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„Unsere Vorgeschichte“ von Yves Coppens Paläontologe, bleib bei deinen Knochen

Als Erforscher der Vor- und Frühmenschen wurde er berühmt. Sein neues Buch führt für Yves Coppens auf Terrain, auf dem er nicht zu Hause ist. Das merkt man.

© Hanser Vergrößern

Der Franzose Yves Coppens ist Paläontologe, spezialisiert auf Lebewesen, die vor etwa fünf bis zwei Millionen Jahren das östliche Afrika bewohnten. Das ist nun nicht irgendeine Epoche und nicht irgendein Schauplatz der Erdgeschichte. Es ist die Zeit und der Raum, in der sich die Entstehung der Gattung Homo vollzog. Zu deren Erforschung hat Coppens bedeutende Beiträge geleistet. Er ist einer der drei Autoren der Erstbeschreibung des berühmten Vormenschenskeletts „Lucy“. Dafür ist er in Frankreich so bekannt, wie der Amerikaner Donald Johanson, der Entdecker dieses Skeletts, es in seiner Heimat ist.

Wissenschaftliche Prominenz ist nun keine notwendige Bedingung, um gute Sachbücher für Jugendliche zu verfassen, und wie das vorliegende Werk zeigt, auch keine hinreichende. In den Bänden „Die Geschichte der Affen“ und „Das Leben der frühen Menschen“ hat Coppens zu Illustrationen seines Landsmanns Sacha Gepner Texte verfasst, denen man solide Gelehrsamkeit gewiss nicht absprechen kann. Das Affenbuch füllt zudem eine echte Lücke: Die meisten Bücher, die jungen Lesern die Welt der Vorzeitmenschen nahezubringen suchen, beginnen erst mit Lucy & Co. Zwar bemerkt man allenfalls an der Kürze der Texte, dass Coppens bewusst nicht für erwachsene Akademiker schreibt, doch sind Zwölf- bis Fünfzehnjährige, die eine gediegene Überforderung schätzen (und die gibt es durchaus) bei ihm trotzdem gut bedient - sofern sie sich nicht zu sehr an den Bildern stören, in denen schlichte Zeichenkunst mit düsteren Fotografien montiert ist.

Sonderbar erratische Auswahl

Der dritte Band der Reihe mit dem Titel „Unsere Vorgeschichte“, den Coppens und Gepner nun vorgelegt haben, ist dagegen auch inhaltlich problematisch. Das liegt auch daran, dass das Sujet eben kein paläontologisches mehr ist. Die Evolution der Affen ist ein anspruchsvolles Forschungsgebiet, doch die Darstellung ihrer Ergebnisse ist nicht komplexer als bei anderen Tiergruppen auch. Beim „Weg des Menschen in die Kultur“ dagegen geht es nicht mehr nur um Anatomie und Ökologie. Die Formen und Phänomene lösen sich, eben weil es kulturelle sind, vom bloß Biologischen, ihre Genese gehorcht verwickelteren Gesetzen, sofern sie überhaupt welchen gehorcht. Die Darstellung dessen, was man darüber heute weiß, kann daher zunächst einmal nicht mehr sein als ein ordnender Bericht darüber, welche prähistorischen Kulturphänomene wann wo nachgewiesen werden konnten und wie sicher oder wie umstritten solche Nachweise sind.

Doch Coppens ordnet nicht, er listet einfach nur auf, grob chronologisch und in einer sonderbar erratischen Auswahl, die keineswegs geeignet ist, Laien auch nur das Gerüst eines Überblicks zu vermitteln. Manchen Erwähnungen, etwa brasilianischer Felszeichnungen oder südafrikanischer Monumente, ist das Bemühen unangenehm deutlich anzumerken, nur ja nicht eurozentristisch zu wirken. Dass Coppens dagegen die Elfenbeinschnitzereien aus der Schwäbischen Alb - immerhin die früheste vollendet ausgebildete figürliche Kunst - gar nicht erwähnt, die viel jüngeren Lehmbisons von Tuc d’Aubert dagegen schon, wird nicht nur bei deutschen Ur- und Frühgeschichtlern Kopfschütteln hervorrufen.

Die Fehlleistungen häufen sich

Coppens’ Leser können sich nicht einmal immer sicher sein, ob die Deutungen, die er den von ihm aufgelisteten Fundstätten jeweils gibt, zumindest von einer qualifizierten Mehrheit der Steinzeitarchäologen auch geteilt wird. So ist der Faustkeil aus der Sima de los Huesos in Spanien ein absolutes Einzelstück. Er beweist daher keineswegs, dass die Vertreter des Homo heidelbergensis, deren 300 000 Jahre alte Gebeine dort gefunden wurden, hier von ihresgleichen mit einer Grabbeigabe bedacht wurden. Auch die alte Kamelle von dem angeblich mit Blumenschmuck bestatteten Neandertaler aus Shanidar im Nordirak wärmt Coppens wieder auf. Dabei gibt es für die dort gefundenen Blütenreste eine viel prosaischere, aber leider wahrscheinlichere Erklärung: Nagetiere haben sie dorthin verbracht.

Solche Fehlleistungen häufen sich, je näher sich der Paläontologe Coppens an historische Zeiten heranwagt. Seine Behauptung etwa, „eine der wichtigsten Etappen auf dem Weg zur Schrift“ sei eine von ihm nicht datierte „Felsenschrift“, ist bei Experten - vorsichtig formuliert - nicht besonders verbreitet. Dass der Bronzeguss eine „neue Ideologie“ der Glorifizierung männlicher Stärke hervorgebracht und damit die Vorherrschaft der weiblichen Figuren beendet habe, ist allerdings nicht einmal mehr Spekulation, sondern nur noch haltlose Fabuliererei.

Yves Coppens: „Unsere Vorgeschichte. Der Weg des Menschen in die Kultur“. Aus dem Französischen von Ilse Rothfuss. Mit Bildern von Sacha Gepner. Hanser Verlag, München 2012. 64 S., geb., 17,90 €. Ab 12 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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