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Der Kinderroman „Krasshüpfer“ : Der Stich der Schlupfwespe

Simon van der Geest: „Krasshüpfer“. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Thienemann-Verlag, Stuttgart 2016. 240 S., geb., 12,99 €. Ab 11 J. Bild: Thienemann

Weg da: Simon van der Geest erzählt in seinem Kinderroman „Krasshüpfer“ von einem Kampf zweier Brüder – um einen Keller, um die Aufmerksamkeit eines Mädchens und mit der Vergangenheit.

          Zwei Brüder, ein Keller, ein Konflikt: dass der versteckte, nur über den Schuppen erreichbare Raum unter dem neuen Haus ihr Geheimnis bleiben sollte, darin waren sich Jeppe und Hidde gleich einig, als sie ihn vor drei Jahren kurz nach dem Umzug beim Spielen zufällig entdeckt hatten. Jetzt ist Hidde elf Jahre alt, Jeppe ist vierzehn, und der Große kündigt mit einer Nonchalance die zweite Einigung der beiden auf, wie sie zu Jungen dieses Alters passt: Bislang gehört der Keller Hidde, hier hat er sein eigenes Reich, seinen Insektenzoo vom Nashornkäfer bis zur Blattheuschrecke, sein ein und alles. Jetzt hat er anderthalb Wochen Zeit, den Keller zu räumen: In seiner Band ist Jeppe von der Gitarre aufs Schlagzeug umgestiegen, und „ein Schlagzeug gehört in den Keller, Mann“.

          Die Grundkonstellation in Simon van der Geests Kinderroman „Krasshüpfer“ ist im Wortsinn schlicht und ergreifend. Bestimmt hat Jeppe mit dem Widerwillen des kleinen Bruders gerechnet, nicht aber mit dessen Hartnäckigkeit, Verzweiflung und Phantasie. Es ist das Tagebuch des Elfjährigen, das der 1978 geborene niederländische Autor geschrieben hat, eigentlich ein Hilferuf, in dem sich der Junge an den Leser wendet, als wäre der ein Freund und könne ihm, wenn er ihm nur alles anvertraute, retten. Er hat sonst keinen Freund, von den Sechsbeinigen abgesehen: Seit dem missglückten Geschenk für die heimlich angehimmelte Klassenkameradin Lieke, der er einen Weberknecht mit aufgeklebten Schmetterlingsflügeln verehrt hat, wird Hidde in der Schule Spinnerling genannt - ein Name, den sein Bruder hämisch aufgreift.

          Es ist wie bei den Sechsbeinern

          Jetzt weiß Hidde nicht, wohin mit seinen Tieren, und noch weniger weiß er, wie er ohne sie leben soll. Beides lernt er schließlich in diesem Buch, doch bis dahin eskaliert der Bruderstreit, den der Kleine gleich auf den ersten Zeilen einen Krieg nennt, bis aufs Blut. Hidde sichert sein Refugium und züchtet Schwebfliegen, die den von Jeppe gefürchteten Wespen ähneln. Er merkt, dass der so herablassend selbstsichere Bruder in Gegenwart von Mädchen unsicher wird, denkt sich eine neue Überraschung für Lieke aus und schaffte es sogar, sie am Tag des erwarteten Showdowns in seinen Keller einzuladen. Doch das Mädchen interessiert sich eher für das Schlagzeug des Bruders, das einstweilen in dessen Zimmer gequetscht ist, und fürs Mitmachen in dessen Band als für rosafarbene Schmetterlinge. Und damit nicht genug: Mit wildem Getrommel setzt der große Bruder den Keller direkt von oben unter Dauerfeuer, er schafft es doch einzudringen und schmiert wüste Drohungen in Hiddes Tagebuch, die er mit den Spuren darin zerquetschter Käfer garniert.

          Simon van der Geest erzählt davon mit feinem Gespür für die Perspektive eines Elfjährigen, für dessen Vorstellungs- und Verantwortungsvermögen. Sein Hidde liebt nicht nur seine Insekten, er erklärt sich auch die Welt mit dem, was er von ihnen weiß: wie gut es wäre, auch so einen schützenden Panzer zu haben; wie er selbst manchmal wie eine Schwebfliege tut, als wäre er gefährlich; wie Jeppe, der zerstörerische Eindringling, einer Schlupfwespe gleicht, die ihre Eier in eine Raupe legt, damit die Larven sie von innen ausfressen. Als der ältere Bruder doch einmal versöhnlichere Töne anschlägt, glaubt ihm der jüngere längst nicht mehr. Selbst als Lieke sich ihm wieder zuzuwenden scheint, erkennt Hidde zu spät, worum es geht: „Dieser Krieg hat meinen ganzen Körper in Besitz genommen. Ich kann nicht mehr normal denken. Wenn Lieke lacht, denke ich sofort, sie lacht mich aus.“

          Eine Mutter, die durch ihr eigenes Leben spukt

          In seinen eindrücklichsten Passagen, den Momenten emotionaler Feinzeichnung, braucht das Buch den Schatten gar nicht, den Simon van der Geest über den ungleichen Bruderkampf gelegt hat, um seine Geschichte zu beglaubigen: Vor drei Jahren nämlich ist ihre Mutter mit drei Söhnen in dieses Haus gezogen, der Älteste ist kurz darauf gestorben - in dem Keller, von dem die Mutter bis heute nichts weiß. Jetzt huscht sie wie ein Gespenst durch ihr Leben und durchs Haus, kaum zu mehr in der Lage als zur nötigsten Versorgung der beiden verbliebenen Söhne und zu gelegentlichen Ermahnungen. Mit ihr ist nicht zu rechnen. Aber zu drohen: Dass Hidde nicht erzählt, wo und wie sie damals den toten Bruder gefunden haben, dass er Jeppe deckt, der sich die Schuld an dessen Tod gibt, war all die Jahre der Preis dafür, dass er den Keller haben durfte.

          Spät erkennt Hidde, dass eigentlich dieses Geheimnis die Schlupfwespe im Leben der Familie ist. Dass er dennoch Jeppe überlässt, es zu lüften, und dass der große Bruder dazu bis zum Ende des Buchs nicht in der Lage ist, gehört zu den Stärken der Geschichte.

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