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Kinderroman „Mein Freund Pax“ : Wer steht im Krieg schon richtig?

Sara Pennypacker: „Mein Freund Pax“. llustriert von Jon Klassen. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Verlag Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2017. 304 S., geb., 16,99 €. Ab 10 J. Bild: Verlag Fischer Sauerländer

Ungleiche Freunde: In „Mein Freund Pax“ schickt Sara Pennypacker einen zwölf Jahre alten Jungen auf den Weg zu sich selbst. Und seinen Fuchs zurück in die Wildnis.

          Krieg, so erklärt es Gray, der alte Fuchs, ist so ähnlich wie die Krankheit, die Füchse manchmal befällt und dazu bringt, ihre gewohnte Lebensweise aufzugeben und Fremde anzugreifen. Nicht nur die kriegskranken Männer, sondern auch Kinder, Mütter und Alte sterben im Krieg. Selbst die Tiere sterben. Alle.

          Der Krieg kommt näher in Sara Pennypackers Kinderroman „Mein Freund Pax“, und Peters Vater zieht in den Kampf. Für den zwölf Jahre alten Halbwaisen heißt das, er muss zum Großvater ziehen. Viel schlimmer: Er muss sich von Pax trennen, einem mittlerweile fünf Jahre alten Rotfuchs, den er als Welpen gefunden hat. Kurz nachdem Peters Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, fiel dem Jungen am Straßenrand eine überfahrene Füchsin auf. Im Bau ganz in der Nähe war noch ein einziges Junges am Leben. Und nicht einmal Peters unnahbarer Vater konnte sich dem Wunsch des Kindes widersetzen, den jungen Fuchs zu retten.

          Freundschaft und Entfremdung

          Dass sie Pax jetzt ausgesetzt haben, im Wald in der Nähe der alten Fabrik, bei der sich der Fluss so gut überqueren lässt wie nirgends sonst, ist für Peter einer der größten Fehler seines Lebens. Schon in der ersten Nacht beim Großvater, dreihundert Kilometer entfernt, entschließt sich der Junge, seinen in der Wildnis hilflosen Fuchs zu retten. Er macht sich auf den Weg, mit der kindlichen Gewissheit, Pax werde auf ihn warten und er werde es schon irgendwie schaffen, ihn zu finden.

          Natürlich ist „Mein Freund Pax“ die Geschichte nicht nur einer Freundschaft. Sie ist auch die einer Entfremdung. Der Roman berührt ebenso eindringlich wie unaufdringlich die großen Fragen, vor denen junge Leser im Alter von zehn bis zwölf Jahren ein erstes Mal selbst stehen könnten: Wohin gehöre ich? Wie stehe ich zu meinen Gefühlen? Und kann ich darüber, wer ich bin, auch selbst entscheiden?

          Bis sie eine Antwort auf ihre Fragen findet

          Abwechselnd erzählt Sara Pennypacker die Erlebnisse des Jungen und des jungen Fuchses: Beide sind nach kurzer Zeit am Ende ihrer Kräfte, beide finden Anschluss, beide werden anfangs beargwöhnt und schließlich anerkannt. Pax trifft auf die junge, kühne Füchsin Bristle, die sich mit ihrem kleinen Bruder Runt durchschlägt, seit ihre Eltern den Menschen in die Falle gegangen sind. Und auf den alten Gray, der sich, von den Krähen gewarnt, mit Pax zusammen aufmacht, um eine sichere Gegend für die anderen Füchse zu suchen. Peter bricht sich unterdessen bei einem Fehltritt den Fuß und rettet sich in eine Scheune, wo er von Vola entdeckt wird. Die Frau mit dem Holzbein, dem Federschmuck und den an die Arbeitshose geknüpften Tüchern jagt ihn nur deshalb nicht davon, weil sie, wie sie sagt, auch so schon genug auf dem Gewissen hat. Schließlich ist sie doch bereit, ihn aufzunehmen, bis er wieder zu Kräften gekommen ist, und am Ende teilt nicht nur Peter seine Geheimnisse mit ihr, sondern sie auch ihre mit ihm.

          Ob er schon jemals von jemandem gehört habe, der freiwillig auf der falschen Seite in den Krieg gezogen sei, fragt Vola höhnisch, als Peter auf die Frage keine rechte Antwort weiß, wofür sein Vater eigentlich kämpft. Sie selbst habe nach ihrer Zeit als Sanitäterin im Krieg nicht mehr gewusst, wer sie sei und was sie wolle, und sich auf die Farm ihrer Großeltern zurückgezogen, bis sie eine Antwort auf ihre Fragen findet. Es ist Peter, der ihr wagemutig die Augen öffnet.

          Die Geschichte fordert ihre Opfer

          Pax ist unterdessen mit Gray zur alten Fabrik gelangt und muss mit ansehen, wie der ältere Freund durch eine der Minen stirbt, mit denen die Soldaten die Flussquerung für die Feinde unmöglich machen. Schließlich entdeckt er auch Peters Vater unter den Minenlegern. Dass Vola ihr Bein vor vielen Jahren durch eine Mine verloren hat, ist noch eine der offensichtlicheren unter den vielen feinen Verbindungen zwischen der Geschichte von Peter und der von Pax, mit denen die 1951 in Massachusetts geborene Autorin ihren Roman symbolisch auflädt. Dass Menschen mitunter ein falsches Spiel spielen, hört Pax nicht nur von den anderen Tieren, sondern entdeckt es schließlich sogar im Abschied von seinem Freund Peter. Während der Junge sich dabei ertappt, ganze Tage nicht mehr an den Freund zu denken, den zu retten er doch aufgebrochen war.

          Dabei schafft Sara Pennypacker es, von der Sehnsucht und der Selbständigkeit des Jungen zu erzählen, ohne den emotionalen oder kognitiven Horizont eines Zwölfjährigen zu überschreiten. Und selbst die Passagen, in denen sie dem Fuchs mehr als eine rein intuitive Einordnung des Erlebten zuschreibt, wirken nicht kitschig. Mit der Präzision, in der sie die Verständigung der Tiere untereinander beschreibt, gleicht sie das allzu Menschliche in der tierischen Wahrnehmung gekonnt aus. Pennypackers sorgfältige Schilderungen des Jagd- und Revierverhaltens der Tiere zeigen, dass die Schriftstellerin den Rat eines Fuchsforschers gesucht hat. Die mitunter fast naturkundliche Klarheit ihrer Sprache vermeidet, dass ihr Buch bei allem emotionalen Tiefgang zum Tiefschlag für die kindlichen Leser wird.

          Die Geschichte fordert ihre Opfer, und die Autorin erspart ihrem Publikum keine Härten. Dass Peter allen Widrigkeiten zum Trotz, aber ganz anders als beabsichtigt, seinen Freund Pax doch noch retten kann, mag es mit dem Ende versöhnen, ohne es ihm zu leicht zu machen: Das Wiedersehen wird zu einem Abschied auf unabsehbare Zeit. Jetzt sind die Freunde doch auf sich allein gestellt. Und inzwischen in der Lage, für sich allein zu stehen.

          Sara Pennypacker: „Mein Freund Pax“. llustriert von Jon Klassen. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Verlag Fischer Sauerländer, Frankfurt am Main 2017. 304 S., geb., 16,99 €. Ab 10 J.

          Quelle: F.A.Z.

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