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Paul Biegels Trilogie „Der kleine Kapitän“ : Im Boot mit Heini Hasenfuß

Bild: Urachhaus

Ein Teppich aus feinem Seemannsgarn: Paul Biegels Trilogie „Der kleine Kapitän“ war jahrzehntelang vergriffen. Jetzt ist sie wieder da: ein Hochgenuss beim Vorlesen und wie geschaffen zum endlosen Weitererzählen.

          Mitten im Meer steht eine Stadt auf Hunderten von Pfählen. Wer dorthin kommt und nach der langen Fahrt auf einen schönen Abend in irgendeiner Spelunke hofft, wird bald enttäuscht werden: Vergnügen wird hier nicht gern gesehen, die vorherrschende Farbe von Häusern und Kleidung ist Grau, und wer dennoch allzu fröhlich durch die Straßen läuft, wandert schon mal für zehn Jahre ins Gefängnis. Weil der König dieser Stadt um eine verlorene Liebe trauert, eine Frau unsicherer Provenienz namens Galathea, die er nur von Bildern kennt, gehört Trübsalblasen für das Volk zum guten Ton, und Fremde haben sich dem anzupassen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So geht das, bis der kleine Kapitän vorbeischaut. Das Geheimnis des Königs entdeckt er rasch, er überlistet den Monarchen und erlöst ihn dabei von seinem Kummer. Am Ende wird er sich wie zufällig neu verlieben - diesmal in eine Frau aus Fleisch und Blut. Obwohl das niemand so genau sagen kann.

          Rätselhaft ist viel im Kosmos des holländischen Autors Paul Biegel (1925 bis 2006), und wo der kleine Kapitän herkommt, ist so unklar wie sein Schicksal am Ende der ihm gewidmeten Kinderbuchtrilogie: Eines Morgens ist er wieder verschwunden. In Holland erschienen die Bände zwischen 1971 und 1975, auf Deutsch etwas später bei Thienemann und dtv, aber sie sind schon längst vergriffen und werden antiquarisch zu horrenden Preisen gehandelt.

          Auch der kleine Kapitän liegt nicht selten daneben

          Wer sie kennt, wird sie lieben: Biegels Kunstgriff, den kleinen Kapitän in den Mittelpunkt zu stellen, aber nie aus dessen Perspektive zu erzählen, trägt schönste Früchte. Gemeinsam mit den Kindern Tonne, Martina und Heini Hasenfuß, die ihn auf seinem Schiff mit dem sprechenden Namen „Nieleck“ begleiten, beobachten wir den schweigsamen kleinen Kapitän, wie er überlegt und seine Entscheidungen fällt und oft lange vor dem Leser die Chancen und Gefahren eines Unternehmens einzuschätzen weiß: Was hat es mit den merkwürdig zahmen Tieren auf der einsamen Insel auf sich? Wie sind die Prüfungen im Land von Wahn und Weisheit (das besser Land der sieben Todsünden hieße) zu bestehen? Welcher Weg führt den glatten Eisberg am Nordpol hinauf? Und wie entkommt man den mordlustigen Töchtern von Vater Blaukrabbe? Dass auch der kleine Kapitän nicht selten danebenliegt, macht ihn menschlich, und dass er ohne Tonne, Martina und vor allem Heini Hasenfuß kein Bein auf den Boden brächte, weiß wohl niemand besser als er selbst.

          Es ist ein verwildertes Buch, das Paul Biegel vorgelegt hat, ein disparates, in dem sich doch am Schluss alles zueinanderfügt: Seemannsgarn, zu einem zierlichen Teppich gewebt, ein Hochgenuss beim Vorlesen und wie geschaffen zum endlosen Weitererzählen. Jetzt ist es in neuer Übersetzung (und leider einigen fragwürdigen Entscheidungen bei der Namensgebung), aber mit den alten Farbillustrationen wieder erschienen. Zur Freude aller, die ihre Liebe zu dieser Romantrilogie teilen wollen, nicht aber ihre kostbaren Exemplare. Wer wollte es uns verdenken?

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