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„Wie ein unsichtbares Band“ von Inés Garland : Eine Hängebrücke ist schön, reicht aber nicht aus

  • -Aktualisiert am

Bild: KJB

Inés Garland erzählt von einer Jugend unter der Militärdiktatur. „Wie ein unsichtbares Band“ weckt Mitgefühl und sollte Anlass sein, sich mit der jüngsten Geschichte Argentiniens gründlicher zu beschäftigen.

          Zwei Inseln im Delta des Rio Paraná nördlich von Buenos Aires. Auf der einen haben Almas wohlhabende Eltern ihr Wochenendhaus auf stabile Pfähle gesetzt, und am Steg liegt ein schnelles Motorboot. Auf der anderen haust Dona Angelika in einer windschiefen Hütte mit vier ihrer acht Kinder und ihren Enkeln. In ihrer Küche steht bei Flut oft das Wasser. Ihr Mann, ein Trinker, hat sie verlassen, die Tochter ist mit einem Seemann auf und davon gegangen und hat ihr die Kinder anvertraut, keiner der Söhne hat eine regelmäßige Arbeit. Am Steg, auf dem Dona Angelika, stets in Schwarz gekleidet, so gerne sitzt und dem Rauschen des Flusses lauscht, liegt nur ein altes Ruderboot. Eine schwankende Hängebrücke ist die einzige Verbindung zwischen den beiden Inseln.

          Doch seit Carmen die beste Freundin Almas ist und Marito der beste Freund und bald auch ihre erste Liebe, scheinen die unterschiedlichen Lebensverhältnisse zumindest für die Kinder keine Rolle zu spielen. Abenteuer am Fluss: Rudern, Angeln, Schwimmen, ein Baumhaus bauen, einen Hund vor dem Ertrinken retten - Alma ist auf der Insel glücklich wie niemals zuvor in der Stadt, wo sie zur Schule geht, sich unter den reichen Kindern aber einsam und ausgeschlossen fühlt.

          Wovor auch sie die Augen verschlossen hatte

          Die 1960 geborene argentinische Autorin Inés Garland erzählt im ersten Teil ihres Romans „Wie ein unsichtbares Band“ die Geschichte einer fast glücklichen Kindheit und Jugend aus den siebziger Jahren ihres Heimatlandes. Obwohl die wachsenden sozialen Spannungen nicht zu übersehen sind, versuchen Almas Eltern, Not und Ungerechtigkeit zu ignorieren und ihre Tochter möglichst von der Wirklichkeit abzuschirmen - das heißt auch: von der Nachbarinsel und deren Bewohnern abzuschirmen. Doch Dona Angelikas Söhne und Enkel sind an subversiven Aktionen beteiligt, von denen Alma nichts weiß und nicht einmal etwas ahnt. Die Kluft zwischen ihrer Welt und der ihrer Freunde wird zunehmend größer, bald reichen sonnige Kindheitserinnerungen nicht mehr, um sie zu überbrücken.

          1976 übernehmen Militärs die Macht in Argentinien. Almas Eltern erhoffen sich von der Diktatur Ordnung und Sicherheit. Aber die Freunde von der anderen Insel werden mit größter Brutalität verfolgt, misshandelt, verschleppt und getötet. Dona Angelikas Hütte wird zerstört, die Bücher von Frantz Fanon und Nazim Hikmet, die Marito liebte, verbrannt. Alma, jetzt siebzehn, erfährt davon erst später. Terror ist nun in ihr scheinbar so behütetes Leben eingebrochen. Erst allmählich wird ihr klar, wovor auch sie die Augen verschlossen hatte. Der Militärputsch 1976 ist der Anfang eines grausamen Bürgerkrieges.

          Verstehen, was in den Schreckensjahren geschah

          Inés Garland wechselt im zweiten Teil ihres Buches den Tonfall, sie beschreibt nun mit der Härte eines Chronisten Schreckensszenen: wie eine Todesschwadron Carmens Onkel auf offener Straße aus einem fahrenden Auto erschießt oder wie Marito zusammengeschlagen und verschleppt wird. Von ihm wie auch von Carmen wird Alma niemals wieder etwas erfahren. Sie gehören zu den dreißigtausend Festgenommenen, Gefolterten und Verschwundenen, die während der Militärdiktatur bis 1983 ums Leben kamen.

          Der Leser benötigt mehr als die wenigen Anmerkungen des Verlags am Schluss, um zu verstehen, was in den Schreckensjahren geschah. Das ist aber auch die einzige Kritik an diesem besonderen Buch, das so viel Mitgefühl weckt und Anlass sein sollte, sich mit der jüngsten Geschichte Argentiniens gründlicher zu beschäftigen.

          Inés Garland: „Wie ein unsichtbares Band“. Aus dem argentinischen Spanisch von Ilse Layer. Fischer KJB, Frankfurt 2013. 249 S., geb., 14,99 €. Ab 14 J.

          Quelle: F.A.Z.

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