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Rachel Wards Jugendroman „Numbers“ Das Mädchen mit der entsetzlichen Gabe

17.03.2010 ·  Wegschauen wäre besser: Rachel Wards Debüt „Numbers“ verbindet das populäre Mystery-Genre mit einem authentisch erzählten Jugendschicksal vom Rande der Gesellschaft.

Von Eva-Maria Magel
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„Den Tod im Blick“: Der reißerische Untertitel der deutschen Ausgabe von „Numbers“ stimmt nicht ganz. Das Geheimnis der 15 Jahre alten Jem ist viel komplexer und bitterer. Schaut Jem einem anderen Menschen in die Augen, erscheint in ihrem Geist eine Zahl: der Sterbetag ihres Gegenübers.

Es ist eine schreckliche Bürde, die das junge Mädchen mit sich herumschleppen muss, seit sie als kleines Kind ihre Mutter aufgefunden hat, gestorben an einer Überdosis Heroin. Kaum jemandem hat Jem seither in die Augen gesehen. Rachel Ward, 1964 geboren und zuvor niemals schriftstellerisch tätig, hat mit „Numbers“ einen in Großbritannien sehr erfolgreichen Erstling vorgelegt. Nun bringt ihn der deutsche Chicken House Verlag, ein neues Tochterunternehmen des deutschen Carlsen Verlags, in seinem ersten Frühjahrsprogramm heraus.

Jem ahnt dank ihrer übersinnlichen Fähigkeit ein Attentat am Riesenrad London Eye voraus und flüchtet mit ihrem Freund Spinne, als sie verdächtigt werden, an dem Anschlag beteiligt zu sein. Ward gewinnt dem allfälligen „Mystery“-Genre parapsychologischer Krimis eine ungewöhnliche Seite ab. Zwar endet ihre aktionsgeladene Hetzjagd durch England leider arg melodramatisch im Kirchenasyl der Kathedrale von Bath. Aber Wards Ich-Erzählerin Jem hat eine packende, ganz eigene Stimme, die im besten Sinne hellsichtig ist: In oft krudem, authentisch wirkendem Jargon geht es um die Gefühle eines Mädchens – und um das Lebensgefühl am Rand der Gesellschaft.

Sensibel und mit einem gewissen Witz erzählt

Jem ist eine jener vielen Jugendlichen, bei deren Anblick die ehrenwerten Leute froh sind, dass sie nicht mit ihren Kindern auf dieselbe Schule gehen, wie sie selbst ganz nüchtern feststellt. Von einer Pflegefamilie in die nächste weitergereicht, sitzt Jem in einer Schule für die Aussortierten, durch ihre Gabe doppelt isoliert – bis aus Spinne, dem schwarzen Gelegenheitsdealer und Klassenkameraden, erst ein Vertrauter und dann, auf der Flucht, der Geliebte wird. Die schroffe, vorsichtige Annäherung und die innigen Liebesszenen dieser beiden, der eine ein ewig ungewaschen riechender Schlaks, die andere bis dahin unfähig, Gefühle zu zeigen, sind sensibel und mit einem gewissen Witz erzählt und ganz ohne das Mystery-Brimborium. Das ist mit einer überraschenden Volte am Ende für Jem ausgestanden.

Schon aber ist in England „Numbers 02“ angekündigt: Jems Sohn Adam, belegt mit der gleichen Gabe, wird auch deren Bürde zu spüren bekommen. Etwas Ähnliches scheint für Kinderbuchautoren, zumal Debütanten, das Gesetz der Serie zu sein. Ihm hat sich auch Ward offenbar nicht entziehen können – oder wollen.

Rachel Ward: „Numbers - Den Tod im Blick“. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschahn. Verlag Chicken House Deutschland, Hamburg 2010. 364 S., geb., 13,95 €. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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