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Neue Goethe-Biographie Ein erwachsener Blick auf das Herz der Welt

16.12.2009 ·  Monika Pelz' Goethe-Biographie portraitiert das Dichter-Leben kenntnisreich, aber kaum jugendgerecht. Dafür ist ihre Sprache zu sehr jenem Gelehrtendeutsch verhaftet, gegen das sich einst der Zorn des jungen Johann Wolfgang richtete.

Von Christian Heger
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Seit 1996 verzeichnet der Karlsruher Virtuelle Katalog die Gesamtzahl der in Deutschland bibliographisch erfassten Bücher. Wer dort im Leerfeld zur Freitextsuche das Stichwort „Goethe“ eingibt, erhält ein schier unübersichtliches Angebot von über 220.000 Treffern. Angesichts solcher Masse, die durch die Vielzahl der ständig hinzukommenden akademischen Spezialstudien kontinuierlich anwächst, muss sich jeder Autor, der ein Buch über den deutschen Dichterfürsten erwägt, zwangsläufig die ganz persönliche Gretchen-Frage stellen: Was ist diesem gigantischen Wust aus Fakten, Quellen und Deutungen noch hinzuzufügen? Wo sind noch neue Akzente zu setzen (sofern es sie überhaupt noch gibt), wo aufschlussreiche Perspektiven aufzuzeigen? Sicherlich hat sich diese Fragen auch die österreichische Jugendbuchautorin Monika Pelz gestellt, die sich unter dem Titel „Den Blick auf das Herz der Welt“ zum x-ten Male an der „Lebensgeschichte des Johann Wolfgang Goethe“ abgearbeitet hat. Doch liefert sie auch die entsprechenden Antworten?

Pelz' Buch, das auf den ersten Blick durch einen sehr schmucken Umschlag mit dem berühmten Tischbein-Portrait des Poeten in der Campagna hervorsticht, erscheint innerhalb des renommierten Verlagsprogramms von Beltz & Gelberg. Dort haben Biographien eine lange Tradition: Schon seit Beginn der achtziger Jahre bringt die für ihre orangen Bücher bekannte Jugendbuch-Sektion des Weinheimer Verlages regelmäßig Lebensbeschreibungen berühmter Persönlichkeiten in einer eigenen Reihe heraus, geleitet von der Absicht, speziell den Lesebedürfnissen eines jugendlichen Publikums Rechnung zu tragen. Die Liste ist der verfügbaren Titel ist inzwischen recht stattlich: Über große Denker wie Martin Luther und Immanuel Kant gibt es Lesestoff, über Albert Einstein und Che Guevara sowie über starke Frauen wie Hedwig Dohm, Marie Curie und Anne Frank. Wie diese Liste offenbart, orientiert sich die Auswahl in erster Linie nach bildungskanonischer Relevanz, will heißen: dem standardisierten Lehrplan der Gymnasien. Der aber umfasst selbstverständlich auch Goethe, so dass seine Aufnahme im verlegten Kreis der pädagogischen Klassiker absehbar war.

Der große Erotomane der Weltliteratur

Monika Pelz, die 1985 mit einer Biographie des polnischen Kinderbuchautors Janusz Korczak bei Beltz debütierte, hat sich der unausweichlichen Pflicht-Aufgabe angenommen und ein Leben, dessen Darstellung inzwischen ganze Bibliotheken alleine füllt, auf rund 290 Seiten zusammengepresst. Eine wahre Heldentat, sollte man meinen, sofern es ihr dabei gelungen wäre, eine Vita herauszufiltern, die auf anschauliche und für Jugendliche nachvollziehbare Weise zeigt, was Goethes Welt denn wirklich „im Innersten zusammenhält“. Das Leitmotiv, das sie sich für diesen Versuch auswählt, scheint gerade in Anbetracht ihrer Zielgruppe zunächst vielversprechend: Goethe à la Pelz, das ist der bis an die Grenzen der eigenen Kräfte Liebende, der euphorischste, unersättlichste unter den großen Erotomanen der Weltliteratur. Oder, anders gesagt: Ihr Buch ist eine entschärfte Fassung von Hans Eisslers vieldiskutierter Studie aus den sechziger Jahren, die Leben und Werk des Dichters unter dem Gesichtspunkt seiner Libido betrachtet.

Mit einem nicht enden wollenden Repertoire an Herzensd(r)amen und romantischen Episoden schreibt Pelz die Biographie des Poeten als schwärmerische Fortsetzungsgeschichte und entwirft einen Liebesreigen, bei der die parallel dazu entstandene Weltliteratur fast wie ein kompensatorisches Nebenprodukt erscheint: Kein Werther ohne Charlotte Buff, kein Gretchen ohne Lilli Schönemann, keine Iphigenie ohne Charlotte von Stein. Undenkbar die „Römischen Elegien“ ohne die erotischen Erlebnisse mit der ominösen Faustina (an deren realer Bekanntschaft mit dem Rom-Reisenden Pelz seltsamerweise festhält, obwohl selbige inzwischen durch die historische Forschung widerlegt wurde) und der ihm später angetrauten Christiane Vulpius. Unentwegt wird das Werk als autobiographisches Selbstzeugnis in Goethes Leben integriert, was zwar interessante Bezüge offenbart, aber allein noch nicht ausreicht, um die epochale Kultur-Leistung seiner Dichtkunst fassbar zu machen.

Entfesseltes Name-Dropping

Doch zugestanden: Sie ganz zu umreißen, ist für ein Jugendbuch vielleicht auch gar nicht zu leisten, mitunter sogar nicht einmal nötig. Sofern nur das Interesse am Thema und der Impuls zum Weiterlesen geweckt wird, von und über Goethe, wären alle anderen Mängel verzeihlich. Dafür aber bräuchte es etwas, das man in Pelz Werk leider vergeblich sucht: den einfachen, klar strukturierten Aufbau eines Einsteiger-Werkes. Anstelle einer linearen Erzählfolge gibt es vielfache Sprünge, von denen der merkwürdigste gleich das erste Kapitel betrifft: Kurios für ein Jugendbuch, werden die ersten beiden Lebensjahrzehnte Goethes schlichtweg ausgespart und später (ab Seite 200!) nur in Rückblenden kurz nachgetragen. Dadurch bleibt die Autorin auch bis zum Schluss den Nachweis schuldig, woher denn das dem Poeten unterstellte Verlangen, „seiner Generation eine neue Sprache zu geben“ und „die Dichtung zu befreien aus den Fesseln fremder Vorbilder, Regeln und Konventionen“, eigentlich rührt.

Zum Ausgleich fliegen die Namen und Episoden nur so am Leser vorbei, vor allem die von Goethes Liebschaften, die bald schon zu gesichtslosen, indifferenten Schattenwesen verkommen – von Kätchen Schönkopf und Friederike Brion über Maximiliane von La Roche und Minchen Herzlieb bis hin zu Ottilie von Pogwitsch und Ulrike von Levetzow. Im entfesselten Furor des Name-Droppings, dem kein erhellendes Register, nur eine kurze Zeittafel Abhilfe schafft, fühlt sich speziell der unvorgebildete Leser wohl rasch seltsam verloren, rastlos hin und herblätternd zwischen den Querbezügen, überschüttet mit bildungsbürgerlichem Bombast: „Ein Gleim, ein Gellert, ein Wieland“, fingiert Pelz einen Monolog des jungen Goethe „– allesamt Imitatoren! Über Gottsched, der die Franzosen an Pedanterie noch übertrifft, darf gelacht werden! Dagegen ein Lessing! Ein Klopstock!“ Für eine Lese-Empfehlung ab vierzehn Jahren, die der Verlag für das Buch auf seiner Website lanciert, erscheint die vorausgesetzte Kenntnis all dieser Dichter doch reichlich absurd. Der Oberstufenschüler ist in dieser Hinsicht vielleicht etwas besser dran, doch auch ihm hätte man es einfacher machen können.

Keine jugendliche Sprache

Zweifellos: Als Dichter-Biographie ist Monika Pelz Buch solide, profund und informativ. Erzählt wird die Geschichte eines liebenden Genies zwischen euphorischem Missionierungsdrang und demütiger Selbstentsagung, zwischen Sturm und Drang, Klassik und Romantik. Die Eckpfeiler seiner Zeit – das Erdbeben von Lissabon, die Halsbandaffäre, die Französische Revolution – verschmelzen zu einem komplexen Zeitbild, das an der Einzigartigkeit dieser von Umbrüchen gezeichneten Epoche keinen Zweifel lässt. Den erhofften innovativen Zugang aber, der der Biographin eine eigene Stimme im Wust der Goethe-Literatur verliehen hätte, vermisst man leider. „Den Blick auf das Herz der Welt“ taugt nicht als Standardwerk einer jugendlichen Rezeption, denn es schlüsselt die Welt des deutschen Klassikers nicht jugendgerecht auf. Dafür ist es zu sehr jenem Gelehrtendeutsch verhaftet, gegen das sich einst der Zorn des junge Johann Wolfgang richtete: „Erst durch Goethe wird man begreifen, dass Jugend eine eigene Sprache hat“, vermerkt die Autorin im ersten Kapitel. Leider ist es ihr nicht gelungen, die speziellen Eigenarten dieser Sprache und ihren ureigenen Zauber für sich neu zu entdecken.

Pelz, Monika: „Den Blick auf das Herz der Welt“. Die Lebensgeschichte des Johann Wolfgang Goethe. Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim / Basel 2009, 288 S., geb., 18,- €.

Quelle: F.A.Z.
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