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„Nichts bleibt“ von Sara Zarr Sehnsuchtsort Baumarkt

Bist du nicht die Tochter vom Pfarrer? In „Nichts bleibt“ besucht Sara Zarr eine Kleinstadt mit sieben Kirchen und eine Familie mit alkoholkranker Mutter.

© Aufbau Vergrößern

Die fünfzehnjährige Samara lebt in der amerikanischen Kleinstadt Pine View. Es gibt dort eine Durchgangsstraße mit ein paar Läden, ein Rathaus, an dem die Zehn Gebote angeschlagen sind, und sieben Kirchen. Samaras Vater Charlie Taylor ist einer der örtlichen Pfarrer, ein äußerst beliebter, und sie selbst ist in einer Atmosphäre aufgewachsen, die von der Arbeit in der Gemeinde geprägt war - Kirchenchor, Gesangbücher verteilen, Jugendgruppe und dergleichen mehr. Sie ist es gewohnt, von Nachbarn und Freunden primär als Tochter des Pfarrers wahrgenommen zu werden. Und registriert aufmerksam, wie ihr Vater seinem Amt auch im Privaten gerecht zu werden versucht.

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Doch Samaras Welt ist längst schon aus den Fugen geraten, als der Roman „Nichts bleibt“ der amerikanischen Schriftstellerin Sara Zarr einsetzt: Ihre Mutter befindet sich seit einigen Wochen in einer Entzugsklinik, was keiner in Pineview wissen soll und jeder weiß. Das Geld wird knapp, während im Pfarrhaushalt alles zusammenbricht, vom Deckenventilator bis zum Fernseher.

Zarrs Roman schildert aus Samaras Perspektive sechzehn unangenehm heiße Sommertage kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs, erzählt im Präsens, aber immer wieder von Rückblicken auf die vergangenen Wochen unterbrochen.

Sie müssen darüber reden

Das äußere Drama, das diese Zeit für die Stadt Pineview prägt, ist das spurlose Verschwinden der dreizehnjährigen Jody an einem Sonntagnachmittag, gefolgt vom Einfall der Fernsehjournalisten mit ihren Livesendungen und Interviewanfragen, für die wie selbstverständlich Samaras charismatischer Vater bereitsteht. Im Verlauf der Ermittlungen wird Jodys älterer Bruder Nick verdächtigt, auch Pfarrer Taylor muss wiederholt vor den Ermittlern aussagen.

Daneben aber erschüttern die äußeren Umbrüche auch Samaras Gewissheiten über das Leben in Pineview, über ihre Familie und vor allem über die Rolle, die ihr Vater übernommen hat und der er offensichtlich nicht gewachsen ist. Gewohnt, sich seit Jahren um die alkoholkranke Mutter zu kümmern, sie vor den Nachbarn abzuschirmen und das Auf und Ab ihrer Verfasstheit zu erkennen, um darauf zu reagieren, fragt sie nun (und, wie es scheint, zum ersten Mal) nach dem Anteil, den ihr Vater daran hat. Sie konfrontiert ihn mit seinen Versprechungen, sich irgendwann um die familiären Probleme zu kümmern oder wenigstens darüber mit der längst darin verstrickten Tochter zu reden. Und sie sieht ihm im Fernsehen beim Lügen zu.

Eine Kapitulationserklärung

„Gemeinschaft entsteht durch Offenheit. Und Ehrlichkeit“, das hat Samaras Vater oft genug in der Kirche verkündet, und was die feine Zeichnung einer Gesellschaft betrifft, in der die Verwobenheit von Religion und den daraus abgeleiteten Ansprüchen ans tägliche Miteinander zu massiven Problemen all derer führt, die sich dem entziehen wollen, ist der Autorin ein großer Wurf gelungen. Samaras Mutter jedenfalls erträgt genau dies nicht mehr: die Forderung nach umfassender Transparenz, die sich bis auf ihre persönlichen Supermarkteinkäufe erstreckt, die Hilfsbereitschaft einer Gemeinde, die unmerklich in Kontrolle übergeht, schließlich die Erwartung, als Frau ihres exponierten Mannes ebenso repräsentieren zu müssen, ohne dabei auf Distanz gehen zu dürfen. In dieser Atmosphäre schmeckt der gern benutzte und sicher grundernst gemeinte Satz „Wir beten für dich“ nach Übergriff. Die Frau des Offenheit predigenden Charlie Taylor lässt sich jedenfalls ihre Bloody Mary in einem unauffälligen Glas servieren und versteckt die leeren Weinflaschen in der Garage.

Weil all dies von einer Erzählerin auf uns kommt, die in dieser Atmosphäre groß geworden ist und nun mit ihr hadert, ist auch ihre Sprache mitunter von einer biblischen Metaphorik durchzogen - so beginnt das Buch mit einer Beschreibung der großen Dürre, die über Pineview im Allgemeinen und den Garten der Taylors im Speziellen gekommen ist, und endet mit den dortigen zaghaft aufblühenden Gewächsen. Literarisch ist das konsequent, vor allem, weil Sara Zarr diese Bilder weiterentwickelt und aller Eindeutigkeit beraubt. Denn was ist gegen die Dürre einzuwenden, wenn es bei ihrer Mutter darum geht, „trocken“ zu werden und zu bleiben? Und wenn Samara in ihren massiven Zweifeln die Ohnmacht der oft beschworenen „Hand Gottes“ konstatiert, wenn es um das Drama ihrer Mutter geht, während auf „den langen Arm des Gesetzes“ Verlass ist, dann ist das eine bemerkenswerte Aussage, am besten zu verstehen angesichts der Ohnmacht von Pfarrer Taylor. Dessen ständiger Seufzer „Wahrscheinlich sollte ich mir das alles mal ansehen“ jedenfalls kann man sich ohne weiteres als Kapitulationserklärung vor allem deuten, was sich durch salbungsvolle Worte nicht fortschieben lässt.

Es gehört zur Raffinesse der Autorin, dass sie keine ihrer Figuren denunziert und besonders die Mitglieder von Samaras Jugendgruppe differenziert zu zeichnen weiß - mit aller Unbedingtheit, Wahrheitsliebe und dem dringenden Wunsch nach klaren Worten, den ausgerechnet die geschmeidige Jugendgruppenleiterin unterläuft.

So avanciert nicht zufällig der örtliche Baumarkt zum geheimen Sehnsuchtsort Samaras, weil es dort „für alles, was man zusammenfügen und reparieren kann, etwas gibt“. Und hätte sich Sara Zarr den leider etwas zu versöhnlichen Schluss geschenkt, wäre „Nichts bleibt“ ein großer Roman geworden.

Sara Zarr: „Nichts bleibt“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Feldmann. Aufbau Verlag, Berlin 2012. 256 S., br., 14,99 €. Ab 13 J.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 29.06.2012, 15:30 Uhr