Home
http://www.faz.net/-gr3-73bhg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Oh. mein. Gott.“ von Meg Rosoff Zum Beten ins Bad

Vom großen Uhrmacher keine Spur: In Meg Rosoffs neuestem Roman ist Gott ein verliebter Teenager. Und der setzt Prioritäten.

© Fischer Vergrößern

Gott ist nicht etwa tot, er findet auch nicht nur einfach keinen Parkplatz, wie ein Graffito der achtziger Jahre nahelegt. Folgt man der amerikanischen Jugendbuchautorin Meg Rosoff, hat er wahrscheinlich noch nicht einmal einen Führerschein. In ihrem neuen Roman heißt Gott Bob und ist ein halbwüchsiger Nichtsnutz, der den Job von seiner Mutter zugeschanzt bekommen hat, die ihn wiederum beim Poker gewonnen hatte. Eine Stellenausschreibung wäre auf einen einzigen Anwärter hinausgelaufen, der allerdings keinen Fürsprecher fand. Man darf das aber nicht überbewerten: Die Erde hat einfach keine gute Lage, „weitab vom Schuss, in einem einsamen und ziemlich heruntergekommenen Winkel des Universums“.

Fridtjof Küchemann Folgen:      

Unsere Welt als Schöpfung eines Teenagers, das ist die kuriose Setzung, die Meg Rosoffs Roman „Oh. mein. Gott.“ seinen Schwung verleiht. Dass Bob sich mal wieder verliebt hat, nach bester Götterart in ein Menschenmädchen, die hinreißende Tierpflegerin Lucy, gibt dem Buch seine Richtung: Mittags hält Mr. B., der die Stelle Gottes nicht bekommen hatte, wohl aber den verhassten Job als Bobs Assistent, Frühstücksflocken und Tee für den Langschläfer bereit, der sich in seinem Zimmer stöhnend hin und her wirft: „Seit er Lucy gesehen hat“, schreibt Rosoff, „schläft er unruhig, und die sexuelle Begierde hat ihn voll im Griff. Die Verwandlung vom bedürftigen Teenager zur Massenvernichtungswaffe ist fast vollendet.“

Unerwartet: Meg Rosoff geht in die Vollen

Was kümmert es den Jungen, ob seine Gefühlsschwankungen überall auf der Welt zu Dürrekatastrophen, Frostschäden, Ernteausfällen und Sintfluten führen? Was kümmern ihn die Toten und die Obdachlosen? Er ist verliebt, ihn kümmert nicht einmal, dass seine Mutter und sein Assistent ihm Lucy auszureden versuchen, hat es doch noch jedes Mal ein schlimmes Ende genommen, wenn er das Herz einer Sterblichen in Stier- oder Adlergestalt gewinnen wollte. Diesmal wird Bob es besser machen, weiß er. Während Lucy die Intensität ihrer Begegnungen als zunehmend bedrohlich empfindet, sich zuletzt ins Badezimmer flüchtet. Und betet.

In ihrem fünften Roman geht Rosoff unerwarteter Weise in die Vollen: Mit der lakonischen Schöpfungsgeschichte und ihrem nervenaufreibenden Verwaltungsnachspiel; den Streitereien zwischen Bob und seiner trunk- und spielsüchtigen Mutter; mit der mit einiger Strahlkraft geschilderten Liebesgeschichte zwischen Bob und Lucy. Doch dieses Feuerwerk, aller Witz, all die Überdrehtheit, überlagert nicht etwa das Feine dieses Buchs, sondern stellt es geradezu heraus: Im Kern ist es das Porträt eines jungen Mannes in seiner Verletzlichkeit und Kraft, seiner Schutzbedürftigkeit und Verspieltheit, seiner Ausstrahlung und dem Abstoßenden seiner Nachlässigkeit. Bob fühlt sich wie Gott. Setzt das Leben aufs Spiel. Und das ist nicht weit hergeholt in diesem Alter.

Meg Rosoff: „Oh. mein. Gott.“ Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 240 S., geb., 14,99 €. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Video-Filmkritik Die Gesetze der Begierde

In seinem Film Eine neue Freundin erzählt François Ozon eine Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einer Frau, die ein Mann ist. Ein Spiel mit Geschlechterrollen - und mit dem Kino. Mehr Von Andreas Kilb

25.03.2015, 17:30 Uhr | Feuilleton
Kein Führerschein Hohe Strafe für Reus

Jahrelang ist Marco Reus ohne Führerschein gefahren - jetzt wurde er bei einer Kontrolle erwischt und muss für wiederholtes Fahren ohne Führerschein 540.000 Euro Strafe zahlen. Mehr

21.12.2014, 11:16 Uhr | Sport
Frédéric Beigbeder Zu viele Drogen, zu viel Paris, zu viel von allem

Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder hat einen Roman über J. D. Salinger und dessen Liebe zur 15-jährigen Oona O’Neill geschrieben und plädiert für Beziehungen mit großem Altersunterschied. Mehr Von Anne Ameri-Siemens

16.03.2015, 11:30 Uhr | Feuilleton
Berliner Zoo Besucher lernen Orang-Utan-Baby Rieke kennen

Rieke, das Orang-Utan-Baby, ist im Berliner Zoo den Besuchern vorgestellt worden. Dort bleibt es allerdings nicht lange: Rieke soll mit anderen Orang-Utans in England aufwachsen. Ihre Mutter kümmert sich nicht um das Kleine. Mehr

08.02.2015, 14:07 Uhr | Gesellschaft
Fußball-Talentreport (6) Großes Bussi vom lieben Gott

Beim FC Bayern führt der Weg von der Nachwuchsabteilung zu den Profis durch ein Nadelöhr. Ein, zwei Ausnahmekönner pro Jahr sind das Ziel – und für den Schuldirektor ein echtes Dilemma. Mehr Von Christian Eichler, München

30.03.2015, 18:27 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.10.2012, 12:00 Uhr