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„Urmel saust durch die Zeit“ von Max Kruse : Auch Steinzeitmädchen stehen auf Zeitreisende

  • -Aktualisiert am

Bild: Thienemann

Im neuesten „Urmel“-Band von Max Kruse geht es nicht ins Meer oder ins All, sondern zurück in die Geschichte der Evolution. Selten las man davon so lebendig wie hier.

          Pinguine sind auch nur Menschen, mag sich Charles Darwin gedacht haben, als er während eines Zwischenstopps der „H.M.S. Beagle“ in der Nähe von Uruguay einem Magellan-Pinguin den Weg zum Meer versperrte. Dessen exzentrisches Verhalten war Darwin von seiner eigenen Spezies vertraut. Beeindruckt sei er von dem „tapferen Vogel“, der ihn „bekämpfte und zurückdrängte, bis er zum Wasser gelangte“, notierte Darwin. Während der Pinguin dem Wissenschaftler zu Lande „listig wie einen Schmuggler“ erschien, sei er im Wasser wie ein scherzhaft hochspringender Fisch.

          Die Freude daran, im Tier den Menschen zu erkennen, hält mancherorts bis heute an. Auch ein fiktiver Berufsgenosse Darwins macht jetzt auf die artenübergreifenden Wesensmerkmale des Pinguins aufmerksam: „Alle Lebewesen sind miteinander verwandt“, referiert Professor Habakuk Tibatong gleich zu Beginn des neuen Urmel-Abenteuers und öffnet „Urmel saust durch die Zeit“ für Fragen über Evolutionstheorie, die Geschichte unserer Erde - und zur persönlichen Identität.

          Durch die braunen Gewässer der Ursuppe

          Dabei schildert das Buch, der mittlerweile dreizehnte Band der von Max Kruse verfassten Serie, auf den ersten Blick nicht viel mehr als eine weitere Eskapade des kleinen grünen Wesens, in der es nach früheren Reisen ins All, zum Nordpol oder auch mal zur Schweinefee nun die Welt der Dinosaurier besichtigen darf, um seinen Status als „Bindeglied zwischen Dinosauriern und Säugetieren“ zu erforschen. Seit 1969, als das Urmel seinen ersten Auftritt hatte, ist die Gesellschaft auf der abgelegenen Insel Titiwu im Wesentlichen unverändert geblieben: Die Tiere pflegen ihre Sprachfehler, der Seele-fant stimmt melancholische Lieder an, und der Professor forscht an den Grenzen der Naturwissenschaft. Lediglich das Vokabular des Schweins Wutz ist inzwischen antiquiert, worauf der 91-jährige Kruse aufmerksam macht, wenn der Erzähler bemerkt, Wutz gebrauche „oft noch so alte Worte, die längst aus der Mode gekommen sind. Heute würde sie vielleicht gesagt haben, ,ein frecher Typ’.“

          Gemeint ist damit natürlich Urmel, und das schleicht sich nun, berauscht von der Idee, die Brüder und Schwestern ausfindig zu machen, nach denen es sich immer sehnte, in Professor Tibatongs halbfertigem Raumzeitgleiter und hebt ab. Für das Urmel und seine Freunde beginnt damit eine Reise durch die braunen Gewässer der Ursuppe zu den Dinosauriern, zum Homo erectus und den Steinzeitmenschen bis zur Endstation Gegenwart.

          Die persönlichen Wurzeln

          Lesen und Lernen versteht Kruse nicht als passive Rezeption von Informationen, sondern als kreative Aktivität. Seine Charaktere - und mit ihnen seine Leser - macht er zu Augenzeugen des dinosauriervernichtenden Asteroideinschlags auf der Erde. Urmel und seine Freunde aber werden darüber hinaus auch zu Akteuren - eigentlich ein Tabu in Zeitreiseromanen, weil jedes Herumdoktern an der Vergangenheit auch die Gegenwart beeinflusst und verändert. So entlocken sie etwa dem frühen Homo erectus erste Sprachversuche und bringen dem späten das Feuermachen bei. Die Erd- und Menschheitsgeschichte wird dabei nicht in erster Linie erklärt, sondern observiert und sinnlich erlebbar gemacht. Wenn Wutz also meint, des Professors Kopf sei „viel, viel schlauer“ als sein Herz, sollte dies nicht unbedingt als Hymne auf die vermeintliche Rationalität und Unfehlbarkeit der Naturwissenschaft gelesen werden - vor allem nicht, wenn es um die Weitergabe von Wissen geht. Längst ist der Professor bei seinen Begleitern umstritten, nicht immer stoßen seine langen Vorträge auf ungeteilte Begeisterung. „Mir ganz egal, Professor“, nörgelt Ping, der sich am liebsten verkriechen würde, statt sich „gelehrte Dinge“ über die Entstehung des Sauerstoffs oder die Opferfeste während der letzten Eiszeit anzuhören, die er „gar nicht wissen will“.

          Der Autor macht es besser. Er verfolgt sein Ziel, Grundschülern die Evolutionstheorie greifbar zu machen, mit ebenso viel ansteckendem Enthusiasmus wie mit ausreichend kritischer Distanz. Dass es ohne die Anregung der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung (die mit dem Vorschlag Aufsehen erregte, Christi Himmelfahrt durch einen Evolutionstag zu ersetzen) vermutlich nicht zustande gekommen wäre, merkt man dem Buch nur an einer Stelle an: Als die Freunde auf ein Steinzeitmädchen treffen, das der Fruchtbarkeitsgöttin geopfert werden soll, verurteilt der Professor dies als „furchtbar“ und plädiert dafür, das Mädchen vor den grausamen Konsequenzen religiösen Gedankenguts zu schützen.

          Dass die Episode jedoch den Großteil ihrer emotionalen Ladung aus der persönlichen Ebene bezieht - Tim Tintenklecks hat sich in das Mädchen verliebt, natürlich bangt auch er um ihr Wohlbefinden -, ist literarisch vorteilhaft und symptomatisch für das Buch. Denn obgleich sich „Urmel saust durch die Zeit“ unübersehbar um die Verwandtschaft aller Arten dreht, beschäftigt das kleine Phantasietier nicht so sehr die Frage nach seinen biologischen, sondern seinen persönlichen Wurzeln. „Ich bin kein Bindeglied“, protestiert es, „Ich bin auch keine Brücke und keine Stufe. Ich bin das Urmel. Punkt!“ Ein lehrreiches Buch, kein Lehrbuch, hat Max Kruse geschrieben. 

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