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Neues von Zoran Drvenkars Kurzhosengang Mumien, wollt ihr ewig leben?

 ·  Zwei gute Nachrichten: Die Kurzhosengang ist wieder da. Und ihr Schöpfer Zoran Drvenkar hat auch in „Das Totem von Okkerville“ nichts von seiner Klasse verloren.

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Mal angenommen: Wir sitzen in einer Lokomotive, die ungefähr einhundert Jahre in einem Schuppen im tiefsten kanadischen Wald vor sich hin rostete und die jetzt, nachdem wir sie auf wundersame Weise wieder flottbekommen haben, durch die verschneite Welt pflügt - den Schnee, der vor ihr die Gleise meterhoch bedeckt, schaufelt sie dabei mit großen, mechanisch betriebenen Schippen selbst zur Seite. Wie würde sich das anfühlen?

Vielleicht wie ein Zeitlupenflug durch eine persilweiße Mondlandschaft? Wie eine wahr gewordene Szene aus „Harry Potter“, in der die Freunde zu sehen sind, die sich spontan entschieden haben, lieber den Zug zu nehmen, um aus den Weihnachtsferien zurück nach Hogwarts zu gelangen? Wie ein Traum? Vielleicht ein bisschen wie alles zusammen? Vermutlich Letzteres, und weil wir, die gemeinen Menschen, in jedem Fall unseren fünf Sinnen nicht trauen würden, kämen wir niemals auf die Idee, die Szenerie einfach zu verschlafen. Die vier Jungs aber, denen dieses Abenteuer widerfährt, tun genau das. Snickers, Zement, Rodolpho und Island lehnen sich an den warmen Kohleofen und dösen weg. Das kann nur verzeihen, wer weiß, welchen Weg sie zurückgelegt haben, bis sie an jener verlassenen Lok angekommen sind - es war eine Reise, die sie quer durch Kanada geführt hat, von Okkerville, wo sie zu Hause sind, bis nach Kotzebue, das man sich wohl als das Buxtehude von Kanada vorstellen muss, als eine Stadt am Rande des Universums also, von der man eigentlich immer dachte, dass es sie gar nicht wirklich gibt.

Pünktlich zum zwölften Geburtstag

So viel Irrfahrt macht müde, zugegeben. Weniger Odyssee wäre aber auch nicht standesgemäß gewesen für die Jungs von der Kurzhosengang, die jetzt, nach sechs Jahren Pause, wieder unterwegs sind. Zweimal hat Zoran Drvenkar seine Mannen schon auf die Reise geschickt, 2004 erschien das erste Abenteuer der Kurzhosengang, das dem Autor gleich den Jugendliteraturpreis einbrachte, zwei Jahre später folgte das zweite Buch. Danach hat Drvenkar gemacht, was er (neben dem Schreiben von Kinderbüchern) am liebsten tut: Er hat Thriller verfasst, und zwar solche von der recht blutrünstigen Sorte. Für ihn, das hat er in einem Interview einmal gesagt, sei das Kinderbuchschreiben eine Erholung. Wenn ihm die eigenen Krimis zu sehr zusetzen, findet er Ruhe im Kinderbuchschreiben, obwohl er, auch das gab er bei der Gelegenheit zu, Kinder „gar nicht mal so mag“.

Das ist ein bemerkenswertes Bekenntnis für jemanden, der eine so erfolgreiche Gang geschaffen hat wie jene der Kurzhosen. Womöglich liegt in dieser Herangehensweise aber auch das Geheimnis für den Erfolg seiner Bücher, denn die sind zwar voller schöner Phantasien - von denen die sich selbst den Weg bahnende Lok nur ein Beispiel ist -, sie sind aber auch in einer Weise schonungslos, wie man es von Jugendbüchern nicht erwartet. In „Die Kurzhosengang & Das Totem von Okkerville“ müssen die vier Jungen natürlich wieder etliche Abenteuer bestehen, um ihre Stadt vor Schaden zu bewahren und vor allem um Island zu helfen, den pünktlich zu seinem zwölften Geburtstag der erste wirkliche Ernst des Lebens erwartet. Dabei begegnen sie dem Bösen aber nicht in Form von höheren Mächten, etwa Zauberern oder Hexen. Vielmehr ist das Böse ein alter Mann mit durchaus nachvollziehbaren Motiven. Er ist 126 Jahre alt, heißt „die Mumie“ und hat ein Buch über die Kraft des Totems gelesen, das im Zentrum von Okkerville steht. Nun weiß er, dass jener von Stadtgründer Francesco Pigotti geschaffene Talisman über heilende Kräfte verfügt. Und er hofft, seine eigenen Gebrechen lindern zu können, indem er in den Besitz des Totems gelangt. Er träumt von einer zweiten Jugend, mehr noch: Er träumt von Unsterblichkeit.

Mit Gut und Böse ist es nicht so einfach

Wie könnte man ihm das verübeln? So kommt hinter dem Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen der Kurzhosengang auf der einen und der verfeindeten Pauligang auf der anderen Seite, ein anderes Problem zum Vorschein, nämlich die Schwierigkeit, die Welt in so einfache Kategorien wie Gut und Böse überhaupt zu unterteilen. Und genau diese Komplexität birgt die Möglichkeit zur Versöhnung, die sich Zoran Drvenkar immer offenhält. Sein Buch bricht mit der Rollenverteilung all der He-Man-, Batman- und Superman-Geschichten und erzählt von vier Jungs, denen neben allen phantastischen Begebenheiten auch zutiefst menschliche Dinge begegnen - die Möglichkeit des Scheiterns, der Zweifel, der Tod.

Wie man alledem am besten entgegentritt, zeigt Zoran Drvenkar allerdings auch. Humor und Selbstironie helfen hier jedenfalls immer weiter, genauso wie Treue, Loyalität und Freundschaft. Das gibt dem Buch zuweilen zwar einen recht pädagogischen Anstrich. Doch am Ende hält es eine schöne Balance zwischen einem Kinderparadies und den Zumutungen des Lebens.

Zoran Drvenkar: „Die Kurzhosengang & Das Totem von Okkerville“. Illustrationen von Martin Baltscheit. Cbj-Verlag, München 2012. 512 S., geb., 15,99 €. Ab 10 J.

Quelle: F.A.Z.
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