http://www.faz.net/-gr3-71bz4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.07.2012, 15:40 Uhr

„Nicht jetzt, niemals“ von Ursula Dubosarsky Das bleibt unser kleines Geheimnis, nicht wahr?

Gedichte lesen im Park, und in Vietnam tobt der Krieg: Mit „Nicht jetzt, niemals“ hat die australische Autorin Ursula Dubosarsky einen feinen Bildungsroman um elf Mädchen und ihre Lehrerin geschrieben.

von
© Ueberreuter

Wie wichtig Lehrer sind, begreift man oft erst später im Leben. Zu Schulzeiten wird die aufkeimende Erkenntnis, dass man über bestimmte Fragen, von einem besonderen Lehrer gestellt, viel lieber nachdenkt als über andere, häufig noch vom Überdruss an Hausaufgaben und Klassenarbeiten erdrückt. Erst wenn man die Schule längst verlassen hat, reift die Einsicht, dass ein persönliches Interesse, vielleicht gar eine Leidenschaft, einem einzelnen Lehrer zu verdanken ist, der es verstanden hat, zur richtigen Zeit die richtigen Impulse zu geben. Es gibt Lehrer, die man deswegen nicht vergisst. Zu ihnen gehört Miss Renshaw.

Lena Bopp Folgen:

Sie ist die Lehrerin in dem schmalen Buch „Nicht jetzt, niemals“, das die australische Autorin Ursula Dubosarsky geschrieben hat und das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. „Miss Renshaw“, heißt es dort auf den ersten Seiten, „war groß, edel und stark. Ihr Haar war rot und lockig. Sie war wie eine Löwin. Sie stand an der Tür zum Klassenzimmer und wartete, dass die kleinen Mädchen ihre breitkrempigen Hüte mit den blauen Bändern fanden, während sie sich darauf vorbereiteten, die Sicherheit des Schulgebäudes zu verlassen.“

Von wegen Lustwandeln und Gedichte

Damit ist schon sehr viel über Miss Renshaw gesagt: Sie ist eine respekteinflößende Frau, für die die Behaglichkeit sicherer Orte keine Verlockung darstellt. Im Gegenteil: Was sie auszeichnet, ist ein Hang zum Ungewöhnlichen. Das betrifft nicht nur die Menschen, mit denen sie sich umgibt, sondern auch ihre Unterrichtsmethoden.

An dem schönen Sommertag 1967, an dem die Geschichte beginnt, führt Miss Renshaw ihre elf Schülerinnen - es sind ausschließlich Mädchen - hinaus in die Ena Thompson Memorial Gardens, von denen aus man einen wunderbaren Blick auf die anrollenden Pazifikwellen hat. Hier sollen ihre Schülerinnen lernen, so lustzuwandeln, wie Miss Renshaw es dort gern tut, sprich: Sie sollen sich treiben lassen und über das, was sie sehen, hören und fühlen, ein Gedicht verfassen. Doch die Mädchen sind, wenn auch noch nicht mal zwölf Jahre alt, weit weniger naiv, als Miss Renshaw das gern glauben möchte. Von wegen Lustwandeln und Gedichte: Sie wissen genau, dass Miss Renshaws Interesse in Wahrheit dem Gärtner Morgan gilt, der in dem Park arbeitet. Manchmal erzählt Morgan den Mädchen Geschichten oder liest ihnen Gedichte vor, die er selbst verfasst hat. Miss Renshaw sagt dann: „Wir erzählen unseren Eltern oder anderen Lehrern nichts von diesen Treffen mit Morgan, nicht wahr, Mädchen?“ Die Treffen sind geheim. Warum sie geheim sind, sagt Miss Renshaw nicht.

Glaubst du an Geister?

Wie sich zeigt, funktioniert ihre Beschwörung, die sich als unheilvoll herausstellen soll, aber auch ohne gute Begründung. Denn selbst als Morgan die ganze Klasse an diesem Sommertag in eine nahe gelegene Höhle führt, in der noch uralte Zeichnungen von den Aborigines zu sehen sein sollen; selbst als die Mädchen diese Höhle irgendwann allein verlassen müssen, weil sie ihnen unheimlich wird; selbst als sie schließlich ohne Miss Renshaw an die Schule zurückkehren und selbst als die Direktorin die Mädchen dringend bittet, ihr zu erzählen, was passiert sei und wo ihre Lehrerin geblieben sei - selbst da schweigen die Mädchen. Erst dem Schulpsychologen gelingt es, den wochenlangen, zähen Widerstand zu brechen und die Wahrheit herauszukitzeln - und zwar aus dem schwächsten der elf Mädchen. Doch was ist die Wahrheit? Was ist in der Höhle geschehen? Wo sind Miss Renshaw und Morgan? Wird man sie wiedersehen? Und was geschieht, wenn man das alles nie erfährt? Das sind die Fragen, um die es hier geht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Das Ende der Gruppe 47 Literatur? Alles läppisch

Vor fünfzig Jahren versetzte ein junger Schriftsteller, den viele für ein Mädchen hielten, der Gruppe 47 einen Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholte. Ein Besuch in Princeton, wo Peter Handke Furore machte. Mehr Von Jürgen Kaube

22.04.2016, 15:41 Uhr | Feuilleton
Cosplay Gamer-Branche feiert sich selbst in München

Zur Verleihung des Deutschen Computerspielpreises hat sich in München das Who is Who der deutschen Gamer-Branche die Ehre gegeben. Spiele-Fans konnten dabei zeigen, dass sie nicht nur in der virtuellen Welt zuhause sind. Mehr

10.04.2016, 20:54 Uhr | Gesellschaft
Kurs für Hauptschüler Benimm dich, Alter!

In der Frankfurter Villa Bonn lernen Hauptschüler, wie man das Besteck richtig hält. Und dass Manieren gar nicht so uncool sind. Mehr Von Livia Gerster

26.04.2016, 12:38 Uhr | Rhein-Main
Video Ein Whistleblower im Kampf gegen Steueroasen

Mit ihrer Hilfe haben Steuerbehörden weltweit Milliarden eingetrieben: Whistleblower, die Daten über dunkle Bankgeschäfte preisgeben. Für Finanzinstitute allerdings sind sie Verräter, die gegen das Bankgeheimnis verstoßen. Ein international bekannter Whistleblower ist Rudolf Elmer – früher selbst Banker, heute Kritiker der Branche. Mehr

06.04.2016, 16:37 Uhr | Wirtschaft
Vietnamesischer Gastronom Die Sehnsucht des Flüchtlings

Monsieur Vuong ist über die Grenzen Berlins hinaus längst eine Instanz – aus New York, Tel Aviv, London oder Moskau kommen Angebote rein. Aber die Geschichte des Vietnamesen ist selbst Stammgästen unbekannt. Mehr Von Ursula Heinzelmann

05.05.2016, 17:52 Uhr | Stil