02.10.2010 · In diesem Kinderbuch Buch macht ein einziger Satz aus unbeschwertem Spiel bittren Ernst. Nur vordergründig geht es um häusliche Gewalt, viel mehr um Vertrauen und um eine große Aufgabe: Morten Dürr spielt „Stille Post“.
Von Elena GeusKinder spielen es begeistert, Erwachsene bedienen sich eher des Prinzips. Bei „Stille Post“ entstehen beim Weiterflüstern von Gehörtem in bestem Sinne wunderbare Wortkettenkreationen, in schlechter Absicht wird mit dem Tratschen von Einem zum Nächsten und weiter zum Dritten ein Ruf ruiniert.
„Peter trägt mich“ kommt am Schluss der Tuschelrunde von Anna, Sarah, Sophie, Alina, Maria und Johanna heraus. Was Anna, die stille Neue in der Klasse, zu Anfang in Sarahs Ohr raunt, kann diese nicht fassen: „Mein Papa schlägt mich.“
Vorbei ist der Spaß, weggeblasen das schöne Gefühl von Kitzeln im Ohr und warmem Atem an der Wange. Als die anderen lachend nach dem Ausgangssatz fragen, schweigen Anna und Sarah - die eine vor Scham, die andere vor Entsetzen.
Verborgen hinter angstvollem Flüstern
In Morten Dürrs Buch macht ein einziger Satz aus unbeschwertem Spiel bittren Ernst. Nur vordergründig geht es um häusliche Gewalt, viel mehr um Vertrauen und um eine große Aufgabe: Ist jemand aus Angst fast verstummt, muss ein anderer die Stimme erheben. Dürr spielt geschickt mit der Mehrdeutigkeit des Begriffs „Stille Post“ auch als Sinnbild für die Entstehung von Gerüchten. Kann ein nett lächelnder Vater wirklich ein Schläger sein? Viele Fragen stecken in dem schmalen Band, für Antworten bleibt angenehm Raum. Wie leise muss man bleiben, wenn ein Geheimnis gelüftet gehört? Und wie laut muss man brüllen, um Gehör zu finden? Beherzt und einfühlsam zeigt Dürr, wie Kinder mit dem gewaltigen Schrei umgehen, der sich hinter angstvollem Flüstern verbirgt.
Am Ende der letzten Tuschelkette heißt es „Der Putzlappen ist aufgeflogen.“ Über diesen Unsinn - mit ihm schließt sich der Kreis zum fröhlichen Sprachspiel - können alle Mädchen lachen. Selbst Anna, obwohl ihr Satz zu Beginn wiederum ein ernster war. Doch diesmal war es einer mit einer ausgesprochen guten Nachricht.