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Veröffentlicht: 24.04.2017, 22:56 Uhr

Lektüre zur guten Nacht Faultier müsste man sein

Einschlafbücher gibt es viele. Solche, bei denen man nicht über schöne Bilder, sondern auch noch über eine wunderschöne Schrift staunen kann, dagegen selten. Aus Georgien kommt nun ein solches Werk.

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© Baobab Verlag Wenn nicht einmal dieser Experte für das faule Leben dem kleinen Jungen dabei helfen kann, Ruhe zu finden, dann dürfte ja wohl nichts zu machen sein. Oder?

Alle in diesem Bilderbuch tragen Karo. Der kleine Junge sowieso, sein himmelblauer karierter Schlafanzug ist todschick. Aber auch die Giraffe, der Vogel, die Fischotter, die Pottwale, die Pferde, die Koalas, die Fledermäuse, die Enten und der Albatros – sie alle stecken in karierten Pyjamas, und das sieht sehr lustig aus, denn ganz so einfach ist es ja nicht, bei diesen Kleidungsstücken einen Pferdeschweifausschnitt hinzubekommen, eine Pottwalhose oder einen hochgeknöpften Giraffenkragen. Das erste große Vergnügen, das Tatia Nadareischwilis Bilderbuch „Schlaf gut“ bereitet, liegt darin, sich diese animalischen Nachtgewänder anzuschauen. Das zweite darin, darüber nachzugrübeln, warum es ein Tier im Buch gibt, das keine Karos trägt.

Andreas Platthaus Folgen:

Vielleicht, weil das Faultier ohnehin die ganze Zeit schläft und darum keinen Pyjama braucht. Somit müsste es der beste Ratgeber sein für den kleinen Jungen, der gerade partout nicht einschlafen kann und deshalb Tipps bekommen möchte, wie er es hinbekäme. Aber wie die anderen Befragten auch hat das Faultier keine andere Vorstellung vom Einschlafen, als dass man dazu einfach nur das tun müsse, was es selbst dabei tut: „Weißt du was, häng dich mit den Händen und Füßen an den Baum. Ich schlafe so“, sagt es dem kleinen Jungen, und der tut, wie ihm empfohlen. Doch er schläft nicht ein.

Welche Schlafposition ist am besten?

Das ist das dritte große Vergnügen in diesem Buch: sich die verzweifelten Versuche anzusehen, die der Junge unternimmt, um die verschiedenen Schlafpositionen einzunehmen. Da hängt er oder schwimmt er. Da liegt er oder fliegt er. Und da hängt und schwimmt er schon wieder, aber nun auf andere Art als zuvor, denn Pottwal und Ente haben divergierende Vorstellungen vom Schlafen im Schwimmen, und die Fledermaus hängt schlummernd anders da als das Faultier. Das Schöne daran: Dieses Schlafverhalten entspricht genau dem, was die Tiere in der Natur tatsächlich machen.

46044013 © Baobab Verlag Vergrößern Zur Nachtruhe dringend empfohlen: „Schlaf gut“ von Tatia Nadareischwili.

Man lernt also etwas in diesem Buch. Und staunt. So wie es auch die achtundzwanzigjährige Tatia Nadareischwili getan hat, als sie vom Schlafverhalten der Pottwale hörte: senkrecht unter Wasser. Das wollte sie zeichnen. Und dann kam eine animalische Schlummerhaltung zur anderen. Doch zusammengehalten wird das alles durch den kleinen Jungen mit seinem unerfüllten Schlafbedürfnis.

Er hat keinen Namen, ist aber von schwarzer Hautfarbe, ganz selbstverständlich, denn warum muss ein kleiner Junge unbedingt weiß sein, wenn er aus Georgien kommt? Das Einschlafproblem haben Kinder auf der ganzen Welt. Dass der Junge aus Georgien kommt, zeigt sich daran, dass er Georgisch spricht. Auch in der deutschsprachigen Ausgabe.

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Wie das? Der in Basel beheimatete Baobab-Verlag hat die georgischen Texte, die sich in der Originalausgabe mitten in den Bildern befinden, nicht, wie sonst üblich, retuschiert und durch die Übertragung ersetzt, sondern dort belassen und die deutschen Sätze unter die doppelseitigen Illustrationen gestellt. Da stehen sie oft genug in Bilderbüchern, also macht das gar nichts – außer dass man nun noch die für uns rätselhaft schönen geschwungenen Buchstaben des georgischen Alphabets sehen kann. Es ist zwar gar nicht älter als das deutsche, wie die Übersetzerin Rachel Gratzfeld in ihrem begeisterten Nachwort behauptet, denn unseres stammt bekanntlich von den Römern, aber die Kategorie Alter tut bei Schönheit ja nur wenig zur Sache. Vielmehr liegt darin das vierte große Vergnügen: sich in diese fremde Schrift hineinzudenken, mit Hilfe des deutschen Textes einzelne Worte zu identifizieren, auch wenn man sie nicht lesen und somit auch nicht aussprechen kann. Das erfordert Kombinationsgabe, und fürs Kombinieren muss man ausgeschlafen sein. Da geht man also gerne zu Bett, um morgen weiterzumachen mit diesem Buch.

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