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Bilderbuch von Simon Roussin : Am Golde hängt, zum Morde drängt er

Simon Roussin: „Der Bandit mit dem goldenen Colt“. Aus dem Französischen von Susanna und Johannes Rieder. Susanna Rieder Verlag, München 2017. 64 S., geb., 21,– Euro. Ab 8 J. Bild: Susanna Rieder Verlag

Es waren einmal zwei Waisenkinder – so könnte ein Märchen beginnen. Doch Simon Roussin erzählt eine Abenteuergeschichte aus dem Wilden Westen mit Querverweisen auf etliche Legenden und mit einem gehörigen Schuss Comic-Ästhetik im Bilderbuch.

          Dieses Bilderbuch schweigt erst einmal und schwelgt: in zwei großen Landschaftspanoramen, die sich jeweils über eine ganze Doppelseite erstrecken, ohne ein einziges Wort, auch ohne einen einzigen Menschen. Simon Roussin hat diese beiden Bilder mit einer Farbenfreude angelegt, als wollte er gleich zum Auftakt vorführen, was eine Palette alles hergeben kann: das ganze Spektrum des Regenbogens. Und wie dabei Kontraste gesetzt werden, das geschieht mit beinahe pointillistischem Raffinement: Mehr als aus der Kontur der Zeichnung entsteht das Landschaftsmotiv farbgeformt, und die dominierenden Gelb- und Rottöne der beiden Zeichnungen setzen die Stimmung für eine Reise in den Wilden Westen mit seinen Canyons und Wäldern, den Mesas und Prärien, der unberührten Natur, gegen die der Mensch seine Existenz nur mit Waffengewalt durchsetzen kann. Das Gesetz des Westens ist die Bleikugel.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und so tritt der Held dieses Buchs auf der dritten Doppelseite denn auch auf: mit einem Revolver in der Hand, einem goldenen, ganz wie man es beim Titel dieses Bilderbuchs, „Der Bandit mit dem goldenen Colt“, erwarten darf. Dessen Gesicht ist von der Hutkrempe verdunkelt und somit unkenntlich gemacht, der Kragen des Staubmantels hochgeklappt, und er erscheint überlebensgroß über der unverändert majestätischen Szenerie, wie eine Fata Morgana. Dazu setzt erstmals Erzähltext ein, der noch einmal bekräftigt, was wir durch den ungewöhnlich wortkargen Auftakt der beiden sprachlosen Doppelseiten eh schon gemerkt haben: „Einst herrschte Stille über den unendlichen Weiten des Wilden Westens.“

          Das ist die erste und auch die letzte Erläuterung der ungewöhnlichen Bilddramaturgie, die wir vom Autor und Zeichner Simon Roussin erhalten, eine Heranführung, die darauf setzt, dass wir nun verstanden haben und künftig mitdenken. Fortan erzählen Bilder und Texte die Geschichte nämlich gleichberechtigt autonom – und doch insofern voneinander abhängig, dass sie ohne das jeweils andere Element nur einen Teil des Geschehens vermitteln würden. Denn nie mehr wird in diesem Buch ein Satz beschreiben, was wir eh schon gesehen haben, niemals ein Bild etwas bereits Gesagtes illustrieren. Nehmen wir nur den letzten Satz der ersten Textpassage: „Doch bevor er zu dem berüchtigten Mörder wurde, der die Schuld am Massaker von Amarillo im Jahre 1873 trug, war der unbarmherzige Bandit ein fröhlicher Junge wie alle anderen, den seine Eltern liebten.“ Den buchstäblichen Knalleffekt, das erwähnte Massaker, werden wir im ganzen späteren Buch nie sehen. Übrigens auch nie wieder davon hören.

          Im fatalistischen Ton großer Mythen

          Roussin, Franzose und gerade einmal dreißig Jahre alt, ist mit allen Wassern gewaschen, was Spannungsaufbau angeht. Gleich zu Beginn ruft er Topoi der Wildwestgeschichte ab, natürlich auch schon mit dem Namen seines titelgebenden Banditen, Jesse, eine Reverenz an den Revolverhelden Jesse James. Während dessen jüngerer Bruder Henry den Western-Filmstar Henry Fonda heraufbeschwört. Und entsprechend fällt denn auch die charakterliche Rollenverteilung aus: Jesse wird zum Verbrecher, Henry zum braven Trapper. Bis sie das Schicksal wieder zusammenführt.

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