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Tanya Lieskes „Oma, die Miethaie und ich“ : Nicht stürzen, das ist die Hauptsache

Bild: Beltz & Gelberg

Erziehung ist Eiscreme und Liebe: In Tanya Lieskes neuem Roman kämpfen Großmutter und Enkelin gegen Luxussanierung und fiese Konservendosen.

          Oma Henriette ist eine Künstlerin, denn „Reparieren ist eine Kunst“, sagt sie, und Henriette Meister repariert wirklich alles, den Tischkicker vom Trödelmarkt ebenso wie den tropfenden Wasserhahn bei Hakan, dem türkischen Gemüsehändler um die Ecke. Ist sie in der Nähe, klappt alles. Darauf kann sich Salila, ihre zehn Jahre alte Enkelin, verlassen. Vater unbekannt - ein marokkanischer Kamelzüchter oder ein persischer Schriftgelehrter, vermutet die weitgereiste Großmutter -, die Mutter bei der Geburt des Mädchens gestorben. Nur die Oma als Familie, das ist auch in einer Zeit, in der viele Kinder allein mit Mutter oder Vater leben, außergewöhnlich. Doch Oma Henriette hat auch für die ungewöhnliche Familienkonstellation den passenden Spruch: „Waisenkinder brauchen viel Liebe und jede Menge Eiscreme.“

          Elena Geus

          Chefin vom Dienst.

          Um als kluges Kind im Leben zurechtzukommen, ist ohnehin nicht viel nötig, findet die resolute Dame: weitspucken und durch die Zähne pfeifen können sowie den Klammergriff für Reisende beherrschen, bei dem, wenn das Armverdrehen allein nicht reicht, es auch ein Tritt gegen das Schienbein sein darf.

          Und dann kommt sie doch, die Situation, in der Henriette Meister es nicht mehr richten kann, nicht mit ihrer unorthodoxen Art, nicht mit ihrem „Killerblick“, unter dem sonst alle spuren, und nicht mit all ihrer Lebensweisheit.

          Eigentlich zu viel Tragik für ein einziges Buch

          Im Rückblick wird Salila klar, was sie, auch dank Omas ausgeklügelter Verschleierungstaktik, übersehen hat, vielleicht auch nicht sehen wollte. Die gemalten Botschaften auf dem Küchentisch, die verlegte Brille, der Stadtplan, auf dem die Trödelmärkte mit bunten Fähnchen markiert sind, die Dose Erbsen, deren Inhalt sich als Makkaroni in Soße entpuppt: Oma kann weder lesen noch schreiben. Dabei ist unter den Briefen, die ungeöffnet im Mülleimer verschwinden, ein wichtiger. Salila und ihre Großmutter sollen raus aus ihrer Wohnung, der Erbe des Mietshauses im Düsseldorfer Stadtteil Bilk, ein Hamburger Unternehmer, will es sanieren und teuer verkaufen.

          Analphabetismus, die sozioökonomische Umstrukturierung städtischer Gebiete, als Gentrifizierung längst zum Schlagwort geworden, ein Kind, das als Waise bei seiner eher unkonventionellen Großmutter aufwächst: das ist eigentlich zu viel Stoff und Tragik für ein einziges Buch. Doch Tanya Lieske schafft es, die gewichtigen Themen leicht und schlüssig zu kombinieren und deren Komplexität zu entwirren. So ist „Oma, die Miethaie und ich“ alles andere als ein überfrachtetes Problembuch, sondern ein kluger, überwiegend heiterer Roman, in dem es mitunter handfest zugeht, ohne das Nachdenkenswerte zu verdrängen. Fast beiläufig wird erzählt, dass in Deutschland etwa jeder zehnte Erwachsene Analphabet ist und wie es im Groben funktioniert, aus einem gewachsenen Stadtteil durch bauliche Veränderungen wie Luxussanierungen einen Trendbezirk zu machen.

          In der Unvollkommenheit liegt das Besondere

          Zunächst mit freundlicher Post (die Frau Meister auf übliche Art entsorgt), dann mit drastischen Maßnahmen sollen Salila und ihre Großmutter zum Auszug genötigt werden - und irgendwann ist es selbst mit Omas bis dahin einfallsreicher Gegenwehr vorbei. Tanya Lieske zeigt eindrucksvoll, wie sich Groß- und Kleinsein verschieben, wenn die Schüchterne energisch wird, weil die sonst so Zupackende verzagt. Reparieren lässt sie Salila auch: das Selbstbewusstsein der Oma mit deren eigener Maxime: „Nicht stürzen, das ist die Hauptsache, beim Fahrradfahren und auch sonst im Leben.“ Deutlich spürbar ist die große Sympathie der Autorin für ihre Figuren, für die leicht schräge, manchmal ruppige, aber immer warmherzige Großmutter ebenso wie für das eher verschlossene Mädchen, das lieber schlechtere Noten und mehr Freunde hätte und das in seinem Manga um die weise Prinzessin Nouë, die mit ihrem tapferen Tiger den Staat Tossinien gegen den bösen Zauberer Zamowar verteidigt, den Wohnungskampf bildlich verarbeitet. Omas Zeichnen aus Not hat sich bei ihrer Enkelin zum Talent entwickelt.

          In der Unvollkommenheit liegt das Besondere, zeigt der Roman sehr anschaulich, Schwächen darf jeder Mensch ebenso haben wie (kleine) Geheimnisse, schade nur, dass der Verlag auf dem Buchumschlag Omas dunklen Punkt vorab verrät. Sprach-, auch gefühlssicher aus Salilas Perspektive erzählt, wird der Leser mitgezogen von der Wachheit der Zehnjährigen, ihrer Unbefangenheit und ihrem unbedingten Willen, verstehen zu wollen: Warum kann Oma nicht lesen und ihren Namen nur mit gewaltiger Anstrengung krakelig wie eine Erstklässlerin schreiben? Oma schuldet ihr diese Geschichte. Und noch eine Bockwurst. Und ein Eis. Viel Liebe, daran bleibt kein Zweifel, bekommt sie sowieso.

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