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Walter Benjamin im Bilderbuch : Von Traumpassagen und Einbahnstraßen

  • -Aktualisiert am

Pei-Yu Chang: „Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“. NordSüd Verlag, Zürich 2017. 48 S., geb., 18,– €. Ab 6 J. Bild: NordSüd Verlag

Die taiwanische Illustratorin Pei-Yu Chang folgt Walter Benjamin und seinem Koffer durch die Pyrenäen: die Geschichte eines außergewöhnlichen Intellektuellen und gewöhnlichen Flüchtlings.

          „Er war ein Philosoph und hatte brillante Ideen aller Art. Eines Tages aber entschied das Land, in dem er lebte, dass außergewöhnliche Ideen sehr, sehr gefährlich seien“. Die 1979 geborene Taiwanerin Pei-Yu Chang, die in Münster Illustration studierte, rekapituliert in Bildcollagen die letzte Reise des jüdischen Denkers Walter Benjamin, der seit 1933 im französischen Exil lebte, im Jahr 1940 über die Pyrenäen mitsamt seines Koffers, dessen Inhalt der Nachwelt zum Mysterium wurde. Chang zeichnet exemplarisch die Geschichte eines außergewöhnlichen Intellektuellen und gewöhnlichen Flüchtlings, ein alltägliches Schicksal eines undogmatischen Phantasiebegabten und seiner Ideen in Zeiten des Totalitarismus.

          Was geht verloren für die Welt, fragt Chang zwischen den Zeilen, wenn wir den Flüchtlingen nicht helfen? Und was würden wir aus dem alten Leben mitnehmen? Das Bilderbuch beginnt in einer großen Stadt, deren Ausfahrtswege zusehends mit Soldaten versperrt sind. Chang zeichnet groteske und kafkaeske Bilder von einem totalitären Staat. Die erhobenen Hände sich ergebender Menschen finden Ebenbilder im Astwerk der Bäume. Gewundene Treppen symbolisieren Irrgärten des Systems.

          Zum Schrecken seiner Fluchtkameraden

          Das Kinderbuch skizziert Fluchtimpressionen nach der Besetzung Frankreichs 1940: Das Treffen mit der Emigrantin und Fluchtbegleiterin Lisa Fittko, mondbeleuchtete Pfade der „F-Route“, entlang deren sie ihre Schützlinge über die Pyrenäen zur spanischen Grenze (Benjamin wollte via Portugal in die Vereinigten Staaten emigrieren) führte, wo ihm aber die Abweisung drohte. Obwohl das Buch den Selbstmord wohl aus Rücksicht auf junge Leser ausspart – nur die Türnummer 48 des Hotels, in dem er zuletzt gesehen wurde spielt auf sein erreichtes Lebensalter an – und trotz oder wegen heller Farben wie Korallenrot, Neongrün oder Primärgelb sind Gefahr und Bedrohung spürbar.

          Chang hat einen allegorischen Benjamin-Zugang und betont menschliche Gesichter des Autors wie den Pechvogel und Weltverbesserer, der zum Schrecken seiner Fluchtkameraden einen schweren Koffer die Berge hinaufschleppt. Als mit ihm sein Koffer verschwindet, der ihm laut Fittkos Memoiren wichtiger als sein Leben war, gibt das Anlass zu gelehrter Spekulation: „Darin war bestimmt die beste philosophische Idee aller Zeiten“ meint ein Akademiker, und ein anderer entgegnet: „Nicht doch, meiner Theorie nach hat er eine Theorie geschrieben als Antwort auf meine Theorie.“

          Von Deutschland ist die Rede nie

          Pei-Yu Chang hat mit Liebe und Akribie gezeichnet, gemalt, geschnitten, gefaltet und geklebt, wobei die Collage als geeignetes Medium erscheint, um die fragmentarische Philosophie und Denkbilder Benjamins einzufangen. Die auch in deutscher Literaturwissenschaft geschulte Chang erfreut Benjamin-Adepten mit versteckten Hommagen. Das von der Kunstform der Arabeske inspirierte Werk lebt vom alters- und interessengeleiteten Spiel mit den Bedeutungsebenen, das die Kinder und Vorleser das Buch jeweils anders sehen und erschließen lässt. Neben der Begegnung mit der Fluchthelferin in einem passagenartigen Bau als „Tempel der Ware“, wobei die Puppen im Schaufenster Fittkos Antlitz phantasmagorisch reproduzieren, erinnern ausgeleierte Pferdefiguren, standhafte Grenzsoldaten, aber auch ein die Wahrheit herausposaunender Trompeter an Kinder- und Märchenbücher oder an die Karten alter russischer Spielzeuge, wie sie Benjamin leidenschaftlich sammelte.

          Ferner geleiten an das historische Buchcover der „Einbahnstraße“ erinnernde Pfeile die Flüchtlingsgruppe über die Pyrenäen. Pfeile als Symbol von Irrwegen und von Ideologien, als positive und destruktive Macht der Gedanken sind Leitmotive im Buch. Nie ist die Rede von Deutschland, die „Hakenkreuze“ auf den Armbinden sind abstrahierte Pfeile, was die Geschichte zeitlos, nahegehender, weil wiederholbar macht.

          Wertsachen des Geistes

          Dennoch gelingt Chang eine kindgerechte Form, wobei auch trockener Humor und Ironie einen Platz finden. So auch in Einsprengseln der Jetztzeit wie das Detail eines Laptops als Weisheitskonvolut unserer Tage.

          Auch originale Handschriften, Kritzeleien und Notizen Benjamins werden typographisch in das Werk eingebunden und zieren etwa als Sesselbezug das letzte Bildmotiv seines leeren Stuhls. So sind nicht materielle, sondern Wertsachen des Geistes und die Gedankenfreiheit das höchste Gut, das man auf seiner Lebensreise bewahren sollte.

          Pei-Yu Chang: „Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“. NordSüd Verlag, Zürich 2017. 48 S., geb., 18,– €. Ab 6 J.

          Quelle: F.A.Z.

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