http://www.faz.net/-gr3-6u4w3

„P. B. Shelleys Die Wolke“ von Dirk Steinhöfel : Wolkenbilder eines Schicksals

Bild: Oetinger

Dirk Steinhöfel hat zu Shelleys Gedicht „The Cloud“ eine phantastische graphische Reise geschaffen. Das Buch feiert das Leben und seinen andauernden Kreislauf.

          Was ist das? Ein Bilderbuch, eine Graphic Novel, ein illustriertes Gedicht? Alles das ist es, und eins noch obendrauf: ein Gewinn. Für die Kinder, für Erwachsene, für Leser oder bloße Betrachter, ja selbst speziell für Philologen. Denn allzu viele Eindeutschungen des 1820 vom englischen Romantiker Percy Bysshe Shelley geschriebenen Gedichts „The Cloud“ hat es noch nicht gegeben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Andreas Steinhöfel hat nun eigens für das Bilderbuch seines Bruders Dirk eine neue angefertigt, und die ist ihm im Großen und Ganzen gut gelungen. 84 Zeilen mit einem komplexen Schema, das zusätzlich zum Kreuzreim in dessen jeweils erster und dritter Zeile noch einen Binnenreim unterbringt, wollen erst einmal adäquat ins Deutsche gebracht werden.

          Nicht nur schön, sondern auch sehr klug

          Nehmen wir ein Beispiel aus diesem Lied der Wolke: „I am the daughter of Earth and Water, / And the nursling of the Sky; / I pass through the pores of the ocean and shores; / I change, but I cannot die.“ Eine ältere deutsche Übersetzung dieser vier Zeilen lautete: „Ich bin von der Erd’ und dem Meer geboren, / Ein Pflegling der Luft: ich flieh / Durch des felsigen Strandes, des Meeres Poren, / Ich wandle mich: sterbe nie.“ Weitgehend wortgetreu, aber vom Binnenreim keine Spur. Dagegen Andreas Steinhöfel: „Ich bin das Kind aus Luft und Wind, / die Tochter von Wasser und Erde; / ich trotze der Zeit mit Unsterblichkeit, / weil ich ewig vergehe und werde.“ Der Verzicht auf allzu strikte Inhaltstreue rettet das Reimschema, ohne dass dabei der Sinn von Shelleys Versen verändert würde.

          Es ist unbedingt notwendig, zuerst so viel zum Text dieses - nun doch! - Bilderbuchs zu sagen, denn seine Form resultiert aus Shelleys Vorlage. Wie Dirk Steinhöfel seine Bildergeschichte um einen Jungen auf der Suche nach einer Wettermaschine immer wieder als Wechsel von auf- und absteigenden Bewegungen des Helden anlegt, das entspricht der Zwitterstellung einer Wolke zwischen Erde und Himmel. Wie er die vier Elemente als Leitmotive der Geschichte einbringt, das entspricht der Naturmetaphorik von Shelleys Gedicht. Und wie er schließlich ganz konkrete Leitfäden in seine Seitenarchitekturen einspinnt, bildübergreifende Bestandteile, die als Bindeglieder zwischen den einzelnen Bildern dienen, das macht die Funktionsweise von gereimter Lyrik aufs Subtilste augenfällig. Dieses Buch ist nicht nur schön, es ist auch sehr klug.

          Ein Buch, an dem man wachsen kann

          Aufgebaut ist es wie ein Fotoalbum, und das liegt nicht am Fotorealismus seiner Zeichnungen. Altertümlich wirkende Einzelbilder in gedeckten Farben sind in unregelmäßiger Abfolge auf die Seiten verteilt. Das Prinzip erinnert an Shaun Tans Welterfolg „In einem neuen Land“, doch bei Steinhöfel werden die Bilder noch um etliches Beiwerk ergänzt: Details sind aus den Momentaufnahmen herausgelöst und wie plastisches Beiwerk inszeniert. Sie bilden die schon erwähnten Bindeglieder. Bisweilen sprengen die Figuren auch die Bildbegrenzungen, als wollten sie sich aus den Seiten lösen - wunderbares Abbild der abenteuerlichen Reise, die der Junge antritt und auf der er immer wieder vom gewohnten Pfad abweichen muss.

          Hilfe hat er dabei keine; es ist die Geschichte eines Einzelgängers. Bis dann kurz vor Schluss ein Mädchen dazukommt, das sich auch auf der Suche nach einer Wettermaschine befindet. Plötzlich wird Dirk Steinhöfels Bilderbuch zu etwas viel Größerem: zur Allegorie eines menschlichen Lebens, das nur in Generationen zu erfassen ist. Die letzten Worte (“und ihr Werk war vergebens“) werden Lügen gestraft.

          Noch einmal zurück zur Übersetzung: Dass sich da etwas zu häufig „Leben“ auf „Regen“ reimt oder die Silbenzahl nicht der des Originals entspricht, ist fürwahr ein kleines Opfer für diese anschauliche und vor allem angemessen wortgewaltige deutsche Version des großen Gesangs, den Shelley den Wolken aufs Gespinst geschrieben hat. Aber erst die Bilder von Dirk Steinhöfel leisten die eigentliche Übersetzung: von dem speziellen Motiv eines so veränderlichen und gleichzeitig derart machtvollen Naturphänomens wie den Wolken zum allgemeinen der Vergänglichkeit und doch auch schier unendlichen kreativen Kraft allen Lebens. An diesem Buch kann man wachsen. Und mit ihm auch, denn die Lektüre kennt nach oben keine Altersgrenze.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Rentner von heute bekommen noch ordentlich Rente.

          Aktion „Deutschlands Probleme“ : Die Rente ist ungerecht

          Die Jungen müssen zu viel zahlen, die Alten kriegen zu wenig Geld: Alle ärgern sich über die Rente. Wer hat recht, und wie kann die Altersvorsorge künftig funktionieren?

          Kommentar zur Koalition : Der Reigen der Reue

          Nach der SPD-Vorsitzenden Nahles gibt nun auch die Kanzlerin zu, in der Maaßen-Affäre einen Fehler gemacht zu haben. Auf ein das Jahr 2015 betreffendes Eingeständnis Merkels wird man aber wohl vergeblich warten.

          Studie über Kindesmissbrauch : Über die Täter

          Am Dienstag stellen die deutschen Bischöfe eine Studie über Kindesmissbrauch vor. Nur ein Viertel der Fälle wird beleuchtet – doch schon das hat es in sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.