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Paul Maar: Lippel, träumst du schon wieder! Unter Trollkindern

 ·  Jetzt also nach Norwegen: Paul Maar setzt nach dreißig Jahren „Lippels Traum“ fort - und sein junger Held das Fortsetzungsträumen.

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Zu Paul Maar hat man im Lauf der Jahre ja fast ein samsartiges Verhältnis entwickelt, wobei wir selbst dabei in die Rolle des Bruno Taschenbier geschlüpft sind. Genau wie das Sams verschwindet Maar öfter mal aus unserem Blick, nur um plötzlich wieder reimend und Geschichten erzählend aufzutauchen und uns zum Lachen zu bringen. Fortgeschrittene Eltern können seine Bücher nach einer Vorlese-Ansparphase irgendwann parallel zu den eigenen Kindern lesen: Der Sohn ist abends an der Reihe, der Vater morgens im Zug. Denn wenn es nach fast dreißig Jahren eine Fortsetzung von „Lippels Traum“ gibt, jenem Buch, das sich der älteste Sohn in der unschlagbaren Hörfassung mit Friedhelm Ptok über Monate hinweg vor dem Schlafen zu Gemüte geführt hat, und man die ersten Sätze und die Handlung noch immer auswendig kennt, möchte man auch wissen, wie es weitergeht.

Nach einem skeptischen Blick auf das Buchcover, das ausnahmsweise nicht von Paul Maar gestaltet wurde, sondern von Katrin Engelking, und zwar auf eine sehr fantasyartige Weise, nicht unser Ding, lesen wir die ersten Sätze von „Lippel, träumst du schon wieder!“, und sofort steigt ein in die siebziger Jahre verweisendes Kindheitswohlgefühl in uns auf. Das Gefühl, unendlich viel Zeit und auch Langeweile zu haben, eines, das man heute so leicht nicht mehr bekommt, von dem man aber glaubt, dass es den eigenen Kindern guttut.

Mit Ungeduld kommt man hier nicht weiter

Da sitzt also der in dreißig Jahren um nur wenige Monate gealterte Lippel mit Vater und Mutter am Frühstückstisch, trinkt Kräutertee und schlägt vor, die Eltern sollten diesmal ohne ihn in den Urlaub fahren, nach Norwegen, er bleibe hier, die Nachbarin Frau Jeschke, deren eingemachtes Obst er besonders liebt, könne ja auf ihn aufpassen.

Die Eltern, die auf die Idee zum Lofoten-Urlaub durch die Schwärmerei des Hausarztes verfallen sind, lassen sich darauf natürlich nicht ein. Halten auch wir hier kurz inne, denn annähernd hinter jede dieser Informationen möchte man ein „sic!“ setzen: Welches Kind trinkt heute freiwillig zum Frühstück Kräutertee, mag eingemachtes Obst und versucht, sich bereits mit zehn Jahren von seinen Eltern abzukapseln? Und welcher Hausarzt hat heute noch die Zeit, in seiner Sprechstunde ausführlich von seinem Angelurlaub in Norwegen zu schwärmen?

Sei’s drum, beim Lesen der ersten Seiten schaltet man automatisch die äußere Zeitwahrnehmung und den Realitätssinn herunter und entspannt sich fast zwangsläufig, denn mit Ungeduld kommt man hier nicht weiter, und das ist auch gut so.

Eine enttäuschende Inititialzündung

Da auch Frau Jeschke, die Nachbarin, Lippel den Balkonurlaub ausredet, steht der Familienreise nichts mehr im Weg - und obwohl sich der Vater trotz seines Navigationssystems verfährt, braucht Maar nur wenige Seiten, um die Vorstellung der Anreise nach Skandinavien zu erzeugen. In praller Spätabendsonne erreicht die Familie schließlich das rote Holzhäuschen eines norwegischen Feriendorfs. Für Lippel, der über die Fähigkeit verfügt, seine Träume zu lenken und sogar Fortsetzungsträume zu erzeugen, sind die Lichtverhältnisse denkbar schlecht, und auch bei unserem Sohn, der mit seinem Lesepensum etwas zurückhängt, läuft es noch nicht rund. Stolz verkündet er, am Vortag drei Kapitel gelesen zu haben, allerdings sind sie in diesem Buch oft nur wenige Seiten lang. Wie er den neuen „Lippel“ denn finde, bisher? „Gut.“

Das Buch nähert sich einer sensiblen Phase, die bei Maar ja meistens in der Herausforderung besteht, das Phantastische als alltäglich darzustellen. In den Sams-Büchern oder „Herr Bello“ ist Maar das meist souverän gelungen. In dem neuen Buch führt er zunächst ein wildes, rothaariges Mädchen namens Luna ein, das in dem Feriengebiet herumstrolcht und vom Platzwart aus disziplinarischen Gründen in einen Keller gesperrt wird - ein unrealistisches, etwas mutwilliges Detail, dem man anmerkt, dass es eine antagonistische Erzählwelt, die Trollwelt, vorbereiten soll. Noch aber fehlt der entscheidende Funke für den Realitätswechsel. Der fällt wenig später: Nachdem Lippel und seine Mutter das Mädchen befreit haben, findet Lippel den Weg zum Haus Lunas, die mit ihrer Großmutter ganz in der Nähe lebt. Diese Großmutter wiederum ist eine Künstlerin, die gerade an einem Bilderbuch über Trolle arbeitet, und ausgerechnet dieses papierne Werk wird Lippel zu den buchbestimmenden fünf Folgeträumen in der skandinavischen Trollwelt inspirieren, eine enttäuschende Inititialzündung.

Eine zarte Beziehung

Wie zu befürchten, raschelt, wenn Lippel in den unterirdischen Höhlen das - Luna ähnelnde - Trollmädchen Ganaxa und die seltsamen Sitten ihres Volkes kennenlernt, das Papier recht laut, was unseren Sohn aber nicht zu stören scheint. Eines Abends kommt er spät noch aus seinem Zimmer gelaufen und imitiert laut lachend einige unfeine Trollbräuche.

In der Trollhandlung hat Paul Maar viele nordische Mythen aus seinem Theaterstück „Peer und Gynt“ verarbeitet, darüber hinaus Swifts „Gulliver“ und dergleichen mehr, zuweilen meint man gar, dem Handlungsverlauf eine Computerspielästhetik anzumerken. Ein Ganzes wird es vor dem geistigen Auge aber nicht, anders als die Rahmenerzählung, in der Luna einfühlsam von einem Trauma geheilt wird und sich eine zarte Beziehung zwischen ihr und Lippel anbahnt.

„Lippel, träumst du schon wieder!“ gehört nicht zu Maars besten Büchern, seine Hauptfigur hat er diesmal unter Wert verkauft. Trotzdem klappt man das Buch zufrieden zu, nicht zuletzt wegen der mit großer Feinheit entworfenen Schlusskapitel. Unser Sohn hat sie noch vor sich, während sein jüngerer Bruder sich neuerdings mit „Lippels Traum“ als Hörbuch angefreundet hat.

Paul Maar: „Lippel, träumst du schon wieder!“ Mit Bildern von Katrin Engelking. Oetinger Verlag, Hamburg 2012. 208 S, geb., 13,95 €. Ab 8 J.

Quelle: F.A.Z.
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09.11.2012, 15:30 Uhr

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