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Paul Maars sechstes Sams-Buch Ich will jetzt schlafen wie ein Wafen

28.09.2009 ·  Am Samstag erschien Paul Maars sechster „Sams“-Roman. Viel spricht dafür, dass es der letzte bleiben wird. Das ist schade - und völlig richtig so: Eine Liebeserklärung an eine reizende Nervensäge.

Von Tilman Spreckelsen
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Dass man ihn sanft zu diesem Buch gedrängt hat, deutet Paul Maar gern an - er sei dazu „überredet“ worden, heißt es in der Widmung, und in einem Interview erklärt der Autor, dass es letztlich der flehentliche Brief einer Siebenjährigen war, dem er nachgegeben habe, denn die kleine Erpresserin hatte angedroht, bei Nichterfüllung „sehr“ (viermal unterstrichen) traurig zu werden. Wer als Leserin zu solchen Mitteln greift, muss natürlich Sinn für eine literarische Gestalt von ähnlichem Kaliber haben, für ein irgendwie in die Welt gefallenes rotzfreches Wesen, das seinem sanften Adoptivvater bald Diktator, Freund und ruppiger Schutzengel in einem ist und dem man alles Mögliche nachsieht, nur um endlich Ruhe zu haben. Umgekehrt muss sich, wer als Autor mit solchen Ansprüchen konfrontiert wird und nicht offen widerstehen mag, gut überlegen, welche List er anwenden kann, damit sich das Problem kein weiteres Mal stellt.

Paul Maar also hat es wieder getan, ein neues Sams-Buch geschaffen und damit die vor sechsunddreißig Jahren begonnene Romanfolge in die Gegenwart fortgeführt. Das merkt man „Onkel Alwin und das Sams“ so wenig an, wie man den ersten Band, „Eine Woche voller Samstage“ nun unbedingt primär als Produkt des Jahres 1973 lesen würde. Allerdings wurde hier ein Kosmos geschaffen, dessen Regeln im Großen und Ganzen bis in den letzten Band hinein gelten und der dazwischen lediglich ausgebaut wurde: Der schüchterne Sams-Freund Bruno Taschenbier ist immer noch schüchtern, aber er ist unterwegs zu einer Frau und einem Sohn namens Martin gekommen, der seinerseits auf die Hilfe des Sams angewiesen ist und diese wie zuvor schon sein Vater als Hilfe zur Selbsthilfe erhält - den Weg aus der Unselbständigkeit in eine neuerliche Abhängigkeit, diesmal vom Sams, erspart Maar seinen Figuren, und dies nicht nur, weil sich das wunscherfüllende Vermögen des Sams im Lauf der Bücher regelmäßig erschöpft.

Spielen immer, Schludern nimmer

Diesmal also, im neuesten Band, erscheint das Sams wiederum bei Familie Taschenbier, der Kreis derer, die von ihm wissen, erweitert sich ein bisschen, ein lang verschollener und ziemlich unverschämter Onkel Alwin aus Australien quartiert sich ebenfalls hier ein, und es ist kein Leichtes, ihn wieder loszuwerden. Am Ende, im allerletzten Satz des Romans, nimmt Vater Taschenbier die Harke in die Hand, um im Garten aufzuräumen - helfen muss ihm dabei keiner mehr.

Dass es Maar gelungen ist, bei seinem ewig vor sich hin reimenden, ewig munterste Sprachkritik übenden Sams wieder den richtigen Ton zu treffen, wird man ihm hoch anrechnen. Denn ohne dies verlöre seine Schöpfung jeden Zauber. Das Partisanentum der Sprache, das Maars Sams verkörpert und das nur aus genauer Kenntnis der Regeln erwachsen kann, ist den Büchern wesentlich, und wo das Sams diese Regeln spielerisch bricht, lässt es zugleich anderen nichts durchgehen und klebt unverbrüchlich am Nennwert der Worte. Spielen immer, Schludern nimmer, so könnte man den samshaften Zugang zur Sprache beschreiben. Und wo die Worte fehlen, braucht es eben neue. Als das Sams einmal zu Martin Taschenbier zurückkehrt, erklärt es: „Ich bin müde. Ich will nicht stundenlang reden, mitten in der Nacht. Ich will jetzt schlafen wie ein Wafen.“ Auf die schüchterne Frage, was denn „ein Wafen“ sei, antwortet das Sams: „Ein Wafen ist das Wort, das sich auf ,schlafen' reimt. Weiß doch jeder.“

Wegen Menschenähnlichkeit verstoßen

Dass - und mit welcher Ausschließlichkeit - das Sams zur Familie Taschenbier gehört, wird schon beim ersten Kennenlernen deutlich (als freilich von Familie noch keine Rede sein kann). Es ist die Umkehrung des „Rumpelstilzchen“-Motivs: Im Märchen wird man den heftig klammernden Unhold nur los, wenn man dessen Namen errät, im Kinderbuchklassiker hüpft Herrn Taschenbier das anstößige Wesen vor aller Augen geradewegs in den Arm, weil er als Einziger den Namen weiß. Im sechsten Band nun wird das Sams von den übrigen Samsen wegen einer sich entwickelnden allzu großen Menschenähnlichkeit verstoßen. Das Sams also, sonst dazu da, alles Mögliche in der Menschenwelt zu richten oder doch wenigstens anzustoßen, ist hier mehr denn je auf die Unterstützung, ja Liebe der Taschenbiers angewiesen. Am Ende wird es in der Familie bleiben, wo es ihm gutgeht, man kann sogar ohne größeres Aufsehen mit ihm durch die Fußgängerzone gehen. Und mit dieser Integration unterläuft der listige Autor strukturell so manche Bemühung, ihm eine weitere Fortsetzung abzuringen.

Andererseits: Das dachte man schon 1980 beim Ende von „Am Samstag kam das Sams zurück“. Lassen wir uns überraschen.

Paul Maar: „Onkel Alwin und das Sams“. Oetinger Verlag, Hamburg 2009. 208 S., geb., 9,90 [Euro]. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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