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Simon Masons „Mondpicknick“ : Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen

  • -Aktualisiert am

Bild: Carlsen

Wenn sich die Tochter um den Vater sorgt, läuft es falsch: In „Mondpicknick“ erzählt Simon Mason vom Leben mit einem Alkoholiker.

          Was ist los mit Papa? Seit dem plötzlichen Tod der Mutter wird er immer seltsamer. Er klettert übers Dach, um ins Haus zu gelangen, springt im Schwimmbad von einem viel zu hohen Turm oder weckt seine Kinder mitten in der Nacht, um mit ihnen ein Picknick zu machen. Lustig ist das alles nicht. Martha ist hin- und hergerissen. Sie macht sich Sorgen um ihren Vater, ist wütend auf ihn und liebt ihn zugleich über alles. Sein kindisches Verhalten zwingt sie dazu, in die Rolle einer vernünftigen Erwachsenen zu schlüpfen, und doch sehnt sie sich mit ihren elf Jahren nach einem starken Papa, der sich um sie kümmert und nicht umgekehrt.

          Der britische Jugendbuchautor Simon Mason stellt in der ersten Hälfte des Buches ein Mädchen vor, das perfekt funktioniert, um gegenüber dem kleinen Bruder und der Außenwelt das verantwortungslose Verhalten des Vaters zu kompensieren, der zunehmend dem Alkohol verfällt. Martha kocht ihrem stets hungrigen kleinen Bruder Tug Aufläufe und geht regelmäßig mit ihm in die Stadtbibliothek, wo er am liebsten jedes Mal die Ausleihfrist für „Die kleine Raupe Nimmersatt“ verlängern würde. Sie schreibt ihrem Vater Aufgabenlisten, damit er sich endlich um einen Job kümmert und mal wieder die Haare schneiden lässt. Und sie erzählt den Großeltern, dass zu Hause alles in bester Ordnung ist, damit diese nicht das Jugendamt informieren. Die einzigen Ausflüchte aus diesem verantwortungsschweren Alltag sind Marthas wöchentliche Besuche im Kostüm- und im Filmclub.

          Schauspielerisches Talent

          Lange Zeit gelingt es Martha mit großer Kraftanstrengung, die Aussetzer des Vaters zu verbergen und immer wieder den Anschein von Normalität herzustellen. Als die Großeltern schließlich dennoch einschreiten, darf und muss Martha wieder Kind sein. Das heißt auch: die Hoffnung aufgeben, dass alles wieder gut wird, wenn sie selbst sich nur richtig verhält. Und endlich ihrer Wut auf den Vater freien Lauf lassen.

          Marthas schauspielerisches Talent, das ihr lange Zeit geholfen hat, den Schein der heilen Welt nach außen zu wahren, kommt in der zweiten Hälfte des Buches noch einmal ganz anders zum Tragen. Bislang hatte Martha für die wöchentlichen Treffen des Filmclubs bei ihrem Freund Marcus, der sich darauf kapriziert hat, Spielfilmklassiker wie „Casablanca“ oder „Vom Winde verweht“ in seinem Zimmer neu zu verfilmen, nur die Kostüme genäht. Marcus spielte sämtliche Rollen selbst, die gemeinsame Freundin Laura kümmerte sich um die Kameraführung, und Tug durfte gelegentlich mit „Alle Vögel sind schon da“ die Filmmusik beisteuern. Als Martha einmal eine Rolle übernehmen muss, sind die anderen begeistert. Es kommt schließlich - vermittelt von Marthas Vater, der wieder als Kameramann arbeitet - sogar zu einem Vorsprechen für die Hauptrolle in einem Film.

          Mehr Verantwortung als angemessen

          Was das Leben mit einem Alkoholkranken so zermürbend macht, fasst Mason ausgezeichnet in Worte und Geschichten. Immer wieder meint man, nun werde alles besser; dann greift der Süchtige doch wieder zur Flasche, und alles ist nur noch schlimmer. Beeindruckend und beklemmend bringt Mason auch das Dilemma zum Ausdruck, in dem sich Kinder wie Martha und Tug befinden, die mit einem alkoholkranken Vater leben müssen: Sie leiden unter ihm, aber sie lieben ihn auch und wollen bei ihm bleiben. Deshalb können sie sich niemandem anvertrauen.

          Gleichzeitig verhindern Handlungsstränge wie das Casting oder auch Figuren wie Marcus, dass man diesen Roman als triste Betroffenheitsliteratur abtun kann. Es ist vielmehr die spannende Geschichte eines Mädchens, das mehr Verantwortung übernimmt, als einer Elfjährigen angemessen ist, und verrückte Dinge erlebt, schöne und weniger schöne. Damit gehört Martha zu den traditionell interessantesten Heldinnen der Kinder- und Jugendliteratur: starke Mädchen, die früh auf sich selbst gestellt sind, weil sie ihre Mütter verloren haben und ihre Väter Säufer geworden sind. Oder Südseekönige.

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