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Nikolaus Heidelbachs Kinderbuch : Tod von vorne, Torte von hinten

Nikolaus Heidelbach: „Arno und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2016. 64 S., geb., 29,95 €. Ab 6 J. Bild: Verlag Beltz & Gelberg

Keine Fragen, aber Antworten auf solche, die man sich nie zu stellen vorstellte: Nikolaus Heidelbach schickt „Arno“ und seine Leser in Abenteuer mit unbeschränkter Phantasie.

          Eine rosa Hüpfburg, falsch rum und in Zeitlupe, dafür ist man doch mit sieben Jahren schon zu alt? Nicht, wenn aus dem rosaschleimigen Klumpen ein Riesenmonster mit Glotzaugen und spitzen Zähnen im Maul wird. Ehrlich gesagt ist dieser Riesenkaugummi das Einzige, was Arno Schmidt, der im Übrigen noch nicht einmal ganze sieben Jahre alt ist, wirklich Angst macht. Man kann es ihm nicht verdenken. Der rosaglänzende, Fäden ziehende Klumpen sieht, vor einer beinahe ebenso furchterregenden Tapete in Lila und Grün plaziert, wirklich schauerlich aus. Rotgeränderte Augen starren gierig auf Arno, der sich zu befreien versucht. Und auch wenn Arno nicht recht erkennen kann, was die seltsamen weißen Stäbe in einer Zimmerecke sein sollen - wir erkennen es auf dem Bild sofort: Es sind feinsäuberlich abgenagte Knochen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Zeichner und Erzähler Nikolaus Heidelbach hat, im Gegensatz zu Arno, ausgesprochen viel Spaß an diesem rosa Schleimmonster. Auch an einem falschen Kamel, einem Schuhschnabel, einem weiblichen Geldbeutel, also eher einer Börse, die an Cent-Stücken mäßig, an Arnos Sparschwein aber ausnehmend interessiert ist. Weshalb sie dann doch ihren Verschluss öffnet und Arno versteckt, als der Schleimgigant mit rosa Tentakeln nach seinem „Happen“ sucht. Ihr Ehemann ist übrigens Chef Beck, der imposant klingt, aber doch nur ein Zwerg im Unterhemd ist. Dies, wie vieles andere, stellt sich erst nach und nach heraus. Und Arnos Eltern, die das Ganze, buchstäblich, angezettelt haben, ahnen nicht, was ihr Sohn an diesem „Tag der Überraschungen, Gefahren und Abenteuer“ erlebt.

          Er spielt mit allem, was er hat

          Die Leser aber und Betrachter dieses in jeder Hinsicht den Rahmen sprengenden Buches namens „Arno und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung“ sind dabei, ja geradezu mittendrin. Denn Heidelbach verbindet in seinem jüngsten großformatigen Werk seine zeichnerische Akribie, die regelrecht sachliche Detailgenauigkeit, mit einer Phantasie, der nur durch eines Grenzen gesetzt sind: durch eine Struktur der Fülle, eine regelrechte ökonomische Balance all der Mittel von Wort und Bild, Schriftbild und Zeichnung, aus denen er, Zeichner, Erzähler und Typograph in einem, wiederum mit der größtmöglichen Freiheit schöpft. Deshalb sehen wir zum Beispiel eine im Querschnitt gezeichnete Höllenmaschinen-Geisterfahrt, die nachträglich durch Wortkaskaden erklärt wird, von der Falltür bis zum Schleudersitz und dazwischen „Tod von vorne, Torte von hinten“. Aber Arno stirbt nicht - nicht zu Beginn, als er aufwacht, weil er gerade, von oben zu sehen, unter einer dicken Puppe erstickt, und auch nicht am Ende. Denn im Weiterlesen und -schauen ist nicht nur Arno sicher, dass ihm nichts Schlimmes geschehen wird.

          Das ist beruhigend, denn es gibt auch Beunruhigendes in der Geschichte, mit der Heidelbach schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres Grenzen sprengt, die ihm Genres, Kooperationen mit anderen Autoren oder auch er selbst auferlegen könnten. Nicht so wie in „Rosel von Melaten“, dem zuvor erschienenen Buch von dem Gespenstermädchen, das misshandelten Kindern zu Hilfe kommen will. Aber auch bei „Arno“ ist die Frage, ob es sich denn um ein Kinderbuch handle, egal. Es ist ein Buch, das alle, die Phantasie, Ironie und ein wenig Grusel zu schätzen wissen, magisch anziehen muss, ob sie nun sieben sind oder, wie Heidelbach, 60. Man möchte meinen, er habe sich, gewissermaßen in seinem Jubiläumsjahr, die Freiheit genommen, mit allem zu spielen, was er hat.

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