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„Nicht jetzt, niemals“ von Ursula Dubosarsky : Das bleibt unser kleines Geheimnis, nicht wahr?

Bild: Ueberreuter

Gedichte lesen im Park, und in Vietnam tobt der Krieg: Mit „Nicht jetzt, niemals“ hat die australische Autorin Ursula Dubosarsky einen feinen Bildungsroman um elf Mädchen und ihre Lehrerin geschrieben.

          Wie wichtig Lehrer sind, begreift man oft erst später im Leben. Zu Schulzeiten wird die aufkeimende Erkenntnis, dass man über bestimmte Fragen, von einem besonderen Lehrer gestellt, viel lieber nachdenkt als über andere, häufig noch vom Überdruss an Hausaufgaben und Klassenarbeiten erdrückt. Erst wenn man die Schule längst verlassen hat, reift die Einsicht, dass ein persönliches Interesse, vielleicht gar eine Leidenschaft, einem einzelnen Lehrer zu verdanken ist, der es verstanden hat, zur richtigen Zeit die richtigen Impulse zu geben. Es gibt Lehrer, die man deswegen nicht vergisst. Zu ihnen gehört Miss Renshaw.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie ist die Lehrerin in dem schmalen Buch „Nicht jetzt, niemals“, das die australische Autorin Ursula Dubosarsky geschrieben hat und das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. „Miss Renshaw“, heißt es dort auf den ersten Seiten, „war groß, edel und stark. Ihr Haar war rot und lockig. Sie war wie eine Löwin. Sie stand an der Tür zum Klassenzimmer und wartete, dass die kleinen Mädchen ihre breitkrempigen Hüte mit den blauen Bändern fanden, während sie sich darauf vorbereiteten, die Sicherheit des Schulgebäudes zu verlassen.“

          Von wegen Lustwandeln und Gedichte

          Damit ist schon sehr viel über Miss Renshaw gesagt: Sie ist eine respekteinflößende Frau, für die die Behaglichkeit sicherer Orte keine Verlockung darstellt. Im Gegenteil: Was sie auszeichnet, ist ein Hang zum Ungewöhnlichen. Das betrifft nicht nur die Menschen, mit denen sie sich umgibt, sondern auch ihre Unterrichtsmethoden.

          An dem schönen Sommertag 1967, an dem die Geschichte beginnt, führt Miss Renshaw ihre elf Schülerinnen - es sind ausschließlich Mädchen - hinaus in die Ena Thompson Memorial Gardens, von denen aus man einen wunderbaren Blick auf die anrollenden Pazifikwellen hat. Hier sollen ihre Schülerinnen lernen, so lustzuwandeln, wie Miss Renshaw es dort gern tut, sprich: Sie sollen sich treiben lassen und über das, was sie sehen, hören und fühlen, ein Gedicht verfassen. Doch die Mädchen sind, wenn auch noch nicht mal zwölf Jahre alt, weit weniger naiv, als Miss Renshaw das gern glauben möchte. Von wegen Lustwandeln und Gedichte: Sie wissen genau, dass Miss Renshaws Interesse in Wahrheit dem Gärtner Morgan gilt, der in dem Park arbeitet. Manchmal erzählt Morgan den Mädchen Geschichten oder liest ihnen Gedichte vor, die er selbst verfasst hat. Miss Renshaw sagt dann: „Wir erzählen unseren Eltern oder anderen Lehrern nichts von diesen Treffen mit Morgan, nicht wahr, Mädchen?“ Die Treffen sind geheim. Warum sie geheim sind, sagt Miss Renshaw nicht.

          Glaubst du an Geister?

          Wie sich zeigt, funktioniert ihre Beschwörung, die sich als unheilvoll herausstellen soll, aber auch ohne gute Begründung. Denn selbst als Morgan die ganze Klasse an diesem Sommertag in eine nahe gelegene Höhle führt, in der noch uralte Zeichnungen von den Aborigines zu sehen sein sollen; selbst als die Mädchen diese Höhle irgendwann allein verlassen müssen, weil sie ihnen unheimlich wird; selbst als sie schließlich ohne Miss Renshaw an die Schule zurückkehren und selbst als die Direktorin die Mädchen dringend bittet, ihr zu erzählen, was passiert sei und wo ihre Lehrerin geblieben sei - selbst da schweigen die Mädchen. Erst dem Schulpsychologen gelingt es, den wochenlangen, zähen Widerstand zu brechen und die Wahrheit herauszukitzeln - und zwar aus dem schwächsten der elf Mädchen. Doch was ist die Wahrheit? Was ist in der Höhle geschehen? Wo sind Miss Renshaw und Morgan? Wird man sie wiedersehen? Und was geschieht, wenn man das alles nie erfährt? Das sind die Fragen, um die es hier geht.

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