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Das Bilderbuch „Weißt du noch“ : Das selbstgeschaffene Paradies

Zoran Drvenkar, Jutta Bauer: „Weißt du noch“. Hanser Verlag, München 2017. 32 S., Abb., geb., 14,– €. Ab 5 J. Bild: Hanser Verlag

Das Jahr ist noch nicht halb vorbei, aber sein schönstes Bilderbuch ist wohl schon da: „Weißt du noch“ von Jutta Bauer und Zoran Drvenkar.

          Ein angebissenes Stück Brot, ein schrumpeliger Apfel, das ist nicht viel Proviant, wenn man auf eine Reise ins Ungewisse geht, wenn man einfach losläuft „und die Straße nicht mehr enden“ will, wenn „ein Hügel nach dem anderen“ auf die Abenteurer zukommt. „Da haben wir uns einen Stock gesucht, und ein Vogel ist auf dem Stock gelandet, und wir wussten, es ist der richtige Stock.“ Mehr braucht es nicht, um die Angst vor dem, was passieren könnte, zu vertreiben. Überhaupt, was heißt hier Angst? „Wer Angst hat vor Abenteuern, der kann gleich zu Hause bleiben“, sagen sich die beiden, die da Hand in Hand über Stock und Stein laufen, und zeigen ein weiteres Mal, dass das richtige Wort jede Bangigkeit vertreibt.

          „Weißt du noch“ heißt das Buch, zu dem Zoran Drvenkar den Text und Jutta Bauer die Bilder beigesteuert hat. Der Titel nimmt den ersten Satz jeder der zwölf kurzen Geschichten auf, die von einer episodischen Reise erzählen, von Begegnungen mit Hunden und Tieren, von Himmelskörpern, die sich schwer in den Weg legen und weggeschoben werden müssen, aber auch von einem verletzten Fuchs, der schnell noch sein Testament verfasst, oder von einer Kuhherde, deren Trampeln den fernen Eiffelturm beben lässt.

          Wer gießt das Erträumte in Worte?

          Es geht um nichts, um keinen Auftrag, kein Ziel, das zu erreichen wäre, nichts verändert sich durch die Reise der beiden. Und doch geht es um alles, gemessen an der Intensität des Erlebens, es geht Schlag auf Schlag, weil das Fehlen eines Reiseplans alle Möglichkeiten offenlässt und es erlaubt, auf alles, was geschieht, völlig frei zu reagieren. Zoran Drvenkar, der zu den klügsten und zugleich spielfreudigsten Autoren gehört, die gegenwärtig für junge Leser schreiben, zelebriert diese radikale Hinwendung zum Augenblick, aber zugleich ist die zweite Ebene, die der zeitlichen Distanz, unübersehbar, schließlich leitet erst das „Weißt du noch“ dieses Spiel ein, immer aufs Neue.

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          Aber womit haben wir es dabei zu tun? Einer erinnert den anderen an unerhörte Abenteuer – wie lange liegen sie zurück? Wie sehr darf man der Erinnerung trauen, Geschichten Glauben schenken, die von tanzenden Hunden und als Raben verkleideten Briefkästen handeln? Wer gießt das Erlebte, das Erträumte in Worte, und gilt das „Weißt du noch“ dem realen Abenteuer oder dem einst gemeinsam ausgesponnenen Erzählfaden?

          Die Erinnerung als Paradies

          Genau diese Fragen greift Jutta Bauer auf, wenn sie den großformatigen, farbigen Bildern, die das Abenteuer zeigen, sehr viel kleinere Strichzeichnungen gegenüberstellt – nicht immer, aber wenn, dann ungeheuer effektiv. Denn dem großen phantastischen Bogen, der in den Reiseillustrationen geschlagen wird, stehen Szenen aus dem Leben zweier älterer Gestalten gegenüber, in denen man mühelos die Kinder aus den seitenfüllenden Bildern wiedererkennt. Das ist weit mehr als nur ein Kommentar zu Drvenkars Text, es verleiht dem Buch eine Tiefe und Wucht, eine Traurigkeit und im selben Moment einen Trost, der ungeheuerlich ist, gerade weil Bauers Verfahren trotz der deutlichen Unterschiede in Größe und Gestaltung der beiden Bildebenen keine Entscheidung fällt, was hier Haupt- und was Nebensache ist: das Erleben oder die Erinnerung daran?

          Die beiden Alten, die ganz unspektakulär Karten spielen oder einen vorbeirennenden Hund beobachten, entwickeln daraus die spektakulärsten Erinnerungsbilder von zockenden Ziegen und tanzenden Tölen, und indem Bauer diese Figuren neben Drvenkars Prosaminiaturen stellt, verweist sie dezent auf den artifiziellen Charakter dieser hochgradig geformten Texte.

          Die Erinnerung erweist sich hier tatsächlich als Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, eben weil wir es selbst geschaffen haben und immer wieder neu daran bauen. In diesem Sinne möchte man Drvenkars und Bauers Gemeinschaftswerk zeitlos nennen. Und wunderbar sowieso.

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