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Neue Kinderreime von Franz Hohler : Scherz und Terz, direkt ins Herz

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Dieser Mann ist eine Marke, nicht nur in der Schweiz: Franz Hohler hat neue Kinderreime geschrieben, die Sprache in Juchzer verwandeln, und Kathrin Schärer hat Bilder dafür gefunden.

          „Es war einmal ...“ ist ein Versprechen. Geschichten, die so beginnen, holen mit diesem märchenhaften Auftakt erst einmal tief Luft und erzählen dann von gefährlichen Abenteuern, weiten Reisen und längst vergangenen Zeiten. Meistens jedenfalls. Aber in der Schweiz, wo das ausufernde Erzählen bekanntlich nicht beheimatet ist, lässt sich das Genre munter auf den Kopf stellen. Denn in der Schweiz, da lebt Franz Hohler, Schriftsteller, Kabarettist und Menschheitsbeglücker. Dafür ist der Bieler des Jahrgangs 1943 unlängst sogar mit einer eigenen Briefmarke - Wert: 1 Franken; Text, in deutsch und französisch: „Es war einmal ein Zwerg, der war 1,89 m groß“ - geehrt worden.

          Wer schon länger keine Post mehr aus Helvetien bekommen hat, kann sich das auf Hohlers „Hausseite“ im Internet ansehen, deren Besuch allen Erheiterungsbedürftigen ohnedies empfohlen sei, auch wenn man dort erfährt, dass selbst er, was man gern angenommen hätte, „auch nicht die ganze Zeit fröhlich“ sei, und dass er außerdem derzeit versuche, „etwas pensionierter“ zu werden.

          Mini-Dramolette aus dem Tierreich der Phantasie

          Daraus wird hoffentlich nichts. Und es sieht auch nicht danach aus, denn soeben ist mit „Es war einmal ein Igel“ taufrischer Hohler-Nonsense erschienen: vierzig Kinderreime, malerisch kongenial in Szene gesetzt von Kathrin Schärer. Es sind Mini-Dramolette aus dem Tierreich der Phantasie in maximal fünf Couplets, und man muss sie laut lesen, damit sie ihren ganzen Albernheits- und Herumblödel-Charme entfalten können. Getreu dem bewährten Kunstprinzip „Reim dich, oder ich fress' dich“, geht das dann zum Beispiel so: „Es war einmal ein Dachs / Der aß am liebsten Lachs. // Doch gab es das fast nie. / Da sprach er: ,Irgendwie // Ist's ohne Lachs fast schöner.' / Jetzt aß er nur noch Döner.“ Darüber sieht man einen auf stämmigen Hinterpfoten stehenden Dachs mit einer langen Schnauze - Kathrin Schärer hat ein Faible für Tiernasen - und einem fetttriefenden Döner in der Pfote.

          Und was hat es mit dem Huhn auf sich, das auf dem Klo sitzt und angestrengt drückt? „Es war einmal ein Huhn / Das hatte nichts zu tun. // Da sagte ihm Frau Meier: / ,Komm, leg mir doch zwei Eier!' // Da ging das Huhn ins Klo / Und sagte laut: ,So, so!' // Die Eier legt es munter / Und spült sie dann hinunter.“ Nebenan hockt ein Kälbchen am See und schaut glücklich auf die Bratwurst, die es im Huf hält; die Spatzen warten auf die ersten Krumen der Mahlzeit. Der Vers dazu macht klar, wie es dazu kam: „Es war einmal ein Kalb / Das lebte auf der Alb. // Einst hatte es genug / Da fuhr es mit dem Zug / / Am Sonntag bis nach Genf / Und aß dort Wurst mit Senf. // Am Montag kam's zurück / Und rülpste laut vor Glück.“

          Luftsprünge statt erdenschwerer Wirklichkeit

          Man kann sich nicht sattsehen an den Bildern von Kathrin Schärer. Auf den ersten Blick erinnern manche an den großen Wolf Erlbruch, doch dann merkt man, dass Schärers rundlicher sind, weicher, verspielter, auch wenn der Umgang mit Details wie Fell, die subtil verwendeten Collageelemente und der Wechsel zwischen grobem und feinem Strich dem frühen Erlbruch offensichtlich viel verdanken.

          Großartig sind vor allem die Blicke, die diese Basler Illustratorin inszeniert. Da betrachtet das Gnu, das seine Schuh dem Schwein geschenkt hat, dessen Anprobe mit freundlichem Interesse, während das rosige Gegenüber den Stiefel an seiner Hinterpfote mit banger Skepsis mustert; der Bär, der fand, er sei zu schwer, äugt bedenklich auf die Gewichtsanzeige der Waage; und das Schwein mit der Liebe zu rotem Wein hat die Lider im Dusel geschlossen und die Schnauze auf das karierte Tischtuch sinken lassen. Und selbst dort, wo eine Versgeschichte ein böses Ende nimmt, wie im Fall des Fuchses, der so still im Gras lag, dass sich ihm ein müder Hase auf die Schnauze legte, entschädigt der begeistert schielende, sein Waidmannsheil kaum fassen könnende Blick des Roten für den sich anbahnenden Tod des Opfers, das hier noch, sich behaglich den Bauch haltend, nichtsahnend schlummert.

          Das Glück dieses Buches liegt in der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der hier zwei zu Scherz und Terz aufgelegte Temperamente die erdenschwere Wirklichkeit aushebeln und durch verrückte Luftsprünge ersetzen. Wo erwachsene Leser erst staunen und dann lachen, also die Nanoschrecksekunde fürs Verarbeitungsprogramm Kopf brauchen, sind Kinder, denen gereimte Geschichten ja immer sofort einleuchten, unmittelbar zur Stelle, um loszuprusten. Am nettesten ist der geflügelte Igel, der sich auf seinem Ast räkelt - wenngleich die Pointe seines Reimes nicht ganz jugendfrei ist. Und weil eine so der Sprache verpflichtete Heiterkeit wie die von Hohler ansteckend wirkt, probieren wir's jetzt auch mal: Es war einmal ein Wort / das wollte fort und fort. // Man schickte es zum Franz / und seitdem kann es Tanz.

          Franz Hohler: „Es war einmal ein Igel“. Kinderverse. Mit Illustrationen von Kathrin Schärer. Hanser Verlag, München 2011. 57 S., geb., 12,90 €. Ab 3 J.

          Quelle: F.A.Z.

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