausgerechnet der Frau des Polizeichefs klaut.
Für schwache Nerven ist „Diebe!“ nichts: Weder für die Härte von Baz' und Demis Alltag noch für die Toten des Barrio gibt es die Flucht in Fantasy. Doch Gattis präzise Beschreibung der Ängste und Hoffnungen, des Humors und der Irrtümer der Kinder fangen diese realitätsgesättigte Härte auf. Dazu tragen auch die umgangssprachlichen Dialoge bei. So vergisst man ein paar dramaturgische Schwachstellen - die umkurvt „Diebe!“ in atemberaubendem Tempo.