28.10.2006 · Schrecklich normal: Rudolf Herfurtner erkundet Scheidungswaisen und findet sehr seltsame Eltern.
Von Elena GeusAls wäre dieser Tag nicht schlimm genug: Da darf die zehn Jahre alte Pauline beim „Ball der Fabeltiere“ Teil eines Einhorns sein, doch der Hintern des Viehs, Pauline, gerät ins Straucheln und plumpst von der Bühne. Und obendrein streiten die Eltern, machen einander Vorwürfe, zerren an dem Mädchen herum. Wie bei jedem Zusammentreffen eigentlich, seit Mama und Papa getrennt leben.
Pauline will nur eins – weg. Mit auf ihre Flucht nimmt sie Lorenzo, dessen Kummer ihren eigenen ein wenig vergessen läßt. Ihm ergeht es ähnlich, nur schlimmer, denn aus Angst, die Mutter nehme das Kind ohne sein Einverständnis mit ins Ausland, hat Lorenzos Vater den Bub entführt und hält ihn versteckt im seltsamen Haus gegenüber. Dort hat Pauline den kleinen Jungen, der mit seinem verwirrenden Gerede von Monstern, bösen Feen und guten Rittern der Welt gänzlich entrückt scheint, aufgespürt.
Die Kinder nicht vergessen!
In „Pauline und der gelbe Ritter“ geben Eltern ein Paradebeispiel für all jene, die als Paar gescheitert sind und die in ihrer Wut und Trauer vergessen, daß ihre Kinder immer noch ein Recht auf beide Elternteile, eigene Gefühle, auf Wahrheit, vor allem aber ein Recht auf Kindsein haben. Doch als wäre der Verlust der Familie nicht schlimm genug, benutzen diese Mütter und Väter ihre Kinder in wechselnden Allianzen als Verbündete und Ersatzpartner, tricksen und verheimlichen, reden gar nicht mehr oder nur noch über Anwälte miteinander. Rudolf Herfurtners sehr genauer Blick auf Erwachsene, deren Zuviel an Selbstmitleid und deren Mangel an Streitkultur und Konfliktmanagement die Kleinen ausbaden müssen, macht dieses Kinderbuch auch zu einem aufschlußreichen Buch für Eltern.
Mit gewohnter Sympathie für seine jungen Leser, nüchtern und frei von pädagogischen Standpauken nähert sich Herfurtner der verwirrenden Gefühlswelt als Kind getrennt lebender Eltern. Verpackt in eine flott erzählte, unterhaltsame, auf nette Weise harmlose Kriminalgeschichte, in der vor allem Paulines Witz überzeugt, wird aus dem schwerverdaulichen Thema leicht lesbare Kost. Und die Familiensituation bleibt, was sie in Zeiten, in denen jede dritte Ehe geschieden wird, längst ist: Normalität.
Herfurtners Aussichten jedoch sind fragwürdig. Der Kindesentzug bleibt nicht nur juristisch, sondern auch moralisch ungeklärt, Pauline hält an der wenig wahrscheinlichen Hoffnung fest, ihre Eltern fänden doch wieder zusammen, und Lorenzo landet in der Psychiatrie. Als Orientierung im Chaos will das nicht recht taugen.