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Stina Wirséns Bilderbuch „Klein“ : Alle, die groß sind, sollen sich kümmern

Stina Wirsén: „Klein“. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Verlag Klett Kinderbuch, Leipzig 2016. 40 S., geb., 9,95 €. Ab 4 J. Bild: Klett Kinderbuch

Beinahe wäre dieses Buch untergegangen. Nun aber hat Stina Wirséns so bewegendes wie souveränes „Klein“ große Resonanz gefunden. Und kann vielleicht Kindern helfen, die Gewalt erleben müssen.

          Da steht Klein, am Rand des Sandkastens. In der Hand einen Zweig mit zwei grünen Blättern, konzentriert, nicht laut lachend. Aber heiter. Auch die anderen Kleinen haben Zweige gerupft, einem läuft die Nase, der Schnodder rinnt in den Sand, die Erzieherin reicht bunte Eimerchen. „Heute ist ein fröhlicher Tag. Ein guter fröhlicher Kitatag“ steht da.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die schwedische Illustratorin Stina Wirsén braucht weder viele Worte noch viel Fläche, um ihre Geschichte von Klein zu erzählen, die auch so heißt: „Klein“. Sogar das Buch ist klein. Trotzdem sind die Handvoll Seiten das geworden, was man ein großes Buch nennen kann. Es widmet sich einem der schwierigsten Themen überhaupt: Gewalt gegen Kinder. Im Vorwort steht: „Niemand, der erwachsen ist, darf Angst machen oder schlagen.“

          So sparsam wie nötig und möglich

          Es ist die Einleitung zu einer Geschichte, die schon ganz jungen Kindern und Erwachsenen, ob sie Eltern oder Pädagogen sind oder Nachbarn wie jener Jemand, der neben Kleins Familie wohnt, bewusst macht oder in Erinnerung ruft: Alle Erwachsenen müssen dafür sorgen, dass es den Jüngeren nicht schlechtgeht.

          Klein aber geht es schlecht. Nicht auf dem Vorsatzblatt, wo das kleine Wesen in allerhand Posen hüpfend, grinsend, schmollend, zwinkernd zu sehen ist. Und auch nicht in der Kita, bei der Erzieherin mit dem sprechenden Namen Frau Traulich und all den anderen Kleinen, die Wirsén in der von Susanne Dahmann übersetzten deutschen Fassung „Wusel“ nennt. Kaum etwas könnte treffender sein. Denn Wirséns Bildsprache ist zugleich konkret und abstrakt, so sparsam wie nötig und möglich. So gibt es keine Menschen in „Klein“, sondern sie hat vage an die Mumins erinnernde Wesen in groß und klein und in verschiedenen Leucht- und Pastelltönen erfunden, mit langen, beweglichen Ohren, kleinen Schwänzchen, und angedeutete Interieurs bergen humorvolle Details.

          Wer geborgen aufwächst, findet das normal

          Niedlich allerdings sind Groß und Stark, mit denen Klein lebt, nicht. Schon im Bild nach dem Kita-Idyll ist das Unheil da, in Form eines dicken schwarzen Kleckses über dem Kopf von Stark. Stark hat Klein abgeholt von der Kita. Klein schleicht mit hängenden Ohren in einigem Abstand Stark hinterher, wird angeschrien und erlebt zu Hause, zwischen Groß und Stark, die nur noch aus wilden Strichen zu bestehen scheinen, einen Streit, der so heftig ist, dass die bunten Punkte der Tapete wild zu tanzen beginnen. „Klein weiß: Jetzt wird es gefährlich. Schon wieder“, heißt es, wenn Klein zusammengekauert unterm Tisch liegt.

          Wirsén gelingt es, gerade so viel zu beschreiben, dass Bild und Text für ältere Leser als Denkanstoß, für jüngere als ein Assoziationsraum wirken können, der aufmerksam macht auf die Ängste anderer und vielleicht ermöglicht, was Klein tut. Denn am nächsten Tag erzählt das verängstigte Klein seiner Frau Traulich alles - und die macht alles richtig. Als Erstes das Kind trösten und ihm sagen, dass es gut ist und niemand ihm ein Leid antun darf. Und dann mit Leuten reden, die ihm helfen können und seinen Eltern auch. Stina Wirsén wiederum macht es auch richtig. Sie macht kein Gewese. Sie fällt nicht auf Sentimentalitäten herein - dennoch werden Erwachsene sich verstohlen die Augen wischen. Kinder von drei Jahren an, die geborgen aufwachsen, wundern sich kein bisschen über den selbstverständlichen Satz, der ganz am Ende steht: „Denn alle, die groß sind, sollen sich um die kümmern, die klein sind. So ist das.“ Und ganz rechts unten steht, als Teil der Zeichnung, noch ein kleines „Schluss.“ Kindern, die diese Selbstverständlichkeiten nicht kennen, könnte „Klein“ aber helfen.

          Wo ein Kind Ermutigung brauchen könnte

          So dachte auch der Klett Kinderbuchverlag, der sich, analog zur schwedischen Erstauflage, Hoffnungen gemacht hatte, Sozialverbände könnten sich an Druck und Verbreitung von „Klein“ beteiligen. Immerhin soll in Deutschland gut ein Viertel der Kinder Opfer häuslicher Gewalt sein. Doch fanden sich keine Partner. Und wer würde es schon als Betroffener kaufen? Wer, als intakte Familie, sein behütetes Kind mit einem solchen Thema konfrontieren wollen?

          Als dann allerdings kaum ein Exemplar verkauft wurde, startete der Verlag einen Aufruf in den sozialen Medien, um auf das Buch aufmerksam zu machen, etwa für Kitas und andere Einrichtungen, in der Erzieher mit Kindern arbeiten. Mit Erfolg: Wenige Tage später war die Auflage vergriffen. Mittlerweile ist nachgedruckt worden, „Klein“ steht nun häufiger auch dort zur Verfügung, wo ein Kind Ermutigung brauchen könnte, Hilfe zu suchen.

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