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„Rosie und Moussa“ von Michael De Cock : Warum nur tanzt der Miesepeter auf dem Dach?

  • -Aktualisiert am

Bild: Beltz & Gelberg

Ein Buch, das keine Rätsel aufgibt - was wäre das für ein lausiges Buch? Auch deshalb ist Michael De Cocks Geschichte von Rosie und Moussa so beglückend.

          Ein großes Mietshaus am Ende der Straße: Im Erdgeschoss wohnt der grantige Hausmeister, ganz oben unterm Dach eine kinderliebe alte Dame mit Blumenkästen auf dem Balkon. In einer Wohnung dazwischen Moussa mit seinem Vater und seinen Brüdern, in einer anderen Rosie mit ihrer Mutter. Moussa hätte gern einen Hund und führt ersatzweise Kater Titus an einer Leine durchs Treppenhaus. Rosie ist gerade erst eingezogen und fürchtet, in der neuen Wohngegend so bald keine Freunde zu finden.

          Ein typischer Schauplatz, typische Protagonisten und eine interessante Ausgangssituation. Viele Kinderbücher sind ähnlich gestrickt. Doch dieses ist besonders. Nicht nur wegen der Geschichte, die es erzählt, sondern auch wegen der vielen Geschichten, die es nicht erzählt.

          Immer noch ein bisschen mehr

          Die erzählte Geschichte: Moussa, der die Klamotten seiner Brüder aufträgt, und Rosie, die ihre traurige Mutter mit Austern und Limonade tröstet, lernen einander im Treppenhaus kennen. Da Moussa schon länger in dem Hochhaus wohnt, kennt er es in- und auswendig. Auch den Weg aufs Dach kennt er. Heimlich steigen die beiden Kinder hoch. Die Aussicht ist überwältigend. Doch als Rosie und Moussa merken, dass ihnen der Rückweg versperrt ist, wird ihre beginnende Freundschaft auf die Probe gestellt. Sie begreifen bald, dass gegenseitige Schuldzuweisungen nichts bringen. Beim Versuch, sich aus der misslichen Lage zu befreien und die Zeit bis zur Rettung zu überbrücken, kommen ihnen vielmehr ihre jeweiligen Stärken zupass: Rosie hat von ihrer Mutter gelernt, dass es immer eine Lösung gibt, und Moussa hat gelernt zu teilen. Mit solchen Eigenschaften lassen sich nicht nur Auswege aus Notsituationen finden, sondern auch Freunde gewinnen.

          Das ist an sich schon eine schöne Geschichte, die Michael De Cock hier über den schwierigen Neuanfang eines Mädchens und seiner Mutter in einem Mietshaus am anderen Ende der Stadt erzählt. Die Zeichnungen von Judith Vanistendael, denen viel Platz eingeräumt wird, machen daraus jedoch eine ganz besonders anregende Lektüre, denn sie erzählen immer noch ein bisschen mehr als der Text. Lustig ist die Doppelseite, die den sonst so miesepetrigen Hausmeister zeigt, wie er lachend übers Dach tanzt, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Und viel zu entdecken gibt es auf einer Doppelseite mit einem Baumhaus, in dem Menschen und Tiere fröhlich zusammenleben.

          Raum für weitere unerzählte Geschichten

          Doch nicht nur diese Extraseiten weisen über den Text hinaus. So wie Vanistendael es versteht, mit wenigen Strichen ein Zimmer samt Atmosphäre zu schaffen, verleiht sie Gesichtern einen prägnanten Ausdruck und Figuren eine markante Haltung. Es wirkt, als habe die belgische Comiczeichnerin zu allen Personen, die sie zeichnet, ganze Lebensgeschichten im Kopf. Geschichten, die nicht explizit erzählt werden und doch aufscheinen: Was ist mit Rosies Vater, und warum ist ihre Mutter so traurig, wenn sie sich alte Familienfotos anschaut? Wo ist Moussas Mutter, und warum bekommt er nur die alten Kleider seiner Brüder? Was für eine Lebensgeschichte verbirgt sich hinter der gemütlich vollgestopften Dachgeschosswohnung von Frau Himmelreich? Wie kommt es, dass der grummelige Hausmeister den sehr zuvorkommenden und gepflegten Herrn Kegel zum Freund hat? Und wenn man die beiden so nebeneinander sieht: Wären Moussas Vater und Rosies Mutter nicht ein schönes Paar?

          Keine dieser Fragen wird beantwortet, die meisten nicht einmal gestellt. Dass sie dennoch aufscheinen, ist dem Zusammenspiel von Autor und Illustratorin zu verdanken, die beim Erzählen und Bebildern der Geschichte von Rosie und Moussa auf dem Dach Raum für weitere unerzählte Geschichten öffnen. Und deshalb wird, wer dieses Buch liest, damit nicht so rasch fertig werden.

          Michael De Cock: „Rosie und Moussa“. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Bilder von Judith Vanistendael. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2013. 89 S., geb., 9,95 €. Ab 7 J.

          Quelle: F.A.Z.

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