„Was vom Sommer übrig ist“ von Tamara Bach: Die Augen auf und bloß nichts verpassen! - Kinderbuch - FAZ
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„Was vom Sommer übrig ist“ von Tamara Bach : Die Augen auf und bloß nichts verpassen!

  • -Aktualisiert am

Bild: Carlsen Verlag

Tamara Bachs neuer Roman „Was vom Sommer übrig ist“ handelt von zwei Mädchen, die lernen müssen, auf ihre Eltern zu pfeifen.

          Louise ist siebzehn Jahre alt, sie sitzt im aufgeheizten Klassenzimmer, und der Lehrer sucht in drückender Hitze nach einem kühlen Einfall, vergeblich. Die Luft ist 28 Grad heiß, und 38 Minuten vom Schuljahr sind übrig. Dann fangen die Sommerferien an. Louise hat alles perfekt durchgeplant: zwei Ferienjobs, dazu noch auf Bonnie, den Hund ihrer Oma, aufpassen und den Führerschein machen. Ihre Eltern kommen in diesen Plänen nicht vor: Die Mutter, Krankenschwester, und der Vater, Elektriker, arbeiten im selben Krankenhaus und sind oft so müde, dass sie tagsüber auf dem Sofa einschlafen.

          Jana ist dreizehn geworden, doch das hat niemand gemerkt. Morgens ist das Haus leer, und keiner ist da, um sie in den Arm zu nehmen, auf dem Küchentisch liegt lediglich ein Zettel: Spülmaschine ausräumen! Dazu eine Kanne von diesem „ekligen Oolongtee“. Ihre Eltern sind getrennt, doch was sie noch alle miteinander verbindet, ist die Sorge um Janas Bruder Tom, der seit einiger Zeit im Koma liegt.

          Offen für ein Leben jenseits des bekannten

          Das ist in Tamara Bachs Roman „Was vom Sommer übrig ist“ die Ausgangssituation für eine Geschichte zweier Mädchen, denen die Erwachsenenwelt wenig Halt bietet. Jana mag Schokoladenkuchen und stößt mit verschmiertem Gesicht in Louises Leben. Sie hat Lust darauf, die Welt zu erkunden, möchte nach „Bangladesh, Bayreuth und Beirut“, erfreut sich am kleinen Glück und liebt den Hund Bonnie. Es wird klar, dass die beiden aus gutem Grund vom Schicksal zusammengeführt wurden. Obwohl Louise und Jana nicht nur ihr Alter unterscheidet, erleben sie gemeinsam Abenteuer, liegen am See und können durchatmen. „Und Augen zu. Es summt, der See summt, der Baum summt, das Ufer summt. Hier können wir bleiben, bis es Herbst wird.“

          Keine Frage: Der Roman entwirft ein Bild vom Geheimnis und Zauber der frühen Jahre, von Leichtigkeit und Phantasiewelten, die für Erwachsene unzugänglich sind. Wer das als Leser mitverfolgt, landet bald auf einer Holperstraße Richtung Erwachsenwerden. Es macht die Klasse der Autorin aus, dass sie dabei auch bei älteren Rezipienten glaubwürdig längst verschüttete Empfindungen der Kindheit evoziert: die Gänsehaut, das Frösteln und den Schauer, der einem über den Rücken läuft in einem Moment, wenn man glaubt, jeden einzelnen Teil des Körpers zu spüren. Die Augen weit auf, so konzentriert wie nie zuvor in der Schule, etwas Angst, auch nur den kleinsten Moment verpassen zu können und es bitter zu bereuen. Äußerst intensiv und voller Wärme schildert Tamara Bach auf schmalem Raum den Sommer zweier Mädchen, die eine Sache verbindet: die Offenheit für ein Leben jenseits des bereits bekannten.

          Auf einmal erwachsen

          Auch die Traurigkeit findet hier ihren Platz. Erst später in der Handlung versteht man, dass Jana nicht nur unspezifisch auf der Suche ist nach irgendeinem Aufbruch, sondern dass es ihr darum geht, endlich einmal wahrgenommen zu werden. Die Menschen in ihrer Umgebung blicken über sie hinweg, doch ihr trockener Humor und der Wille, entdeckt zu werden, machen sie zu der besonderen kleinen Schwester, die man vielleicht selbst gern gehabt hätte.

          Die 1976 geborene Tamara Bach, die für Bücher wie „Marsmädchen“ und „Jetzt ist hier“ vielfach ausgezeichnet worden ist, widmet sich in ihrem neuen Roman ihren beiden Protagonistinnen zu gleichen Teilen. Jede von ihnen muss unterschiedlich große Hürden überwinden, man fühlt genauso mit Louise, die durch ihre Führerschein-Theorieprüfung fällt, wie mit Jana, die ihren Bruder vermisst, aber ihre Verzweiflung verdrängt. Die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Jana und Louise zu erzählen verbindet den Leser auf sensible und empfindsame Art und Weise mit den beiden Heldinnen. Wegweisend wird der Moment, in dem Louise nicht nur ihre eigenen, vermeintlich harmlosen Hindernisse überwindet, sondern in dem sie auch Jana versteht, an sie herankommt und liebevoll auffängt. Beide müssen auf einmal erwachsen werden - „als hätte irgendwer plötzlich einen Schalter umgelegt“.

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