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Veröffentlicht: 24.05.2017, 17:22 Uhr

Klemke illustriert Andersen Die Schleppe, die gar nicht da war

Der Buchkünstler Werner Klemke hat auch Hans Christian Andersen illustriert. Ein Band veröffentlicht erstmals seine Bilder zu dreizehn Märchen.

von
© Julius Beltz GmbH & Co. KG Ein Schatten macht sich selbständig

Wo gehört jemand hin, der eines Tages in Gestalt eines winzigen Mädchens aus einer Tulpenblüte schlüpft? In die Arme jener Frau, die sich so sehr ein Kind gewünscht hatte, dass sie dafür sogar die Hilfe einer alten Hexe gesucht hatte, könnte man meinen. Oder vielleicht zu jener Hexe, die der kinderlosen Frau ein Samenkorn gegeben hatte, aus dem dann seltsamerweise die Tulpe wuchs. Doch so einfach ist die Sache nicht, das winzige Mädchen, bald „Däumelinchen“ genannt, wird von einer Kröte entführt, die es mit ihrem garstigen Sohn verheiraten möchte, sie kommt bei einer Feldmaus unter und fliegt später auf dem Rücken einer Schwalbe in den Süden. Dort, endlich, kommt sie zur Ruhe: Ein reizender Elf hält um ihre Hand an, und sie willigt ein. Ein Glück, schließlich hätte es auch anders kommen können: Schlimmstenfalls hätte Däumelinchen ihre Tage unter der Erde verbracht, als Gattin eines reichen Maulwurfs in glänzend schwarzem Pelz, der sie ebenfalls hatte heiraten wollen.

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Von solchen Wendungen erzählen die Märchen Hans Christian Andersens oft, von Wesen, die in die Welt geworfen werden und nicht wissen, wohin mit sich, die als Schwanenküken unter lauter Enten landen, als standhafter Zinnsoldat in einer liebesfeindlichen Umgebung oder als aus dem Wald strebende Tanne im Weihnachtszimmer. Sie haben den Kopf voller Erwartungen und Träume und tragen einen moralischen Kompass in sich, der sie im Zweifel eher behindert und doch das Beste ist, was sie besitzen. Man hat das auf den Verfasser dieser Märchen zurückgeführt und die Fama, die von ihm ging, das Armeleutekind mit der ausgeprägten Phantasie sei eigentlich ein natürlicher Sohn des dänischen Prinzen. Aber der enorme Erfolg seiner Texte deutet eher darauf hin, dass Andersen mit seinen Entwurzelten auf der Suche nach Halt bei seinen Zeitgenossen einen Nerv traf – im Zeitalter der massiven Industrialisierung, der Landflucht, der Alphabetisierung und der politischen wie sozialen Unruhen mochten sich manche Heimatlose in Andersens Figuren wiederfinden.

46318110 © Der KinderbuchVerlag Vergrößern „Märchen von Hans Christian Andersen“. Illustriert von Werner Klemke. Aus dem Dänischen von Albrecht Leonhardt. Beltz, Weinheim 2017. 213 S., geb., 19,95 Euro.

Von der Faszination, die diese Märchen bis heute ausüben, zeugt jetzt auch ein Band, der dreizehn dieser Märchen mit zugehörigen Bildern aus dem Nachlass des Buchkünstlers Werner Klemke versieht. Klemke, der zu DDR-Zeiten einer der beliebtesten wie produktivsten Illustratoren des Landes war, schuf offenbar knapp dreihundert Entwürfe für eine Märchen-Ausgabe, die 1975 zum hundertsten Todestag Andersens erscheinen sollte und dann nie erschien. 196 davon befinden sich im Klingspor-Museum in Offenbach, wo der Nachlass des 1994 gestorbenen Künstlers verwahrt wird, und aus diesem Bestand wurden nun die Illustrationen für das vorliegende Buch ausgewählt.

Andersens Märchen sind zugleich zierlich und grob: Liebevolle Schilderungen etwa der üblicherweise unbelebten Dinge, die der Autor dann mit leichter Hand belebt, wechseln mit den schlimmsten Grausamkeiten – da wird geköpft und erschlagen, wer gerade im Weg ist, und wenn der Leib der Großmutter einen märchenhaften Profit verspricht, kennt der Enkel kein Halten mehr. Klemke stellt sich diesem Zwiespalt durchaus, er betont das Zarte der kleinen Seejungfrau so gut wie die Brutalität des großen Klaus oder die Verkommenheit des Kaisers mit den neuen Kleidern. Aber im Zweifel entscheidet er sich doch meist für eine eher harmlose Anmutung, für puppengesichtige Prinzessinnen und Schoßhunde (in „Das Feuerzeug“), wenn eigentlich Tiere gefragt sind, die wie im Vorübergehen die halbe Stadt zerlegen.

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